Overkill w/ Destruction, Flotsam & Jetsam, Chronosphere

  • München, Backstage (Werk)
  • 10. März 2019
Konzertfotos: Overkill w/ Destruction, Flotsam & Jetsam, Chronosphere

Erst vor wenigen Wochen hat die Thrash-Instanz OVERKILL mit „The Wings Of War“ ihr 19. (!) Studioalbum veröffentlicht. Wenn das kein Grund ist, sich auf Tour ordentlich feiern zu lassen. Mit zwei Szenegrößen wie DESTRUCTION und FLOTSAM AND JETSAM im Vorprogramm und beeindruckenden Vorverkaufszahlen, die selbst im Backstage Werk München mit seinen gut 1.200 Plätzen volles Haus versprechen, sind die Rahmenbedingungen eigentlich perfekt.

Weniger perfekt ist leider offensichtlich die Absprache zwischen Tourmanagement und Location: Während überall zu lesen ist, der Einlass sei bereits um 18:00 Uhr, öffnen die Pforten des Werks schlussendlich erst eine Dreiviertelstunde später. Das ist für die brav in einer langen Schlange stehenden Fans nicht nur wegen der winterlichen Temperaturen unangenehm, sondern führt auch dazu, dass längst nicht alle Fans, die eigentlich pünktlich vor Ort waren, auch rechtzeitig in der Halle stehen.

Denn die Stagetime von CHRONOSPHERE, die kurz vor der Tour für die eigentlich vorgesehenen Meshiaak eingesprungenen sind, bleibt vom Einlasschaos unbeeinflusst: Punkt 19:00 Uhr muss die Band auf die Bühne – obwohl es zu diesem Zeitpunkt allenfalls 150 Fans ins Werk geschafft haben. Dass sich der Showbeginn wegen Verstärkerproblemen noch fünf Minuten verzögert, ist da fast positiv – schlussendlich jedoch nur der Vorbote eines Totalausfalls des Geräts. So sehen sich CHRONOSPHERE gezwungen, den Großteil ihres 30-Minuten-Sets mit einer Gitarre herunterzureißen. Die Thrasher machen trotzdem das Beste draus: Vor allem Fronter Spyros Lafias gibt, von der Gitarre befreit, ordentlich Gas und versucht sogar bei einem Ausflug ins Publikum einen Circlepit zu starten. Dass das nicht so recht klappen mag, liegt vielleicht auch daran, dass die roten Hosen das Charakteristischste an CHRONOSPHERE sind – ihr Songmaterial hingegen kommt selbst für traditionellen Thrash sehr abgedroschen daher. Mit der Wahl des abschließenden Coversongs bestätigen CHRONOSPHERE diesen Eindruck: Zwar kann sich ihre Darbietung des Motörhead-Klassikers „Ace Of Spades“ durchaus hören lassen – wie in ihrer Musik spielen CHRONOSPHERE damit aber einfach zu sehr auf Sicherheit, um wirklich punkten zu können.

Von „Sicherheit“ lebt auch der anschließende Auftritt von FLOTSAM AND JETSAM – allerdings mehr der Sicherheit an den Instrumenten: Mit beeindruckender Präzision schütteln Drummer Ken Mary – früher auch schon bei Größen wie Alice Cooper und Accept aktiv – und die Saitenfraktion Song um Song aus dem Ärmel, während Fronter Eric A.K. mit seiner leicht kratzigen und doch tonsicheren Stimme begeistert. Leider wirken FLOTSAM AND JETSOME bei alledem einen Tick zu routiniert: Von einem kurzen Beitrag des ehemaligen Bandmitglieds und heutigen Overkill-Schlagzeugers Jason Bittner als Gastsänger abgesehen ist die Show leider nicht mehr als eine Darbietung aus vermutlich tausenden, die die Thrasher in ihrer Karriere schon absolviert haben: Zwar sitzt hier jeder Ton – und auch das Set ist recht vielseitig und somit gelungen zusammengestellt. Doch obwohl die Halle mittlerweile bis hinten voll gutgelaunter Thrasher ist, will der Funke in den gebotenen 40 Minuten trotzdem nicht so recht überspringen.

Setlist FLOTSAM AND JETSAM

  1. Prisoner Of Time
  2. Desecrator
  3. Iron Maiden
  4. Hammerhead
  5. Demolition Man
  6. Suffer The Masses
  7. Prepare For The Chaos
  8. No Place For Disgrace


Das ist in den folgenden 55 Minuten anders: Wie jedes Mal, wenn DESTRUCTION in München zu Gast sind, können sich die Thrash-Heroen aus Weil am Rhein auch heute auf das Publikum verlassen. Und andersherum: Mit „Curse The Gods“ starten Schmier und Konsorten in ein vielseitiges Set, vom Debüt „Infernal Overkill“ (1985) bis zu „Under Attack“ (2016) nicht nur 30 Jahre Thrashgeschichte umspannt, sondern auch immerhin sieben Alben der Band berücksichtigt. Und doch ist heute alles anders als sonst: „Schmier und Konsorten“ bedeutet nämlich nicht mehr „Schmier, Mike und Vaaver“. Für den 2018 ausgestiegenen Vaaver sitzt jetzt mit Randy Black – früher unter anderem bei Annihilator und Primal Fear – ein absolut würdiger Nachfolger hinter den Kesseln. Auch heute glänzt dieser mit absoluter Präzision und verleiht den Songs mit seinem kraftvollen Drumming ordentlich Punch.

