Interview mit Kai Uwe Faust von Heilung

HEILUNG, bis vor Kurzem noch ein Geheimtipp aus dem Reenactment-Milieu, kommen jetzt über Season Of Mist groß raus. Der in Deutschland geborene, in Dänemark lebende Tattoo-Künstler und Bandgründer Kai Uwe Faust gibt  Auskunft über die beiden nun neu veröffentlichten Werke „Ofnir“ und „Lifa“, die spirituellen Hintergründe der Band sowie die Grundidee, mit HEILUNG die Sprachen und Laute vergangener Zeiten für den modernen Menschen erlebbar machen zu wollen.

Der Name deiner Band ist HEILUNG. Wieso habt ihr euch für einen deutschen Bandnamen und warum für diesen im Speziellen entschieden?
Nun, dieser Name schien angebracht, viele unserer Inspirationen kommen aus der Zwischenwelt, so auch die Empfehlung, diesen Namen zu wählen. Im modernen Sprachgebrauch wird das Wort „Heilung“ im Deutschen auch als Bezeichnung für eine schamanische Séance gebraucht.

Warum ist HEILUNG der perfekte Name für die Band, wo ist der Kontext zwischen einem Heilungsprozess und eurer Musik?
Heilen hat seinen Ursprung in „heil machen“, etwas „in seinen ursprünglichen, unversehrten Zustand zurückzuversetzen“. Das ist wohl der tiefste Kern meiner persönlichen Intention und der Geist, der letzten Endes die Töne durchwebt. Wir möchten im Hörer durch Meditation oder Trance einen Zustand auslösen, der ihn mit seinem eigentlichen, ganzen und voll entwickelten Selbst in Kontakt bringt.

© Kees Stravers Fotografie

Die Texte von HEILUNG enthalten angeblich Original-Texte von Runensteinen, Speerschäften, Amuletten und anderen historischen Artefakten. Dazu benutzt ihr Gedichte, die entweder von historischen Ereignissen handeln oder Übersetzungen und Interpretationen der Originaltexte sind. Wie geht ihr bei der Quellenwahl vor?
Da ist sehr viel Bauchgefühl im Spiel. Einige der Lieder sind schon fast zwanzig Jahre in meiner persönlichen, schamanischen Arbeit in Gebrauch gewesen, bevor sie aufgenommen wurden. Manchmal gibt auch der Anlass erst die Intension, „Fylgija Ear“ zum Beispiel wurde in der Nacht aufgenommen, als uns die Nachricht ereilte, dass einer von Chris´ und Marias guten Freunden gestorben war. So wählten wir das Gedicht der angelsächsischen Todesrune, um das Gefühl zu teilen und zu verarbeiten. Der Text ist gemeinhin verfügbar, der Moment, wo der Tod dich anrührt, kaum zu beschreiben. Weiterhin verwahre ich eine der größten Buchsammlungen Dänemarks zu den Themen Tätowierungen und historische skandinavische Künste. Die ältesten Exemplare reichen bis ins 18.kann zu Jahrhundert und beinhalten unter anderem Zeichnungen von nicht mehr vorhandenen Runensteinen. Natürlich beziehen wir auch wissenschaftliche Publikationen mit ein.

Benutzt ihr antike Texte in ihrer Originalform, oder übersetzt und überarbeitet ihr sie?
Manchmal benutzen wir die ältesten verfügbaren Transkriptionen, aber manchmal übersetzen wir auch. So finden sich in „Fylgija Ear“ einige Zeilen, die meine Interpretation des Runenzaubers in Deutsch enthalten. Meine Intention war hier, das alte Meter und den Stabreim lautgetreu zu übertragen, um so auch im Deutschen diese alte, vergessene Dichtform erlebbar zu machen. Die meisten Übersetzungen sind sehr sinnfixiert und der Rhythmus wird oft leichtfertig geopfert.

Ihr textet mitunter in Deutsch. Welche Sprachen nutzt ihr noch und was ist die Idee hinter dieser Sprachvielfalt?
Auf „Ofnir“ finden sich viele – tote und lebendige – Sprachen, angefangen von Gotisch und Latein über eisenzeitliche norwegische Dialekte des Urnordischen und so weiter, bis zum modernen Deutsch und Englisch. Zielsetzung ist es, die Sprachen unserer Vorfahren noch einmal hörbar zu machen, zugänglich zu machen. Wir versuchen, ein Verständnis dafür zu wecken, das wir alle irgendwo verwandt sind und einem gemeinsamen Ursprung entstammen, das wir schon immer miteinander und nebeneinander existiert haben und unsere Kulturen, Künste und Sprachen sich wechselseitig durchdringen.

