Inschriften, also Epigramme, können als kurze Notizen über Würde, Sehnsucht oder Verlust verstanden werden. ERDVE fügen dem auf ihrem neuen Album „Epigrama“ noch ein weiteres, ebenso eruptives wie notwendiges Gefühl hinzu: ungeschönte Wut. Das Cover zeigt zwei Figuren – grau, verkommen und in ihrer Ausdruckslosigkeit dennoch schön. Damit leistet die visuelle Gestaltung bereits starke Vorarbeit für die Beschreibung von „Epigrama“.
Die rohe Brutalität fast schon tonnenschwerer, zäher Riffs legt der titelgebende Opener schonungslos offen. Erbarmungslos stampfend walzt dieses Stück alles nieder. Die Gitarren von Adomas Varnelis und Vaidotas Darulis, der zugleich die hasserfüllten Hardcore-Shouts einbringt, sind dabei weniger ein Element der Struktur als vielmehr eine zerrig-zähe Wand der Zerstörung. Das furiose wie drückende Drumming von Valdas Voveraitis schiebt den Song indes erbarmungslos vorwärts. Das ist gut, denn Dynamik hat der Einstieg dadurch trotz der fast vollständigen Abwesenheit von Melodie trotzdem.
Nicht weniger druckvoll setzt „Nyra“ diesen Weg fort. Eine einsam hallende Leadgitarre – wenn man das überhaupt so nennen kann – setzt eine entrückte Stimmung, die durch das gewaltvolle Riffing fast zerquetscht wird. Das Shouting von Darulis passt perfekt ins Bild, da er zu keiner Zeit gegen die monolithische Wucht des Tracks ankämpfen muss. Er verschmilzt damit. Irgendwo zwischen Hass und Verzweiflung.
Und wenn „Skepsis“ dann den Abgrund aus Düsternis und zermahlendem Zorn nur noch weiter öffnet, denkt man: Gott, ist solch ein Brocken seitens CELESTE und THIS GIFT IS A CURSE lange her. Für die dringend benötigte Entspannung sorgt dann „Ydos“. Dessen Drive ist im Vergleich zu allem Vorherigen fast schon erleichternd schmissig. Nicht, dass dadurch auch nur ein Moment weniger Brutalität vorhanden wäre, aber diese kleinen dynamischen Wechsel braucht es dringend, ziehen ERDVE „Epigrama“ ansonsten doch mit stoischer Konsequenz in Sachen Kompromisslosigkeit durch.
Dass das neue Album der litauischen Formation gerade von seiner direkten Aggression und Eintönigkeit ein Stück weit lebt, ist ganz klar. Trotzdem ist es angenehm, wenn man auf einem Song wie „Trukmė“ durch einen angenehm „stillen“ Trap-Part mal eine kleine Atempause bekommt. Ansonsten setzen ERDVE die bis dato definierte Formel zwar im besten Sinne brachial fort, jedoch auch ohne große Wendungen oder jedweden Akzent.
Die kurzen dynamischen Spitzen eines „Raukšlės“ mögen gerade so ausreichen, um „Epigrama“ nicht als motivlosen Wutbatzen dastehen zu lassen; auch dessen unterschwellige Melodien sind durchaus eine schöne Ergänzung. Sobald aber der Rausschmeißer „Skleistis“ zwischen stampfender Wut und einer kleinen Melancholie „Epigrama“ zu Grabe trägt, tut es durchaus gut, sagen zu können: Möge es in Frieden ruhen. Und die Erkenntnis aus alledem?
Die Welt ist im Eimer. Gemessen an dem, was wir jeden Tag sehen, hören und fühlen müssen, ist diese Feststellung jedenfalls durchaus treffend. ERDVE liefern mit „Epigrama“ den Soundtrack zu dieser traurigen Aussage. Drängend zwischen Hoffnung, Zerfall und der Suche nach Erkenntnis hat die Band vielleicht nicht das Sludge-Album schlechthin geliefert. Mit seinem zerstörerischen Wesen, einem Minimum an Melodie und absolut authentischer Emotion stellt das Quartett aus Litauen dennoch die richtige Frage: Wie wird wohl die Inschrift auf dem Grabstein der Menschheit lauten, wenn wir nicht mehr sind?
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Wertung: 8 / 10



Uh .. noch nie von gehört, macht aber neugierig. Tonnenschwerer Drone/Sludge wie Celeste ist genau meins. Da höre ich doch glatt rein
Dann wünsche ich dir (hoffentlich) viel Freude ;)
Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar.
Philipp | M1