Gerade mal ein Jahr ist vergangen, seit COLTAINE ihr durchaus respektables Debüt „Forgotten Ways“ veröffentlicht haben – und schon steht mit „Brandung“ der Nachfolger in den Startlöchern. Keine allzu lange Zeit für Songwriting und Produktion, zumal die Band in den vergangenen zwölf Monaten auch durch Europa getourt ist und auf diversen Festivals zu sehen war. Somit scheint die Frage berechtigt, ob ein derart straffes Pensum negative Auswirkungen auf die Qualität der Musik haben könnte.
Und um diese Frage direkt zu beantworten: Nein, absolut nicht. Im Gegenteil, in Sachen Songwriting haben COLTAINE durchaus noch einen Schritt nach vorne machen können, vor allem „Keep Me Down In The Deep“ klebt im Ohr wie ein Kaugummi unter der Schuhsohle, was den Songs zu einem kleinen Hit und einer potentiellen Single macht, die in manchen Momenten auch an die ebenfalls großartigen TRUE WIDOW erinnert. Aber der Reihe nach.
„Brandung“ startet stilsicher mit dem knapp zweiminütigen Acapella „Tiefe Wasser“, welches von Sängerin Julia Frasch fantastisch dargeboten wird. Ihre rauchige, tiefe Stimme sorgt für eine intensive Atmosphäre, die durch Samples von Windspielen und Meeresrauschen weiter verstärkt wird – das maritime Albumkonzept wird mehr als deutlich. Das darauf folgende „Memories Of Ice“ ist der erste Song in voller Besetzung, der stilistisch nahtlos an die Songs auf „Forgotten Ways“ anknüpft: Post- und Doom-Metal plus Versatzstücke aus Okkult- und Stoner-Rock sind nach wie vor die Grundzutaten, die auch auf „Brandung“ erfolgreich zu einem eigenständigen und spannendem Ganzen verschmelzen.
Track drei ist dann besagte wirklich ganz großartige Ohrwurmsingle, Nummer vier das rund zweiminütige Instrumental „Black Coral“, welches wenig Eindruck hinterlässt. Ganz anders der Zweiminüter „Wirbelwind“: Der (bedingt prägnante Percussion- und abermals Fraschs unverwechselbarer Vocalarbeit) schon fast ritueller rituelle Charakter überzeugt vollständig und man würde tatsächlich gerne einen kompletten Song mit diesen Stilmitteln hören. „Above The Burning Sand“ und der knapp achtminütige Titeltrack vereinigen schließlich wieder alle positiven Aspekte von COLTAINE in sich und machen durch die Bank Spaß.
Ein Kritikpunkt der letzten Platte waren die nicht optimal ausgewogenen Arrangements: Hier hat sich einiges getan, die Songs wirken wesentlich runder und ausbalancierter. Auch in Sachen Produktion knüpfen COLTAINE an den Vorgänger an und haben ein weiteres Mal Jan Oberg (Earthship) verpflichtet, der „Brandung“ ziemlich genauso (gut) wie „Forgotten Ways“ aufgenommen, gemischt und gemastert hat: analog anmutend, druckvoll, aber jederzeit transparent – hier gibt es absolut nichts zu kritisieren. Sonstige Wermutstropfen?
Höchstens die mit 36 Minuten sehr knappe Spielzeit sowie der Umstand, dass sich eigentlich nur vier vollwertige Songs auf „Brandung“ befinden. Die noch nicht erwähnten Instrumentals „Maelstrom“ und „Solar Veil“ sind rund dreiminütige Songcollagen ohne wirkliche Struktur, die atmosphärisch nett, aber irgendwie auch verzichtbar sind (was vielleicht auch daran liegt, dass das Intro „Tiefe Wasser“, aber auch das intensive „Wirbelwind“ die Messlatte für COLTAINEs Zweiminüter recht hoch gelegt haben). Dann beim nächsten Mal lieber einen weiteren Fünf- bis Sechsminüter in voller Besetzung.
Das Quartett aus dem Schwarzwald hat ziemlich viel richtig gemacht und die eine oder andere Stellschraube erfolgreich nachgezogen. Es gibt zwar vergleichbare Kritikpunkte wie beim Vorgänger, gerade die kurzen Instrumentalstücke betreffend, aber insgesamt ist „Brandung“ spürbar runder, griffiger und vor allem kurzweiliger geworden. Somit wieder mal ein toller Soundtrack für die dunkle Jahreszeit, auch wenn das maritime Thema je nach Tagesform auch (Sommer-)Urlaubsassoziationen wecken kann.
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Wertung: 8.5 / 10