© Kees Stravers Fotografie

Es gibt den HEILUNG-Song „Schlammschlacht“, der von der Varusschlacht im Teutoburger Wald handelt. Wie passt das in den Kontext der Runensteine und Wikinger?
Auch hier ist der Kunstgriff ein Brückenschlag: Wir erzählen eine alte Geschichte neu.  „Schlammschlacht“ war das allererste, was wir überhaupt aufgenommen haben. HEILUNG sollte ursprünglich nur eine Gedichtsammlung werden, für die Chris von mir eine Tätowierung im Tausch erhalten sollte. Chris, Maria und ich teilen ein großes Interesse für unsere Geschichte, was sich natürlich nicht nur auf die Wikingerzeit beschränkt. In unserem Musikvideo zu „Krigsgaldr“ benutzen wir zum Beispiel Felsbilder, die aus der Zeit um 1000 v. Chr. stammen, also noch älter sind. Mein Schamanenhelm, den ich auf der Bühne trage, basiert auf einem Fund, der 9000 Jahre alt ist.
Das ist etwas, was auch Tradition hat: Die Atli Saga, die uns aus Island aus dem 13. Jahrhundert überliefert ist, spielt im völkerwanderungszeitlichen Burgund. In der Edda, selbst ein historisches Dokument in sich, lesen wir auch von Ereignissen, die noch viel weiter zurückliegen. Geschichte und Überlieferung hat einige Menschen schon immer fasziniert, speziell deren immer wieder neue, kunstvolle Wiedergabe.

Auf Facebook beschreibt ihr HEILUNG als „amplified history from early medieval northern Europe.“, also verstärkte Geschichte aus dem frühmittelalterlichen Nordeuropa. Wie ist das genau gemeint, in wiefern „verstärkt“?
Das erschließt sich im Deutschen vielleicht nicht sofort. Sinngetreu müsste man sagen “Geschichte durch den Verstärker” und spielt auf das, was ich vorher sagte, an: dass wir die Sprachen und Laute vergangener Zeiten für den modernen Menschen erlebbar machen wollen. Die Wortkreation entstand, als wir ganz am Anfang unseren Stil beschreiben sollten. Wir mussten uns unter „Sonstige” eintragen und dann beschreiben …

Season Of Mist veröffentlichen jetzt euer Debüt „Ofnir“ neu, das ursprünglich 2017 erschienen war und schnell ausverkauft war. Wie kam es dazu?
Tja, das Ganze ist wie ein Sonnenaufgang. Erst haben wir nur ganz bescheiden ein Album aufgenommen, ohne große Ambitionen und mit sehr viel Zeit und Freude. Etwas, das via Gateway, eine Gesellschaft für junge Musiker, digital veröffentlicht wurde. Dann sind die Sozialen Medien durchgegangen und der Ruf nach einer physischen Ausgabe wurde laut. Das haben wir dann im Selbstverlag in einer kleinen Auflage von 1000 Stück realisiert. Kurze Zeit später konnten wir das Verlangen unserer Fans und Supporter nicht mehr ignorieren, das Ganze live zu sehen und zu erleben. Als wir zum ersten Mal live auftraten und dann das Ganze zu unserem (digitalen) Live-Album „Lifa“ verarbeitet hatten, lag auch schon die Einladung von SOM auf dem Tisch beziehungsweise Schirm.

Seid ihr aus heutiger Sicht noch mit jedem Detail des Albums zufrieden?
Ja, warum sollten wir auch nicht? Es scheint ja gut anzukommen.

Eure Musik selbst ist sehr spirituell, hypnotisch, vielleicht auch esoterisch. Woher zieht ihr eure Inspiration für diese Art Musik?
Wir drei hatten schon von früher Kindheit an Kontakt mit dem generellen Thema. Maria kommt aus Borre, einem der größten Grabhügelfelder Norwegens, wo sie schon als Kind auf den Grabkammern gespielt hat. Chris‘ Vater ist ein offiziell registrierter Godi (heidnischer Priester), der unter anderem auch Ehen nach heidnischem Ritus schließt. Und ich selbst komme aus Nordrhein-Westfalen, an der Grenze zu Hessen, wo die Spuren der Kelten aus der Latènezeit omnipräsent sind. Auch habe ich eine Zeit direkt am Limes (römische Grenzbefestigung) gelebt.

