
Mit ihrem Album „Stage Four“, auf dem Sänger Jeremy Bolm so kraftvoll wie berührend den Krebstod seiner Mutter verarbeitet, konnten TOUCHÉ AMORÉ ein absolutes Highlight des Musik-Jahres 2016 vorlegen. Nun geht die Band auf Tour, und neben der Vorfreude auf das anstehende Konzerterlebnis schwingt auch die Frage mit, wie ein Mensch es schafft, solch persönliche, bedrückende Texte jeden Abend vor wildfremden Leuten zu rezitieren. Zunächst jedoch stehen mit SWAIN und ANGEL DU$T zwei Vorbands auf dem Programm.
Den Anfang machen um Punkt 20:00 die Niederländer SWAIN. Das extravagante Auftreten von Fronter Noam in schwarzem Oversize-Shirt (zu weißen Sneakern), seine extrovertierten Tanzschritte und der extreme Scream-Gesang wollen in sich schon nicht recht zusammenpassen. Die Musik, die sich auf ziemlich basalem Level irgendwo zwischen Punk und Rock bewegt und mit simpelsten „Melodieläufen“ im Stil von Fernseh-Themes (nicht eben positiv) überrascht, rundet das Bild nicht unbedingt ab. An mangelndem Einsatz scheitert es heute nicht: Mit anderer Musik hätten SWAIN durchaus das Potential, unterhaltsam zu sein. So jedoch reagiert das bereits früh am Abend sehr zahlreich erschienene Publikum eher neutral auf den halbstündigen Auftritt.
Letzteres kann man bei den folgenden ANGEL DU$T nicht behaupten. Vom ersten Akkord an eskalieren die Fans der Band aufs Härteste. Die gezeigten Hardcore-Moves passen perfekt zum Sound der Band: So aggressiv und prollig, wie ANGEL DU$T musizieren, wird hier auch gemosht. Während Fronter Jurtice Tripp mit Pornobrille, -balken und Gold-Grillz, goldenen Aufsteck-Kronen für die Schneidezähne, den Kernasi-Flair der Mitgröl-Refrains optisch gelungen untermalt, liefern ANGEL DU$T musikalisch vor allem Hausmannskost: Mit massig Anleihen an 90er-Jahre-Oldschool-Hardcore und dreckigem Skatepunkt haben ANGEL DU$T wenig Neues zu bieten. Den eingefleischten Oldschool-Hardcore-Fans vor der Bühne, die wohl hauptsächlich für diesen Auftritt gekommen sind, macht das offensichtlich wenig – allerdings lässt sich anhand der Publikumsreaktionen auf die ebenfalls halbstündige Darbietung auch klar differenzieren, wer sein Ticket vornehmlich wegen Touché Amoré gekauft hat.
- Stepping Stone
- Toxic Boombox
- Upside Down
- Let It Rot
- Beat My Brain
- Stay
- Slam
- Rage
- Bad Thing
- Big One
- Rectify
- Headstone
- Take My Love
- Set Me Up
All jene kommen ab 21:30 auf ihre Kosten. Wer dachte, bei Angel Du$t wäre vor der Bühne was los gewesen, wird umgehend eines Besseren belehrt: Während TOUCHÉ AMORÉ mit „Flowers And You“ ins Set starten, gibt es im nunmehr bis auf den letzten Platz gefüllten Hansa39 kein Halten mehr. Mit glasklarem Sound gesegnet, feuern TOUCHÉ AMORÉ einen Hit nach dem anderen auf ihre im eigenen Saft gegarte Fanschar ab. Und tatsächlich gelingt Jeremy das Husarenstück: Obwohl die Stimmung an der Decke ist, wirken die emotionalen Songs von „Stage Four“ weder wie Fremdkörper, noch in einen unpassenden Rahmen gestellt. Entsprechend textsicher unterstützt das Münchner Publikum den Sänger wo immer passend und sorgt so nicht nur einmal für Gänsehaut-Feeling. Nach rund 60 Minuten und der stolzen Anzahl von 19 gespielten Songs verabschieden sich TOUCHÉ AMORÉ sichtlich berührt vom Publikum der letzten Deutschland-Show dieser Tour – freilich nicht, ohne sich noch einmal für eine Zugabe („Non Fiction“) auf die Bühne bitten lassen.
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So gut TOUCHÉ AMORÉ auch ins heiße, enge Hansa39 passen – die heutige Show dürfte die letzte der Band in dieser Location gewesen sein. Schade um die familiäre Atmosphäre, die auch der heutigen Show anhaftet, aber es wird Zeit für größere Hallen! Ihrer musikalischen Qualität, aber auch ihrer mitreißenden Liveshows wegen dürften Clubs wie das Hansa39, das bereits heute an seine Kapazitätsgrenzen stößt, spätestens mit einem neuen Album keine echte Option mehr sein.
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