CD-Review: Atrorum - Himmelsstürmer

Besetzung

Jasper "umbrA" Werhahn - Gesang, Keyboard, Programmierungen
Fabian Ziegler - Gitarren, Bass, Klargesang, Programmierungen

Tracklist

01. Himmelsstürmer
02. Waldgeist
03. Tagtraum
04. Hünengrab im Nebel
05. Pein
06. Erwacht
07. Erfroren im Hass
08. Tod der Konvention
09. Testament
10. Jagdzeit
11. H!mm3LsStyRmr [Rekonstruktion]


Gründet ein Multiinstrumentalist beziehungsweise -talent ein Projekt, um sich musikalisch auszudrücken, so resultiert daraus zumeist ein durchdachtes und detailverliebtes Werk, das sehr viel Individualität und eine einzigartige Atmosphäre aufweist. Doch was kommt dabei heraus, wenn gleich zwei Menschen dieser Sorte ein gemeinsames Projekt starten? Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert ATRORUM: Mehr als nur Black Metal, Avantgarde oder Progressive Metal – wohl eher alles zusammen und noch viel mehr.

Dabei sind die beiden Köpfe hinter ATRORUM nicht nur vielseitig begabt, sondern anscheinend auch unausgelastet oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, im Besitz einer Zeitmaschine, die ihnen ermöglicht, ihre Tage auf mindestens 48 Stunden zu verlängern. Anders lässt sich wohl kaum erklären, dass die beiden neben ihrem Berufsleben in unzähligen Bands aktiv sind.
Als sie 1998 merkten, dass ihr musikalischer Einfallsreichtum die relativ eng gesteckten Grenzen ihrer (bis heute bestehenden) Rockband The Neighbours zu sprengen drohte, gründeten sie ihr Kreativitätsventil ATRORUM – seit mittlerweile 11 Jahren musizieren die beiden also schon gemeinsam unter diesem Banner. Die volle Bedeutung dieser Zahl wird jedoch erst deutlich, wenn man sich klar macht, dass die beiden Herren jetzt Mitte Zwanzig sind – und somit 2003 die „Himmelsstürmer“-Demo zum gleich betitelten Album, das ein Jahr später folgen sollte und Thema dieser Rezension ist, noch im Teenager-Alter veröffentlichten.