Woher kennt ihr drei euch eigentlich?
Wir haben uns im Reenactment-Milieu kennengelernt, wo viel experimentelle Archäologie ausgeübt wird, und wo alte Handwerkstechniken erhalten oder wiederbelebt werden. Das Spektrum dieser doch recht kleinen Gemeinschaft, die viele Welten vom gängigen Mittelalterspektakel entfernt ist, reicht von Dichtkunst und Gesang bis hin zu Kampfkunst.

Wenn es ums Songwriting geht – wie geht ihr vor, wie entstehen eure Stücke?
Das kommt ganz auf das Stück an. „Carpathian Forest“ zum Beispiel gibt die Essenz eines Seminars zur schamanischen Weiterbildung wieder, das in Rumänien stattfand. Manchmal komme ich mit einem Vers oder einigen Zeilen oder einer simplen Melodie, die dann zu einer komplexen Komposition weitergestrickt wird, in der wir uns alle drei voll entfalten und aufblühen. Wir sagen häufig, dass wir eigentlich nur die Musik machen, die wir immer hören wollten … so entwickeln sich die Lieder von einer Idee oder einem alten Ritual zu etwas völlig Neuem, Erhebenden.

Du hast eure Live-Aufnahme „Lifa“ bereits angesprochen – auch dieses Album erscheint nun auf CD. Funktioniert eure Musik deiner Ansicht nach besser live oder als Studioaufnahme?
Beides hat seinen Wert und seine Faszination. „Ofnir“ ist ein Album, was durchaus ruhig auf dem Sofa mit Kopfhörern genossen werden kann: Der meditative Charakter scheint durchaus durch. Der Schaffensprozess ist von sehr viel Meditation und auch langer Stille durchwebt – vor allem, wenn wir an den visuellen Aspekten arbeiten, die wir drei komplett selbst machen  – aber auch von hysterischem Lachen. „Lifa“ verleitet mehr zur Trance, obwohl es dieselben Lieder sind. Auch unsere Stimmung ist live anders – wir sind ekstatisch, aufgekratzt und lassen, wenn es losgeht, einfach alles raus.

Einerseits ist eure Musik sehr „natürlich“, andererseits müsst ihr live auf sehr viele Samples zurückgreifen. Wie passt es zusammen, traditionelle Musik mit Musik vom Band zu bereichern?
Vielleicht sollten wir uns zuerst mit der Frage beschäftigen, wie die Töne aufs Band kommen. Wir nehmen alles, wirklich alles von Grund auf selbst auf. Wir stehen nächtelang im Studio und schlagen Knochen auf Holzschalen oder Schwerter auf Schilde, um realistische Geräusche zu erzeugen, wie sie zum Beispiel zur Eisenzeit erklungen sind. HEILUNG ist weniger Musik als ein Klangteppich, der zu sehr alten Teilen in uns sprechen soll. Akustische, laute Geschichte, eine Dokumentation als Ritual. Es geht weniger darum, traditionelle Musik machen zu wollen, als den Hörer in eine andere Welt zu entführen: Ein dunkles, rhythmisches Hörspiel wäre vielleicht eine bessere Umschreibung.

Eure Shows haben eher den Charakter eines Schauspiels – alle Musiker tragen Kostüme. Was inspiriert euch bezüglich der Kostüme und dem Bühnenbild?
Hier liegt die Betonung auf dem rituellen Charakter. Wir sehen unsere Kleidung auf der Bühne mehr als Tracht denn als „Kostüm“. Mein Gewand spiegelt die spirituellen Traditionen der eurasischen Zirkumpolarvölker und deren südlichen Verwandten wieder – beginnend in der Steinzeit bis zur späten Eisenzeit. Chris trägt eine historisch vollkommen korrekte Wiedergabe wikingerzeitlicher Kleidung. Marias Kleid ist auch im Kern eine wikingerzeitliche Rekonstruktion, mit sibirischen Anleihen im Kopfschmuck. Die Zierbüsche an ihren Armen sind weißes Pferdehaar, was alten Geigenbögen entnommen wurde.

© Kees Stravers Fotografie

Nicht nur die Kostüme, sondern auch die Musik erinnert stark an die norwegische Band Wardruna, die diese Art von Musik quasi „erfunden“ hat. Wie stehst du zu Wardruna?
Speziell zu Einar von Wardruna haben wir eine sehr gute und freundschaftliche Beziehung. Das Projekt ist einfach großartig und hat immensen Pionierwert. Als Wardruna noch in den Kinderschuhen steckte, begegneten wir uns schon auf norwegischen Wikingermärkten und haben zusammen getrunken und gelacht. Einar trägt unter anderem auch eine Tätowierung von mir.

