Interview mit Einar Solberg von Leprous

Einar Solberg ist der Traum eines jeden Interviewers: Sympathisch, redselig und ehrlich. Dank dieser Eigenschaften erfuhren wir nicht nur, dass er dieses Interview gerade während seiner Nachtschicht beantwortet, sondern auch, dass LEPROUS am liebsten in Frankreich touren, erst mit dem aktuellen Album beginnen Geld zu verdienen und er die ersten Veröffentlichungen wie zum Beispiel „Bilateral“ nicht mehr mag.

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Ein verspätetes Herzlichen Glückwunsch! Vor zwei Monaten hattest du deinen 30. Geburtstag – wie ist nun das Leben mit einer drei im Alter?
Vielen Dank! Um ehrlich zu sein, fühle ich bisher keine Veränderung. Die Dinge laufen besser als je zuvor, sowohl im persönlichen Bereich als auch beruflich. Ich kann mich nicht beschweren!

einar-solbergIch möchte dir zu „The Congregation“ gratulieren! Wir gaben euch dafür acht von zehn Punkten, andere Magazine waren sicherlich ebenso enthusiastisch, aber wie fühlst du dich damit? Mit welchen Adjektiven würdest du das Album beschreiben und warum?
Nochmals, vielen Dank! Generell haben wir ein großartiges Feedback für das Album erhalten, und wir sind sehr dankbar und glücklich darüber! Persönlich bin ich sehr zufrieden und stolz auf das Album. Ich denke, dass es das am meisten gereifte ist, aber auch das emotionalste und sogar das eingängigste bisher. Wir trauen uns zu tun, was wir wollen, aber ohne den Geschmack mit zu vielen Schichten zu verderben. Es war sehr herausfordernd, dieses Album zu schreiben und nach unzähligen Stunden der harten Arbeit fühlte es sich so erlösend an, damit fertig zu sein. Ich bin sehr glücklich über das Resultat und es ist das Album unserer bisherigen Karriere, auf das ich am meisten stolz bin. Es gab Momente während der Komposition und dem Aufnahme-Prozess, in denen ich mich komplett ermüdet fühlte und die Nase voll hatte von dem Album und völlig unmotiviert war. Also war es besonders schön, als wir das Album endlich zum Mixen abgeben konnten.

leprous-the-congregation-94823Folgt das aktuelle Album dem Konzept der Vorgänger oder ist „The Congregation“ etwas ganz neues? Was sind die Hauptunterschiede zwischen ihm und „Coal“?
Wir folgen keinem besonderen Konzept und lyrisch betrachtet ist “The Congregation” mehr politisch/ sozialkritisch als unsere vorherigen Alben. Das Wort „Congregation“ wird meistens in einem religiösen Kontext verwendet, wo du die Gemeinde der Kirche hast etc. Aber es kann auch für eine Gruppe von Leuten stehen, welche meiner Meinung nach blind den Worten und Vorstellungen anderer folgen, ohne Reflektion des Themas. In der heutigen Gesellschaft begegnen wir vielen Situationen, in denen von jemanden erwartet wird, bestimmten Mustern zu folgen, was die meisten Menschen eigentlich tun, entweder wegen des Mangels an Reflektion oder aus Angst, missachtet oder ausgestoßen zu werden. Besonders wenn diese Muster von der destruktiven Art sind, ist es besonders wichtig, Fragen zu stellen und darüber zu debattieren. Die Texte des Albums beleuchten mehrere dieser Phänomene, entweder, wenn es um Massenproduktion, der Wegwerf-Mentalität oder Probleme mit einem persönlichen Hintergrund geht. Der Punkt ist, nicht zu moralisieren, aber wie gesagt, Fragen zu stellen und zu debattieren. Alles ist in einer eher subtileren Art und Weise geschrieben, was persönliche Interpretationen zulässt.

Obwohl sich LEPROUS natürlich weiterentwickelt als Band, ohne gezielt unseren Sound zu verändern, fühle ich, dass jedes Album seinen eigenen Charakter hat. Während „Coal“ langsam, dunkel, atmosphärisch, aber auch impulsiv war, ist „The Congregation“ kalkulierend, technisch, fokussierend, melancholisch, aber auch emotional und eingängig. Als wir an „Coal“ arbeiteten, war der gesamte Prozess weniger strukturiert und kürze, sodass wir eine Menge Kreativität im Studio ließen. Zu Beginn der Aufnahme-Phase hatten wir keine Ahnung, wie sich das Album entpuppen würde und wir waren eher nervös. Als sich das Album als sehr gut herausstellte waren wir alle sehr erleichtert und fast überrascht.

