CD-Review: Amorphis - Queen Of Time

Besetzung

Tomi Joutsen – Gesang
Esa Holopainen – Gitarre
Tomi Koivusaari – Gitarre
Olli-Pekka Laine – Bass
Jan Rechberger – Schlagzeug
Santeri Kallio – Keyboard, Orgel

Gastmusiker:
Albert Kuvezin – Kehlkopfgesang (Track 1)
Pekka Kainulainen – Gesang (Track 3)
Anneke van Giersbergen – Gesang (Track 9)
Jørgen Munkeby – Saxophon (Track 3)


Sessionmusiker: André Alvinzi – Keyboard
Aki Sivhonen – Klavier, Hammondorgel
Francesco Ferrini – Orchestrierung
Affif Merhej – Oud
Chrigel Glanzmann, Matteo Sisti – Pfeiffen

Tracklist

01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast


AMORPHIS waren immer schon für Überraschungen gut. Denn auch, wenn die Finnen ohne Frage „ihren“ unverkennbaren Sound haben und in gewissen Punkten stets unverkennbar geblieben sind, mussten Fans der Band im Laufe der Jahre schon einige Stilwechsel akzeptieren und sich Neuem gegenüber aufgeschlossen zeigen. So auch jetzt: War die Weiterentwicklung lange eher kleinschrittig vorangegangen und erst mit „Under The Red Cloud“ wieder in Tritt gekommen, müssen sich die Hörer mit „Queen Of Time“ auf den wohl rabiatesten Kurswechsel seit „Eclipse“ einlassen.

Bereits mit „Under The Red Cloud“ hatten sich AMORPHIS neu erfunden: Mit seinen schmissigen Riffs auf der einen, dem gelungenen Einsatz zarter Flöten auf der anderen Seite war das Werk zugleich eine Rückbesinnung auf die frühen Melodic-Death-Metal-Zeiten wie auch ein vielseitiges, frisches, innovatives Werk. Zumindest letzteres kann man auch „Queen Of Time“ bescheinigen, dem nunmehr zwölften Langspieler aus dem Hause AMORPHIS.

Bereits der Opener, „The Bee“, der tatsächlich auch musikalisch nach einer umtriebig herumschwirrenden Biene kommt, weiß melodisch mit großer Eingängigkeit bei musikalischer Vielschichtigkeit zu gefallen. Zumindest all jenen, die zu vergessen bereit sind, dass AMORPHIS dereinst eine waschechte Melodic-Death-Metal-Band waren. Keyboards, Chöre, Streicher, Klargesang, rockiges Schlagzeug erwarten den Hörer, neben Growls und Zerrgitarren, die zwar vor-, in dem ganzen Trubel aber fast zum Beiwerk verkommen.

Das gilt im Großen und Ganzen auch für die folgenden Tracks: Wie Shaghrath auf dem neuen, ebenfalls sehr symphonisch-verspielten Dimmu-Borgir-Werk, wirkt auch AMORPHIS-Fronter Tomi Joutsen mit seinen harschen Growls stellenweise eher wie eine Ergänzung – eine überaus gelungene zwar, aber eben eine Ergänzung. Anders ist das mit seinem über jeden Zweifel erhabenen Klargesang, der sich zwischen all den sanften Chören im logischen Rückschluss besser denn je in die melodiösen Songs einfügt.

Zur Ehrenrettung von AMORPHIS nach dem unrühmlichen Vergleich mit „Eonian“ sei an dieser Stelle die Qualität der symphonischen Elemente gelobt. Wenn auch sicher nicht jedermanns Sache, so muss man vor der musikalischen Umsetzung den Hut ziehen. Anders als Dimmu Borgir haben AMORPHIS aber auch keine Kosten und Mühen gescheut und ganz auf echtes Orchester und volle Chöre gesetzt – ein Aufwand, der sich in einem vollen und vitalen Klangbild bemerkbar macht: Hier klingt zwar einiges ziemlich dick aufgetragen, jedoch nichts billig.

Dennoch werden sich an „Queen Of Time“ – gerade in den sanfteren Passagen – ohne Frage die Geister scheiden: Der Anfang von „Message In The Amber“ könnte ebenso von Turisas stammen, der von „We Accursed“ einen Song auf Within Temptations „Mother Earth“ eröffnen, die Melodieführung von „Heart Of The Giant“ streckenweise auch aus der Feder von Iron Maiden stammen. Und wenn in „Amongst Stars“ die zarte Stimme von Anneke van Giersbergen (ehemals The Gathering) ertönt, ist die (Death-)Metal-Vergangenheit von AMORPHIS ganz, ganz weit weg.