Siehst du die musikalische Parallele auch, würdest du Wardruna euren Haupteinfluss nennen?
Ja, wir schöpfen mit Sicherheit aus derselben Quelle, sind in unseren ursprünglichen Kulturen verwurzelt. „Haupteinfluss“ scheint mir trotzdem nicht das richtige Wort. Wardruna ist für mich persönlich eine leuchtende Blüte in einer Reihe von Einflüssen, die zurückreichen bis in die Zeit, als der erste Runenmeister den Meißel angesetzt hat. Schon bevor die Welt ahnte, dass es einmal Bathory, Enslaved oder Wardruna geben würde, sind drei Kinder in drei Länder in alten Steinkreisen herumgesprungen … auch nicht ahnend, dass sie einmal Heilung gebären würden. Alles ist verbunden …

Plant ihr, nach Veröffentlichung der beiden CDs auf Tour zu gehen?
Wir werden 2018 zunächst auf einigen Festivals spielen, später im Jahr folgen dann auch Einzelkonzerte. Vieles steckt noch in der Planungsphase und wir dürfen noch nicht alles verraten, aber wir freuen uns auf jeden Fall, unsere Fanschar auf dem Hellfest und in Roskilde wieder zu sehen. Eine richtige, durchgängige Tour ist aktuell nicht geplant. Es sind einzelne Auftritte, einige davon an speziellen Orten, die den spirituellen und rituellen Charakter der Darbietung unterstreichen. Leider kann ich da zum jetzigen Zeitpunkt wie gesagt noch nicht mehr in die Tiefe gehen.

© Kees Stravers Fotografie

Arbeitet ihr bereits an neuer Musik? Wann darf man ein neues Album erwarten?
Ja, wir arbeiten schon länger an mehr Musik, mehr Sounds und Ritualen. „Othan“ und „Hamrer Huppyer“ auf „Lifa“ sind schon neue Lieder. Der Frühling des Jahres 2019 wird auf jeden Fall eine gute Zeit für HEILUNG-Fans, soviel ist sicher. Wer die Möglichkeit hat, uns live zu sehen, erlebt vielleicht eine Überraschung.

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Deutschland: Zuhause
Black Metal: Ultimative Rebellion gegen den Monotheismus
Natur: Wichtig. Quelle aller Kraft
Cherusker: Geliebte Vorfahren
Wikinger: Ahnen meiner Wahlheimat
HEILUNG in zehn Jahren: So schön wie immer …

Nochmals Danke für deine Zeit und Antworten. Die letzten Worte gehören dir – willst du unseren Lesern noch etwas auf den Weg geben?
Danke, dass ihr so geil seid und das Ganze so abfeiert! Wenn ihr nicht da wärt, würden wir – auf der Suche nach dem perfekten Lied verlorengegangen – immer noch unter Pizzakartons, Asche und Bierdosen begraben im Studio sitzen …

 

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2 Kommentare zu “Heilung”

  1. arno nyhm

    harm, die band ist schon wie die leute die bürgerkriegszenarien nachspielen… nur zusätzlich noch verschwurbelt. wo die leute in den USA und england nach getanem reenactment ihr kostüm ablegen, gehen die in die Jurte und räuchern erstmal bis ihnen schwindelig wird.
    das erstmal völlig wertungsfrei.

    … sollange sie keinem wehtun und mit ihrer „heilung“ nur musik machen …
    bin aus meinem freundeskreis bissel vorbelastet was solche „scharlatane“ betrifft… sollen sie mal machen. hilft ja vielleicht dem ein oder anderem.

    1. Ragnar

      Scharlatane? wtf!
      Wenn du dich mit Schamanismus beschäftigen würdest (googeln reicht), dann wüsstest du, dass dabei keinerlei Heilsversprechen gegeben werden. Abgesehen davon zwingt dich auch niemand, dich behandeln zu lassen.
      Wer auf einen sogenannten Scharlatan hereinfällt, sollte sich m.E. der eigenen Verantwortung dabei bewusst werden und net mit dem Finger auf andere zeigen.

      Was die Band „Heilung“ angeht:
      Die Authentizität höre + spüre ich bei jedem Lied. Darüberhinaus steht es jedem frei, zu forschen, zu experimentieren und auch zu räuchern, wann und wo es ihm gefällt, nicht wahr?

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