Vor allem aber ist aus dem Trio (bemerkenswerterweise nur kurz nach der Umstrukturierung der Kollegen von Sodom in ein Quartett) durch die Hinzunahme von Gitarrist Damir Eskić ebenfalls ein Viergespann geworden. Der Effekt ist unüberhörbar: Da Eskić sein Handwerk wirklich versteht, erlebt man DESTRUCTION heute auf technisch höherem Niveau denn je zuvor. Ein „Gschmäckle“, wie der Schwabe sagen würde, hat die Sache dennoch: Gerade weil Eskić so versiert ist, dabei aber über weite Strecken nur Mikes Gitarrenspur doppelt und dabei auch in seinem Auftreten keinen Zweifel an seinem großen Ego lässt, wirkt der eher zurückhaltende Stammgitarrist im neuen Lineup nun wie das fünfte Rad am Wagen. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass der eigentliche Zugewinn für DESTRUCTION nicht in der zweiten Gitarre, sondern in der bei DESTRUCTION so nicht gekannten Fingerfertigkeit von Eskić liegt.

Setlist DESTRUCTION

  1. Curse The Gods
  2. Release From Agony
  3. Nailed To The Cross
  4. Mad Butcher
  5. Dethroned
  6. Life Without Sense
  7. Total Desaster
  8. The Butcher Strikes Back
  9. Thrash Till Death
  10. Bestial Invasion


War der Auftritt von Destruction schon eine Machtdemonstration, verblasst das eben Gesehene fast augenblicklich, als OVERKILL um 22:10 Uhr zum ohrenbetäubend laut abgespielten Intro ihres brandneuen Albums „The Wings Of War“ die Bühne entern: Vor eindrucksvollen Boxentürmen und in das bandtypische giftgrüne Licht getaucht, machen Bobby „Blitz“ Ellsworth und seine Mitstreiter heute, um die abgedroschene Floskel zu bemühen, wahrlich keine Gefangenen. Ein perfekter, ausgewogener Sound der gleichermaßen schiebt und den Gitarren genug Platz für die flotten Soli einräumt, und ein wahres Best-of-Set, für das OVERKILL Songs von zehn ihrer Studioalben zu einem bunten Strauß Thrash-Hymnen zusammenbinden, lassen nicht nur bei den zahlreich erschienenen Fans der Amerikaner keine Wünsche offen. Auch das restliche Publikum ist von der energetischen Darbietung von OVERKILL direkt mitgerissen.

Während „Blitz“ wie gewohnt jeden Song mit einem perfekt getimten Sprint vom Bühnenrand zum Mikrophon eröffnet, sorgen im Pit ein nicht enden wollender Circlepit und lautstark mitgesungene Strophen für die entsprechende Stimmung. Auch wie man ein Konzert choreografieren muss, braucht den Amis keiner mehr erzählen: Nach dem großen Finale aus „Feel The Fire“ und „Rotten To The Core“ lassen OVERKILL mit dem traditionell gecoverten „Fuck You“ (im Original von The Subhumans), dem „The Wings Of War“-Hit „Welcome To The Garden State“ und einer neuerlichen Runde „Fuck You“ als Rausschmeißer einen Zugabenblock folgen, der das Backstage Werk noch ein letztes Mal zum Kochen bringt, ehe nach stolzen 90 Minuten Spielzeit schließlich Schluss ist.

Setlist OVERKILL

  1. Last Man Standing
  2. Electric Rattlesnake
  3. Hello From The Gutter
  4. Elimination
  5. Deny The Cross
  6. Distortion
  7. Necroshine
  8. Under One
  9. Bastard Nation
  10. Mean, Green, Killing Machine
  11. Feel The Fire
  12. Rotten To The Core
  13. Ironbound
  14. Fuck You (The-Subhumans-Cover)
  15. Welcome To The Garden State
  16. Fuck You (The-Subhumans-Cover, Wiederholung)


Am Ende feiern heute nicht nur OVERKILL mit ihren Fans fast 40 Jahre Bandbestehen und das neue Album „The Wings Of War“. Vielmehr feiert sich in diesem rundum stimmigen Setting aus einer Newcomerband, drei verdienten Szenegrößen und einem grandios aufgelegten Publikum die Thrash-Metal-Szene als Ganzes. Vielseitiger, energiegeladener und schweißtreibender kann ein reiner Thrash-Abend kaum ausfallen. Wer hier fehlt, wird es schwer haben, dieses Versäumnis in diesem Konzertjahr wieder auszugleichen. Aktuell zumindest ist keine Tour angekündigt, die das Thrasher-Herz auch nur annährend so hoch schlagen zu lassen verspricht.

Konzertfotos: Overkill w/ Destruction, Flotsam & Jetsam, Chronosphere

2 Kommentare zu “Overkill w/ Destruction, Flotsam & Jetsam, Chronosphere”

  1. rexregum

    Augenzwinkernd zwei Korrekturen:
    – Overkill feiern bald 40.
    – Ganz so perfekt getimmt blitzte Blitz nicht immer ans Mikro, manchmal war er erst an bei der zweiten oder dritten Silbe am Mikro angekommen.

    Ansonsten grandios. Mit Destruction bin ich noch nie so recht warm geworden, ich habe gar nicht gemerkt, dass sie sich durch ihre komplette Diskografie gespielt haben. Es klang vom Tempo her irgendwie alles gleich. Overkill war aber wie beschrieben – grandios, laut, voller Spielfreude! Der Sound war klasse, Blitz gesanglich unglaublich variabel!

    1. Moritz Grütz Post Author

      Hallo! Danke für deine Korrekturen, zumindest mit erstem hast du natürlich recht, das habe ich im Bericht entsprechend angepasst. Was zweiteres angeht… ja nun. Darauf kommt es am Ende wohl nicht an ;) Beste Grüße, bleib uns als Leser treu!

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