Soulfly w/ Incite

  • München, Backstage Halle
  • 08. November 2010

Auch wenn uns Max Cavalera nur wenige Stunden vorher im Interview berichtet hatte, dass die Fans das neue, härtere Material genauso lieben wie das frühere Tribal-lastigere Material, zeichnet sich um 19:00, also zur Einlasszeit, vor der Halle ein anderes Bild: Als wäre es nicht genug, dass das Konzert nicht, wie noch die letzten Male, im Werk, dem mit Abstand größten Venue des Backstage-Komplexes stattfindet, sondern in der Halle, ist die Schlange der auf Einlass harrenden SOULFLY-Jünger mehr als überschaubar – und zwar mehr, als sich mit einem Montag rechtfertigen lassen würde…
Und auch, wenn sich die Halle im Laufe des Abends noch relativ gut füllt: 300 Tickets im Vorverkauf, dazu noch einige auf Abendkasse, sind für eine Band wie SOULFLY wohl nicht gerade ein befriedigender Wert…

Den Anfang machen jedoch zunächst INCITE aus Phoenix, Arizona, welche dem Publikum mit einer Mischung aus Thrash und Core einheizen. Bis auf den relativ ausdrucksschwachen, flachbrüstig herausgepressten Gesang kann die Band mit dieser Mischung zunächst auch Punkten – fühlt man sich von dem ein oder anderen Riff doch gar an die Könige dieses Genres, Lamb Of God, erinnert. Doch auch, dass Sänger Richie über die Bühne rennt und springt, was das Zeug hält, verhindert nicht, dass der Auftritt von Minute zu Minute an Spannung verliert. Zu gleich klingt das Material auf die Dauer, zu statisch agiert der Rest der Band: Dis an der Gitarre scheint exakt einen Moove („Breitbeiniges Stehen mit Stiernackenzucken“) einstudiert zu haben, und auch bei Bassist Marrufo ginge hinsichtlich des Stageactings durchaus noch ein Gang mehr. Das Publikum sieht all das jedoch nicht gar so eng und spendet wohlwollend Beifall – lediglich bei der Bitte des Fronters um einen Circlepit zeigt es recht bestimmt, wo mit dem guten Willen Schluss ist.
Schluss ist nach knapp 40 Minuten dann auch auf der Bühne, und es beginnt die fast 45minütige Umbaupause, die gefühltermaßen zum Großteil darauf verwendet wird, die Bühne mit unzähligen Wasserflaschen auszustatten….

Setlist INCITE:
— Intro
01. The Slaughter
02. Nothing To Fear
03. Down And Out
04. Tyrannies End
05. Fast Fuckin
06. Absence
07. Rage
08. End Result
09. Divided We Fail
10. Die
11. Army Of Darkness

Um 21:20 ist dann Cavalera-Time: Wohlgenährt und mit leicht entrücktem Blick betritt der Brasilianer zum Intro von „Blood Fire War Hate“ die Bühne, um dem Backstage sogleich mit – welch Überraschung – eben diesem Song einzuheizen. Und siehe da: Das bislang eher lethargische Publikum ist in wenigen Sekunden von Null auf 100. Haare fliegen, es wird gemosht und der Refrain erschallt, wie es scheint, aus jeder Kehle im Saal. Begünstigt durch das wahre Hitfeuerwerk, dass die Brasilianer mit den folgenden Nummern „Prophecy“, „Primitive“ und „Seek’N’Strike“ gleich zu Beginn abfeuern, ist nicht nur die Stimmung, sondern auch die Raumtemperatur in der Halle schon bald im oberen Bereich der Richterskala angekommen…
Wenig überraschender Weise, denkt man an die letzten beiden Alben, liegt der Schwerpunkt auch bei der heutigen Setlist auf härterem Material: Neben den Oldschool-Sepultura-Songs kommen fast nur thrashige Nummern zum Zug, der Fan melodischer Weltmusikparts wird nahezu gänzlich enttäuscht: Selbst der Tribal-Jam, bei dem alle SOULFLY-Musiker zu den Drumsticks greifen, wird auf ein Minimum reduziert: Wo dieser früher quasi den Mittelpunkt einer SOULFLY-Show darstellte und zumeist mit einem Fan auf der Bühne ausgiebig gefeiert wurde, wirkt es heute fast so, als würde er lediglich der Vollständigkeit halber als bloßes Pflichtprogramm durchexerziert.
Sicherlich, so richtig passen will das Stück auch nicht zwischen Thrash-Kracher wie „L.O.T.M.“ und den Sepultura-Klassiker „Troops Of Doom“ – in dieser verkümmerten Form hätte man darauf jedoch auch ganz verzichten können.
Was heute zu erwarten ist, scheint die Fanschar jedoch im Vorhinein erahnt zu haben: Von dem buntgemischten, alternativen Publikum, welches die SOULFLY-Konzerte der vergangenen Jahre bevölkerte, ist nahezu nichts mehr zu sehen, statt dessen Reihen sich kurzhaarige Hardcoreler an langhaarige Black Metaller – bezeichnend für den Stilwechsel, aber auch ein Zeichen dafür, dass bei Leibe nicht alle SOULFLY-Fans ihrem Idol in die Welt des Thrash Metal gefolgt sind…
Die dort beheimateten Fans hingegen dürfen sich über ein Konzerterlebnis freuen, wie es in dieser Härte von SOULFLY bislang nicht zu erleben war: Es wird gesägt und gedroschen ohne Ende, mit „Walk“ findet gar ein Pantera-Cover seinen Weg ins Set und was Max wie in Trance seine E-Saite schrubbt, kompensiert Mark Rizzo mit Leichtigkeit gleich doppelt (aber gut, er hat auf seiner 8-Saitigen Gitarre ja auch doppelt so viele Saiten wie Mr. Cavalera, welcher bei seinen Instrumenten generell auf die beiden höchsten Saiten verzichtet).
Ganz wie in den esotherischen Tagen scheint lediglich der Drogenkonsum im Bandlager zu sein – bringt der Mann mit den legendären Dreadlocks und dem guruhaften Auftreten doch nach jedem Gang hinter die Bühne eine über den Photograben hinweg bis in die ersten Reihen deutlich wahrnehmbaren Marihuana-Wolke mit. Dass der Fronter bisweilen leicht entrückt und wie in Trance wirkt, ist insofern wenig überraschend – aber einen Bob Marley hätte man sich schließlich auch nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte auf einer Bühne vorstellen können…