Das größere Problem der Songs ist jedoch, dass sie trotz – oder gerade – wegen ihrer filigranen Strukturen, der unzähligen Details und Frickelein, Schichten und Ideen am Ende bisweilen generisch und austauschbar klingen. Seine stärksten Momente hat „Queen Of Time“, wenn AMORPHIS für die Verhältnisse des Albums einen Gang zurückschalten: Beim grandiosen „Daughter Of Hate“ etwa, das vergleichsweise hart, dafür aber mit Jørgen Munkeby (Shining (Nor)) am Saxophon und einer vom AMORPHIS-Texter Pekka Kainulainen eingesprochenen Passage daherkommt. Dann ist „Queen Of Time“ der logische Nachfolger von „Under The Red Cloud“ erkennbar, dann sollten sich alle Fans dieses Albums auch mit „Queen Of Time“ identifizieren können.

Auf „Queen Of Time“ klingen die Finnen anders, als man das von ihnen erwartet hätte – bisweilen sogar anders, als man sich AMORPHIS in seinen kühnsten Träumen je erträumt hätte. Das stellt den Hörer vor eine Herausforderung, die nicht jeder eingefleischte Fan anzunehmen bereit sein wird. Den unbedingten Willen zur Weiterentwicklung kann man der Band jedoch nur schwerlich zum Vorwurf machen, zumal, wenn dieser so konsequent und kompetent umgesetzt wurde. Nur bei einer Frage, die sich bei „Queen Of Time“ aufdrängt, wird einem Angst und Bange: Was wird aus der packenden Liveband AMORPHIS, wenn erst einmal die Hälfte der Spuren vom Band kommt? „Queen Of Time“ will tell …

Bewertung: 7.5 / 10

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3 Kommentare zu “Amorphis – Queen Of Time”

  1. gom

    Moritz hat recht und auch wieder nicht. Bei mir läuft die Scheibe seit Tagen in Dauerrotation und auch mit ihrem Bandkatalog (ausgenommen „Am Universum“ und „Far from the Sun“) bis ich seit 20 Jahren bestens vertraut.

    Zuerst die Schublade „Melodic Death Metal“. Sie passt überhaupt nicht und hat auch noch nie gepasst. Wer Amorphis da trotzdem reinstecken will und sie dahingehend bewertet, tut der Band Unrecht. Bei diesem Begriff denke ich bspw. an alte In Flames, Dark Tranquillity, Insomnium – Death Metal eben, aber mit viel Melodie in den Leads und im Gesang. Bei Amorphis passt das noch nicht mal recht zu „1000 Lakes…“ wo man dem Death Metal in Kombination mit anderem noch am Nächsten war. Aber auch damals schon waren die Ideen, die Instrumente, die Harmonien und Skalen schon weit über dem hinaus, was „normale“ Melodic Death Metal-Bands für sich zulassen.

    Moritz hat recht, wenn er sagt, dass auf dieser Platte viel passiert. Alles, was man von Amorphis kennt, wurde nun auf einmal verwendet und auf eine neue Qualitätsstufe gehoben. In Online-Interviews hat die Band gesagt, dass sie selbst von der Qualität ihres Materials wusste, dass aber noch viel im Studio passiert ist – so viel, dass sie selbst auch skeptisch waren, aber vom Ergebnis überzeugt wurden.
    Moritz meint, Tomis Gesang sei mehr eine Ergänzung. Ja und nein. Ja, weil man eben nicht sagen kann: „Amorphis = Death Metal + 10% Extra“, sondern weil die Band schon lange mehr wie ein Mosaik ist: Viele gleichberechtigte Teile, die ein großes Stimmungsbild ergeben. Ich mochte Tomis Gesang schon immer, finde aber, dass er seine Leistung auf der Platte nochmals gesteigert hat. Die Growls klingen stellenweise noch kraftvoller und zugleich klar und verständlich.
    Nein aber, weil – auch das wieder mein persönlicher Eindruck – gerade die Growls diesmal noch platzierter wirken.

    Ich teile Moritz‘ Sorge hinsichtlich der Live-Umsetzung. Auch ich bin gespannt, wie die Shows werden. Wie gesagt, mit dieser Platte bewegen sie sich stellenweise an der Grenze zum Kitsch, bekommen aber immer die Kurve und bieten bei allem eine so hohe Qualität, dass ich am Ende die Lieder genießen kann und mich nicht über sie aufrege. Zudem beruhigt mich die Aussage von Tomi (wieder aus irgendwelchen youtube-Interviews), dass er nicht vorhat, in eine symphonische Richtung abzudriften. Daher hoffe ich, dass diese geballte Ladung an Ideen in interessantes Experiment war, die hier bestens funktioniert (ich gebe der Platte 9 Punkte), die aber nicht nochmals und nochmals gesteigert wird.

    PS. Das Lied heißt nicht „We Accused“, sodern „We Accursed“

  2. Ghostroque

    Bin ich froh, dass ich die Anfangszeiten noch live miterlebt habe! Popmusik mit Scream! Tolle Wurst! Verstehe überhaupt nicht die hohe Bewertung!

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