Manche Platten werden einfach zu früh veröffentlicht. Da steht der Marienmonat Mai in voller Blüte, fromme Pilger mit Bollerwägen voller Bier begehen den Vatertag, irgendwo im Wald bellt ein Reh. Und dann zelebrieren A FOREST OF STARS auf „Stack Overflow In Corpse Pile Interface“ den Herbst. Musik so verregnet, widersprüchlich und melancholisch wie die immer etwas surreale und die Farben weichzeichnende Zwischenwelt, die den Sommer vom Winter trennt. Nun gut, so mag man einwenden, A FOREST OF STARS sind Briten, und damit anderes Wetter gewöhnt als der gemeine Kontinentaleuropäer. Das erklärt den Sound auf dem so kryptisch betitelten neuen Album aber nur zur Hälfte. Oder anders herum: nicht das Wetter auf Albion erklärt den Sound, sondern gerade die Tatsache, dass es sich um Briten handelt.
Denn „Stack Overflow In Corpse Pile Interface“ atmet in jeder Sekunde die Atmosphäre und den Sound der Insel. Schon der läppische acht Minuten lange Opener „Ascension Of The Clowns“ macht mit diesem speziellen Mix bekannt. Die Fidel, die eine „Queen Of Ghosts“ Katheryne bedient und die beinahe allen überlangen Songs ihren Stempel aufdrückt, hätte sich so auch bei den Landsmännern von Skyclad finden können. Die Riffs und die von ihnen aufgebaumte gotisch-düstere Grundstimmung kennt man von den ebenfalls Landsmännern Code, die Lust am Geschichtenerzählungen von den musikalisch aber gänzlich anders beheimateten Cradle of Filth. Irgendwo im Fluss schwimmen auch noch die Wasserleichen von My Dying Bride vorbei. Was dem Ganzen den wirklich individuellen Stempel aufdrückt, ist der deklamatorische „Gesang“ von Frontman Curse. Eher ein Prediger, gern sich überschlagend und expressiv wie auf einer Theaterbühne in Stratford-upon-Aven richtet er seine dadaistischen, so bildreich wie verwirrenden Lyrics an die Zuhörerschaft. Die Clowns im Opener haben schon darauf hingewiesen: ganz viel auf „Stack Overflow In Corpse Pile Interface“ teilt diese Zirkusatmosphäre.
Dazwischen lässt sich in wunderschönen Ruhepausen wie den ersten Minuten von „Roots Circle Usurpers“ wunderbar die immergrüne Landschaft kontemplieren, bevor mit dem Einsetzen des Gesangs wieder der Wahnsinn einstellt und diesmal eindeutig schwarzmetallisch vorgeht. Sicher das am einfachsten zu konsumierende Album-Highlight. Doch so einfach ist es gar nicht, einzelne Songs aufzumachen. Gerade der Weg von den ersten Takten des Openers bis zum Ende von „Melancholy Seperated Logic“ erfordert hohe Aufmerksamkeit, wo ein Song endet und ein anderer beginnt. Wilde Brüche innerhalb der Songs sorgen für Verwirrung. Am besten sich einfach einlassen auf einen konstant fließenden Strom von Musik. Am Schluss warten mit dem jazzigen Wunder „Sway Draped In Vague“ mit seinen Hammond-Orgeln und dem abschließenden „Not Drinking Water“ noch zwei jeweils viertelstündige Schwergewichte, die nicht nur wie ein Mühlstein am Hals den Hörer unter Wasser ziehen, sondern auch eine gewisse Sättigung einsetzen lassen: Es ist dann einfach sehr viel (sehr gute) Musik, die leicht überfordernd wird.
Für den gemütlichen Fünf-Uhr-Tee sind A FOREST OF STARS nichts. Eher für einen stundenlangen, einsamen Spaziergang an einem verregneten Sonntagnachmittag, wenn die ganze Leere und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens wie eine schwarze Decke den Wanderer verschlingen will und die grünen Hügel und braunen Felder der Landschaft nur einladen, darin zu versinken und nicht wieder herauszukommen. Es ist ein teils wunderschöner Wahnsinn, sehr fordernd, dabei durchaus entspannt, aber immer abgründig. Wer veröffentlich so etwas im Mai?
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Wertung: 8 / 10