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Bei „The Congregation“ jedoch war der Prozess sehr anders. Es war eine komplett neue Art des Denkens. Ich startete damit, mir selber Deadlines zu setzen, um zwei sketches für die Songs pro Woche zu schreiben, bis wir 30 hatten und dann stimmten wir für die, in denen wir das größte Potenzial sahen. Und dann folgten unzählige Stunden des Hörens, auswerten und planen, wohin mit den sketches. Das Album ist also sehr kopflastig, geschrieben am Computer, wenn du es mit den vorherigen Alben vergleichst. Auf diesem Album haben wir die Notwendigkeit von harter Arbeit erkannt, denn dieses Album ist wirklich ein Resultat von unzähligen Stunden strukturierter Arbeit, während besonders unser letztes Album viel mehr impulsiv war. Als wir das Studio betraten, um „The Congregation“ aufzunehmen, waren wir alle sehr viel zufriedener als wir es jemals waren.

Coal_coverSeit „Coal“ erhielten eure Cover eine immer düster werdende Atmosphäre. Denkst du ähnlich? Ist das eine beabsichtigte Entwicklung oder wie kam es dazu? Gibt es irgendwelche speziellen Gründe für die Wahl des Covers, vielleicht mit Blick auf die Texte?
Als wir damit begannen nach Referenzen für unser Cover zu schauen, blieb ich auf der Homepage des französischen Künstlers Nihil (nihil.fr) hängen. Da gab es eines seiner früheren Werke, in das ich mich sofort verliebte und ich dachte, dass es perfekt zu unserem Konzept passen würde. Ich sendete es dem Künstler, den wir geplant hatten als Referenz zu nutzen, aber bald realisierten wir, dass es wohl besser sein würde, Nihil persönlich zu fragen, ob er etwas daraus machen wollen würde. Er war interessiert und ganz kurz danach hatten wir unser Cover. Das Artwork repräsentiert die Deformation und die Zerstörung, die langsam geschieht mit unserer kurzen und „selbst-tröstenden“ Art des Lebens, was das generelle Thema des Albums ist. Es ist ein sehr beunruhigendes Cover, aber es fängt die Aufmerksamkeit des Publikums ein, was unsere Absicht ist.

23645_381417930100_1481693_nLEPROUS veröffentlichen alle zwei Jahre ein neues Album. Verdient ihr euer Geld mit der Musik und könnt euch deswegen darauf konzentrieren oder was machen du und die anderen Bandmitglieder, wenn ihr kein Instrument in eurer Hand haltet?
Bisher habe ich keinen einzigen Pfennig mit meiner Arbeit mit LEPROUS verdient, aber das ändert sich gerade endlich. Es nahm so viele Jahre in Anspruch, weil wir noch immer Schulden haben für die Jahren, in denen wir Geld in Support-Tours investierten. Dieses Jahr wird diese Schuld endlich beglichen werden und wir werden anfangen etwas zu verdienen. Also ja, jeder außer der Schlagzeuger hat einen Job. Ich arbeite mit autistischen Leuten und ich bin gerade hier in der Nachtschicht. Aber es ist ein sehr flexibler Job, bei dem ich arbeiten kann, wie es mir passt und auch während der Nachtschichten kann ich für LEPROUS arbeiten. Ich schrieb viele der Lieder für “The Congregation” hier. (lacht) Tor Oddmund arbeitet als Physiotherapeut und Øystein arbeitet in einem IT-Unternehmen. 