Das Album beginnt sogleich mit dem Titeltrack, genau genommen dessen erster Hälfte, handelt es sich hier doch um ein Konzeptalbum, an dessen Beginn und Ende sich zwei Titeltracks, „Himmelsstürmer“ und „H!mm3LsStyRmr [Rekonstruktion]“ gegenüberstehen.
Eine schwungvolle Pianomelodie führt den Hörer in das Album ein, und, um es kurz zu machen: Wer nach der ersten Minute noch nicht zumindest ansatzweise erkannt hat, dass er es hier mit einem wirklich aussergewöhnlichen und überdurchschnittlichen Werk zu tun hat, hat irgendetwas nicht verstanden.Denn die viereinhalb Minuten, die dieses erste Lied dauert, beinhalten mehr Dramatik und Gefühl, Kraft und Ausdrucksstärke als die Lieder so manches Albums zusammengenommen – Klargesänge, Pianoläufe, die mit harten Riffs verschmelzen, Black Metal-Schreigesang und zarte Melodien – ein perfekt durchkomponiertes Wechselbad der Gefühle, das den Hörer mitreißt und jede Sekunde aufs neue vereinnahmt.
Doch was soll folgen auf einen solchen ersten Song, fragt man sich… wie kann das Niveau eines solch furiosen Einstiegs über eine Spielzeit von beachtlichen 70 Minuten gehalten werden?!
Jeden Zweifel an der bezwingbarkeit dieser Hürde zerstreuend folgt mit „Waldgeist“ sogleich der längste Song des Albums – um gleich zum zweiten Mal das Zeitgefühl des werten Hörers zur Kapitulation zu zwingen: Während man noch ungläubig die Menge der im ersten Song ausformulierten Ideen zu verarbeiten versucht, legen ATRORUM einen Song nach, der wie ein ganzes Album wirkt – die zwölf Minuten sind durch ihren Abwechslungsreichtum derart geschickt gefüllt, dass man sich vollständig in dem Lied verliert und jegliches Zeitgefühl gleich mit: Wäre das Album hier zu Ende, wohl kaum jemand würde sogleich realisieren, dass nur eine gute Viertelstunde verstrichen ist. Dabei wirkt das Material allerdings zu keiner Zeit überladen, da die Ideen derart elegant verwoben sind, dass ein trotz aller Tiefe und Vielschichtigkeit eingängiges Werk entstanden ist. Natürlich steht es jedem frei, sich in Detailverliebtheit zu verlieren und es bleibt kaum aus, dass sich bei jedem Hördurchgang neue Nuancen zu erkennen geben – jedoch kann man Himmelsstürmer auch vollkommen problemlos „einfach mal so“ hören, ohne davon Kopfschmerzen zu bekommen.
Dass die beiden Musiker sich auf ihre Instrumente verstehen, ist ob der Komplexität der Kompositionen nicht sonderlich überraschend – beindruckend ist es trotzdem, mit welcher Hingabe hier in die Tasten gegriffen wird. Negativ macht sich jedoch immer deutlicher der Sound bemerkbar: Ist das Gesamt-Klanggewand des Albums für eine Eigenproduktion zwar durchaus überzeugend, ist der Gitarrensound doch sehr gewagt steril und unnatürlich – zwar verleiht dieser dem Album einen gewissen, modernen Charme a la neuerer Dodheimsgard und auch eine individuelle Note im Vergleich zu klassischem Black Metal-Sound, jedoch ist er auch sehr gewöhnungsbedürftig, so dass man noch nach so manchem Durchgang fragt, ob ein etwas kraftvollerer und einen tick vollerer Sound nicht doch passender gewesen wäre.
Je weiter das Album fortschreitet, desto eher passt er jedoch zur Atmosphäre – denn anders als bei so manchem anderen „Konzeptalbum“, ist hier eine Entwicklung deutlich erkennbar: Die Songs werden aggressiver, progressivere, elektronische Elemente treten häufiger in Erscheinung und die sanften Pianomelodien treten in den Hintergrund, um düsteren Black Metal-Riffs Platz zu machen.
Was in der Mitte des Albums als Akustik-Ballade mit französischem Klargesang beginnt („Pein“), entpuppt sich doch recht schnell wider Erwarten als Konbination einer eben Solchen mit diversen Elektro-Elementen und harten Riffs, die an Dodheimsgard zu „666 International“-Zeiten erinnern. Und immer wieder fasziniert, wie elegant die unterschiedlichsten Stilmittel hier verwoben sind und wie fließend die Übergänge dabei von Statten gehen.
Denn auch zwischen den aufeinanderfolgenden Liedern besteht ein mehr als deutlich spührbarer Zusammenhang – die kontinuierliche Steigerung der elektronischen Elemente und progessiven Parts in den Songs ist nur einer von vielen Aspekten, die dies veranschaulichen.
Das abschließende „H!mm3LsStyRmr [rekonstruktion]“ stellt, wie schon eingangs erwähnt, ein Gegenstück zum ersten Track dar. Dabei arbeitet der Song mit den gleichen Motiven wie sein Antagonist, jedoch sind diese gänzlich anders um- und eingesetzt, so dass hier eine viel bedrohlichere, düsterere Stimmung aufkommt, in der als einziger Lichtblick die bereits eingangs verwendete, bezaubernde Klaviermelodie erneut in Erscheinung tritt.

Der Songtitel „Tod der Konvention“ umschreibt eigentlich mehr als treffend das Albumkonzept – hat man sich hier doch so weit als möglich von allen (Black Metal) Traditionen losgesagt und der Konvention den Kampf angesagt. Dabei herausgekommen ist eines der abwechslungsreichsten Alben, die mir bisher zu Ohren gekommen sind, ohne, dass dadurch die Atmosphäre in Mitleidenschaft gezogen würde. Zwar ist der Sound vielleicht nicht gerade optimal, jedoch wäre in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um die Eigenproduktion zweier junger Männer, die zu der Zeit noch nichteinmal das 20. Lebensjahr vollendet hatten, handelt, alles, was über den Abzug eines Punktes hinausgeht, nicht zu rechtfertigen. Da die Kompositionen und Arrangements jedoch in einem Maße der Vollendung nahekommen, beziehungsweise dem, was ich dafür halte, dass ich hierfür 11 Punkte vergeben müsste, läuft es sich Alles in Allem auf mehr als verdiente, glatte zehn Punkte heraus.

Anspieltipps: „Himmelsstürmer“, „Pein“ und „Tod der Konvention“, wenn ich mich denn wirklich festlegen müsste…

Bewertung: 10 / 10

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