Richard Patrick war in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren Live-Gitarrist der Industrial-Rock-Legende NINE INCH NAILS. Deren Frontmann Trent Reznor schlug Patrick vor, ein eigenes Album aufzunehmen, während er selbst mit der Produktion seines Magnum Opus „The Downward Spiral“ beschäftigt war. Gesagt, getan: FILTER war geboren – Reznors Band in Sachen Soundästhetik nicht ganz unähnlich, verfolgte Patrick aber einen anderen konzeptionellen Ansatz als der spätere Oscargewinner, was bereits auf dem 1995er Debüt „Short Bus“ deutlich zu hören ist.
Der entscheidende Punkt ist der Fokus auf Saiteninstrumente: Während bei NINE INCH NAILS Gitarren und Bässe nur zwei Bausteine von vielen sind, stehen diese bei FILTER spürbar im Vordergrund und werden durch elektronische Elemente lediglich ergänzt. Dieser fundamentale Unterschied rückt Patricks Band deutlich Richtung Alternative Rock und die 1995 häufig zu lesende Beschreibung, dass FILTER wie eine Mischung aus NIRVANA und NINE INCH NAILS klingen, ist sicher nicht komplett verkehrt.
Für damalige Verhältnisse durchaus bemerkenswert: „Short Bus“ wurde nicht in einem klassischen Tonstudio produziert. Patrick und sein Bandkollege Brian Liesegang mieteten sich in einer Dreizimmerwohnung in Cleveland ein, die als provisorisches Studio fungierte. Ebenfalls ungewöhnlich: Bei den Aufnahmen kam bereits ein früher Apple-Macintosh-Computer zum Einsatz, auf dem einzelne Tonspuren aufgezeichnet wurden. Rund die Hälfte der Songs wurde auf einer Acht-Spur-Bandmaschine aufgezeichnet – weniger ist manchmal halt doch mehr.
Mix und Mastering blieben (mit freundlicher Unterstützung des Tontechnikprofis Ben Grosse, der schon mit Größen wie DREAM THEATER, DEPECHE MODE oder DISTURBED gearbeit hat) ebenfalls in Bandhand, die finale Prüfung der Mixes erfolgte über handelsübliche Autoradios und HiFi-Lautsprecher. Diese Produktionsumstände hört man „Short Bus“ definitiv an. Der FILTER-Erstling ist kein audiophiles Meisterwerk, hat aber einen charakteristischen und durchaus charmant-unterkühlten Klang, der auch heute noch seinen Reiz hat und überraschend gut funktioniert. Die Aufnahmen dauerten rund acht Monate, besagte Wohnung war nach dem Auszug der Musiker mehr als renovierungsbedürftig.
Textlich beschäftigt sich der Longplayer mit verschiedenen Thematiken, wobei Religion und Selbstmord wiederkehrende Inhalte sind. Es gab Gerüchte, dass die erste Single „Hey Man Nice Shot“ (der einzige Song, der unter halbwegs professionellen Umständen in Trent Reznors Studio aufgenommen wurde und noch vor dem Release von „Short Bus“ auf dem „Demon Knight“-Soundtrack veröffentlicht wurde) Kurt Cobain gewidmet sei – was die Band dementierte. In Wahrheit ginge es den Politiker R. Budd Dwyer, der sich 1987 vor laufenden Kameras während einer Pressekonferenz das Leben genommen hatte.
Musikalisch verfolgten FILTER auf „Short Bus“ ein stringentes Konzept: Dreckig schrabbelnde und überraschend fette Gitarren, ein perkussiver Plektronbass, Patricks telefonfilterartig verzerrter Clean-Gesang und offensiv synthetisch anmutende Drums sind die Grundzutaten, aus denen die elf Songs zusammengebraut sind. Highlights sind fraglos besagter Opener „Hey Man Nice Shot“ und die zweite Single „Dose“, aber auch das rotzige „Take Another“ und das nachdenklich-atmosphärische „Consider This“ wissen zu überzeugen. Ausfälle: Fehlanzeige, kein merklicher Qualitätsabfall auf den 46 Minuten Gesamtspielzeit.
Auch wenn vor allem die beiden nachfolgenden (und objektiv betrachtet deutlich besser produzierten) Alben „Title Of Record“ und „The Amalgamut“ der Band zum Durchbruch verhelfen sollten, bleibt „Short Bus“ in vielerlei Hinsicht einzigartig und ein spannendes Zeitzeugnis, welches Fans des Genres Industrial-Rock zumindest einmal gehört haben müssen. Ob es schade ist, dass FILTER danach nie wieder so geklungen haben, wie auf „Short Bus“, muss jede*r für sich selbst entscheiden.
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