Ob es nur das ist, oder auch einfach daran liegt, dass selbst ein Max Cavalera nicht über den Lauf der Zeit erhaben ist, ist schwer zu beurteilen: Generell muss man aber wohl sagen, dass der Sepultura-Gründer schon agiler und nicht zuletzt auch stimmgewaltiger war: Headbangen oder sonstige schnelle Bewegungen sind nicht mehr so seines, hat man das Gefühl (jedoch scheint sich der mittlerweile leicht pummelige Sänger in dieser Rolle aber durchaus wohlzufühlen) und von so schmerzhaften wie natürlichen Tatsache, dass man seine Stimme ab einem gewissen Alter nicht mehr wie in jungen Tagen belasten kann, können auch andere Leidensgenossen, an denke nur an Tom Araya ein Lied singen (oder eben nicht). Im Vergleich zum diesbezüglich desaströsen Auftritt auf dem Summerbreeze 2008 wirkt Max jedoch wieder verhältnismäßig gut in Form – allein die Spielzeit, die mit einigen längeren Zugabe-Pausen gerade einmal 75 Minuten beträgt und damit für SOULFLY-Verhältnisse doch relativ kurz ist, lässt erahnen, dass mehr heute einfach nicht drinn ist – denn an Motivation seitens der Band oder des Publikums scheitert es ganz sicher nicht.

Auch wenn SOULFLY heute vielleicht weder die größte, noch die beste Show ihrer Karriere aufs Parkett gelegt haben, dürfte wohl kaum ein Fan unzufrieden nach Hause gehen. Sicherlich, SOULFLY sind nicht mehr die Band, die sie zu „Dark Ages“-Zeiten beziehungsweise noch davor waren – dessen sollte sich aber seit „Conquer“ jeder bewusst sein. Dennoch haben die Brasilianer auch heute wieder ein mitreißendes Konzert abgeliefert, das dank der energiereichen Show bezüglich der Hallentemperatur und -luftfeuchtigkeit einem Saunabesuch recht nahekommt… wer hier trockenen Gewandes den Saal verlässt, hat definitiv etwas falsch gemacht.
Insofern: Bis zum nächsten Mal, Max, wenn es wieder heißt: Munich, Jumpdafuckup!

Setlist SOULFLY:
— Intro
01. Blood Fire War Hate
02. Prophecy
03. Primitive
04. Seek ’n‘ Strike
05. I And I
06. Babylon
07. Kingdom
08. Refuse / Resist
09. Bloodbath & Beyond
10. L.O.T.M.
11. Porrada / Drums
12. Troops Of Doom.
13. Frontlines
14. Carved Inside
15. Arise / D.E.C.
16. Jeffrey Dahmer
17. Rise Of The Fallen
18. Roots
19. Jump
20. Eye For An Eye

Konzertphotos von: Moritz Grütz

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: