CD-Review: Overkill - Live In Overhausen (2CD+Bluray)

Besetzung

Bobby Blitz - Gesang
Derek "The Skull" Tayler - Gitarre
Dave Linsk - Gitarre
D.D. Verni - Bass
Eddy Garcia - Schlagzeug

Tracklist

01. Coma
02. Infectious
03. Blood Money
04. Thany For Nothin'
05. Bare Bones
06. Horrorscope
07. New Machine
08. Frankenstein
09. Live Young Die Free
10. Nice Day - For A Funeral
11. Solitude
12. Raise The Dead
13. Rotten To The Core
14. There's No Tomorrow
15. Second Son
16. Hammerhead
17. Feel The Fire
18. Blood And Iron
19. Kill At Command
20. Overkill
21. Fuck You


Eines der schönsten Dinge am fortschreitenden Dienstalter einer Band düfte der Umstand sein, dass man regelmäßig irgendwelche Jubiläen feiern kann: Ab einem bestimmten Zeitpunkt gibt es ständig runde oder halbrunde Geburtstage hier und zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre seit Erstveröffentlichung eines beliebigen Album aus dem Backkatalog dort zu feiern. Kaum eine Veröffentlichung mach dies deutlicher als „Live In Overhausen“, denn hier feiern OVERKILL nicht nur den 25. Geburtstag ihres legendären „Horrorscope“-Albums, sondern auch gleich noch den 30. ihres Debüts „Feel The Fire“. Runde und halbrunde Geburtstage eben.

Mitgeschnitten wurde „Live In Overhausen“ am 16. April 2016 in der „Turbinenhalle 2“ in Oberhausen. Das ist erwähnenswert, weil OVERKILL fast genau 30 Jahre zuvor im benachbarten Bochum das erste Live-Dokument ihrer Karriere aufnahmen. Das war damals die „Metal Hammer Roadshow“. Zurück in die Gegenwart: „Live In Overhausen“ ist mit ziemlicher Sicherheit kein annähernd so authentischer Live-Mitschnitt wie die erwähnte VHS von 1986. Das hat vornehmlich damit zu tun, dass sich die Produktionsstandarts geändert haben, geht aber auch auf den Umstand zurück, dass bei der Produktion von „Live In Overhausen“ ein paar ungünstige Entscheidungen getroffen wurden. Klar, der OVERKILL-Mitschnitt kommt – vor allem auf Bluray – in gestochen scharfem Bild daher und auch der Schnitt geht absolut in Ordnung, wobei es insbesondere Gitarrenfans freuen dürfte, dass man Flitzefinger Dave Linsk bei jedem Solo auf die Finger schauen darf.

Auch am Auftritt der Band selbst ist nichts auszusetzen. Die als fantastische Live-Band bekannten Jungs aus New Jersey machen ihrem Ruf von Anfang bis Ende alle Ehre und performen mit viel Energie und Spielfreude, wobei allen voran Frontmann Bobby Blitz dank ursympathischen Auftretens und gewohnt kautziger Ansagen für gute Stimmung sorgt. Aber: „Live In Overhausen“ fühlt sich zu keiner Zeit wie ein Live-Konzert an. Der Sound ist fett und gut ausgesteuert, lässt jedoch sämtliche Raumanteile vermissen und klingt so steril wie jede modernere Studioaufnahme. Das Publikum kommt zwar in entsprechenden Mitgröl-Momenten und zwischen den Songs zur Geltung, allerdings ist es deutlich spürbar, wie die johlende Menge zu- und rausgemischt wird, was sich reichlich künstlich anfühlt.

Wer die beiliegende Doppel-CD hört, bekommt also eine zeitgemäße Neuaufnahme zweier legendärer OVERKILL-Alben mit Publikumseffekten, auf der DVD gibt’s entsprechend ein schickes Musikvideo dazu. Das kann man sich ansehen, es ist jedoch schade, denn moderne Konzertmitschnitte können anders klingen. Und die Idee, die beiden an jenem Abend gefeierten Alben in Folge zu spielen, ist ja auch durchaus sinnvoll, denn die Gegenüberstellung des thrashig-durchdachten „Horrorscope“ und des jugendlich-ungestümen „Feel The Fire“ im Rahmen eines Konzertabends und obendrein in fetter, moderner Darbietung macht durchaus Laune.

Gerettet wird „Live In Overhausen“ von seiner cineastischen Aufbereitung, denn am Ende ist diese OVERKILL-DVD nicht als Live-Mitschnitt, sondern als „Konzertfilm“ im wahrsten Sinne des Wortes zu verstehen. Eingeleitet von einem netten Filmchen mit grölenden Kuttenträgern und Interview-Fetzen wird „Live In Overhausen“ immer wieder von Wortmeldungen der Musiker und einiger bekannter Musikjournalisten über Archiv- und Backstagematerial unterbrochen. So bekommt dieser Konzertfilm ähnlich wie Möley Crües „The End“ dezent dokumentarischen Charakter und legt nahe, dass die Band hier nicht nur ein Konzert abfilmen, sondern tatsächlich den Weg, der sie von ihrer Gründung an zu diesem Abend führte, beleuchten möchte. Das ändert nichts an der unglücklichen klanglichen Bearbeitung, fügt jedoch eine Ebene hinzu, die diesen Umstand zum Teil aufwiegt.

Angesichts des schmerzlich geringen Live-Faktors von „Live In Overhausen“ ist die Frage berechtigt, ob OVERKILL nicht besser beraten gewesen wären, „Horrorscope“ und „Feel The Fire“ einfach im Studio neu einzuspielen, das Jubiläumskonzert in Oberhausen trotzdem zu spiele und den Konzertfilm dem Paket als tatsächliche Doku beizulegen. Das Ergebnis wäre das gleiche, nur die Verpackung ehrlicher. Dennoch: OVERKILL waren und sind eine verflucht starke Live-Band und auch auf „Live In Overhausen“ kommt das – zumindest im Videoteil – zur Geltung, für ein voll und ganz überzeugendes Live-Dokument fehlt es hier jedoch an der nötigen Atmsophäre. Eingeschränkt empfehlenswert.

Bewertung: 6.5 / 10

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