Dein Stil zu singen, in dem du sanfte und kräftige Töne miteinander verbindest, ist nahezu einzigartig. Wann hast du dein Talent bemerkt? Und wann hast du begonnen regelmäßig zu singen, hast du jemals Gesangsstunden bekommen? Und hast du mal in Norwegisch gesungen?
Danke dir! Ich denke ich realisierte, dass ich vielleicht ein Talent zum Singen habe, als ich etwa 15 Jahre alt war. Und ja, ich nahm Gesangsstunden bei meiner Mutter, die Gesanglehrerin ist, und Klavier-Stunden bei einem anderen Lehrer. Ich benutzte niemals viele Lehrvideos oder -Bücher, aber ich hatte Lehrer und experimentierte viel für mich selbst. Das war sehr wichtig in den frühen Phasen meiner Technik- und Ausdrucks-Entwicklung und ich würde es jedem raten, in den frühen Phasen gute Lehrer zu haben, die dich begleiten können. Ich habe auf Norwegisch gesungen, aber wegen einiger Gründe fühlt sich das ungeschickter an. (lacht) Ich werde mit LEPROUS mindestens beim Englisch bleiben. (lacht)

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Mein Lieblingssong von euch ist „Coal“, wegen deiner hochgradig melodischen Stimme, welche mich jedes Mal wieder ergreift, wenn ich den Song höre. Welcher ist dein Lieblingssong von LEPROUS und warum? Und von welchem Song wünschst du dir, ihn niemals aufgenommen und verbreitet zu haben?
Ah, das ist cool. Es ist so interessant zu erfahren, dass die meisten Leute komplett verschiedene Favoriten haben! Ich denke, dass meine aktuellen Favoriten „Slave“ und „Rewind“ vom aktuellen Album sind. Bezüglich der Lieder, die ich gerne übersprungen hätte, gibt es viele. (lacht) Ich bin kein großer Fan mehr von einem unserer drei ersten Alben, aber ich respektiere sie sehr als wichtigen Teil für die Entwicklung, dank der wir das wurden, was wir nun sind

baard-koldstad„The Congregation“ ist die Premiere von eurem neuen Schlagzeuger Baard Kolstad. Erkennst du einen großen Unterschied zwischen seinem Spiel und dem von Tobias Ørnes Andersen? Wie war der Einfluss von Kolstad während der Aufnahmen zu dem Album? Und gab sein Zutun LEPROUS eine erfrischende Note und falls ja, inwiefern?
Baard ist ein wundervoller Hauch frischer Luft für LEPROUS gewesen. Beide, er und Tobias, sind fantastische Schlagzeuger. Tobias ist etwas mehr locker und jazzig in seinem Stil, während Baard vielleicht etwas mehr technisch und härter draufschlagend ist. Schwer zu sagen. Baard besitzt soviel positive Energie und er bringt sie mit in die Band. Außerdem ist zu erwähnen, dass er ein Perfektionist ist, was eine sehr willkommende Fähigkeit ist für jedes LEPROUS-Mitglied.

Ende diesen Jahres werden LEPROUS eine Tour durch Europa starten, bist du bereits aufgeregt deswegen? In welchem Land spielst du am liebsten und warum? Präferierst du kleinere Clubs oder größere Hallen?
Ich kann es ehrlich gesagt nicht erwarten, auf die Bühne zu gehen und die Songs von “The Congregation” für unser Publikum zu spielen. Aufgeregt wäre eine Untertreibung. (lacht) Ich liebe es zu touren! Ich denke, dass wir am liebsten in Frankreich spielen, wegen der Menge des Publikums, die wir dort erreichen, dem Essen und der Lautstärke der Menge! Um ehrlich zu sein, bevorzuge ich größere Veranstaltungsorte, aber kleinere Clubs können ebenfalls ihren Charme haben. Und ich denke, dass es das ist, wo wir am meisten im Herbst auftreten werden. (lacht) Also, ich bin kein Fan von sehr, sehr großen Hallen, denn ich denke nicht, dass der Sound dort oft gut ist. Aber eine Kapazität zwischen 600 – 2000 Menschen ist wundervoll.

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Ich möchte das Interview mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir ein beim Lesen der folgenden Begriffe:
Deine aktuelle Regierung
: Status quo.
Nicht-musikalisches Highlight 2015: Ich traf meine Frau.
Traumjob als Kind: Glasbläser.
LEPROUS in zehn Jahren: Hoffentlich groß genug, um zu überleben.
Musiker des Millenniums: Michael Jackson.

Danke für das Interview! Viel Glück für LEPROUS und lass es dir gut gehen! Falls du noch etwas hinzufügen möchtest, gehören die letzten Worte dir!
Vielen Dank dafür! Ich hoffe euch bei unseren Konzerten in Deutschland zu sehen:
03.10.15 – Euroblast-Festival, Köln
17.10.15 – Substage, Karlsruhe
18.10.15 – Backstage, München
21.11.15 – Generation Prog-Festival, Nürnberg