Was 2011 in Liverpool während Sängerin Katrin Stenbekks Studium ins Leben gerufen wurde, wird nun 15 Jahre alt. In dieser Zeit ist einiges passiert: Zwei Studioalben, ein Game-Soundtrack, etliche Shows und die Nordic Night Open Air Tour 2022, als KALANDRA zusammen mit WARDRUNA die Bühnen Europas bespielen durften. 2024 tourten sie erneut durch Europa und veröffentlichten passenderweise während ihrer Autumn Tour ihr drittes Album „A Frame Of Mind“. Ihren 15. Geburtstag begehen die Norweger nun stilvoll mit der Live-Veröffentlichung ihres ausverkauften Auftrittes im Club Lafayette in London. „Live At Lafayette“ ist dabei der Beweis, dass man nach 15 Jahren harter und liebevoller Arbeit auch auf internationale Bühnen gehören kann.
Nach einem atmosphärischen Intro starten KALANDRA mit dem Titel „I Am“, nach welchem Stenbekk das Publikum ganz bodenständig mit „Hello, London!“, begrüßt. Wie bereits erwähnt war die Show ausverkauft, was sie freudig und dennoch ungläubig betont. Sogar ihr breites Lächeln ist zu hören und das Publikum empfängt die Norweger mit ausgiebigem Jubel.
Zu Beginn von „Slow Motion“ entschuldigt sich Frontfrau Stenbekk für ihre angeschlagene Stimme. Dabei ist ihre Gesangsleistung von Anfang an ein purer Genuss. Ihre gläserne Stimmfarbe liefert in der kontrastreichen Paarung von emotionaler Zartheit und kraftvollen Passagen ein so schönes Hörerlebnis, dass man fast schon bereut, nicht selbst dort gewesen zu sein. Und so dankt es die Menge im ausverkauften Club der Band nach jedem Song mit Respekt und Begeisterung: Der Applaus setzt zuverlässig erst immer dann ein, wenn auch der letzte Ton vollständig verklungen ist. KALANDRA wirken auf ihr Publikum – das hört und merkt man. Nicht zuletzt auch wegen des charmanten Publikumsrufs „You’re amazing!“, welcher am Ende von „Naive“ lauthals zur Bühne geschmettert wird und Stenbekk verlegen zum Kichern bringt.
Die Setlist lässt zudem keine Wünsche offen, KALANDRA geben die besten Titel ihrer beiden Alben „A Frame of Mind“ und „The Line“ zum Besten. Dabei wechseln sie zunächst bis zur Mitte der Setlist zwischen beiden Alben, bis die Band mit „Borders“ ihren ersten Höhepunkt in ihrem Set erreichen. „Borders“ hier zu platzieren war eine kluge Entscheidung, zählt der kraftvolle Titel doch seit seiner Veröffentlichung zu ihren Aushängeschildern. Dank des sich aufbauenden druckvollen Sounddesigns entfaltet dieser mitreißende Song, den Stenbekk nach einer Islandreise schrieb, seine volle Wirkung. Gar mächtig und groß können so die richtigen Stellen wirken und das Gefühl transportieren, was sie verbreiten sollen: Ehrfurcht und Rührung ob Islands rauer und erbarmungsloser Natur. Man möchte dem Tontechniker und dem Produzenten danken, dass sie diese Gefühle vom Liveauftritt einerseits einfangen und andererseits auf das Album übertragen konnten.
Die darauffolgenden Titel „Segla“, „Verklighetens Etterklang“, der instrumentale Titel „Ram“ und „Ensom“ sind der norwegische Teil des Sets. Dabei hervorzuheben ist „Ram“, in dessen Intro Schlagzeuger Oskar Johnsen Rydh mittels rasselnden Becken das Spiel eines Naturhorns aus echter Hornscheide seitens Gitarrist Jogeir Daae Mæland untermalt. Auch hier enttäuschen weder die Band noch die Tontechnik.
Mit dem WARDRUNA-Cover „Helvegen“, ihrem eigenen Hit „Brave New World“ und zum Schluss „Bardaginn“ rundet die Combo aus Norwegen ihren Auftritt nicht nur ab – sie krönen ihn sogar. Die Darbietung des WARDRUNA-Flaggschiffs ist einnehmend und überschwemmt den Saal durch stetiges Crescendo, nur um dann wieder von Stenbekks zartem Gesang sachte an Land getragen zu werden. Vorwurfsvoll kann aus dieser Ruhe dann „Brave New World“ gedeihen, welchen sie routiniert performen, aber nichts in Sachen Emotionen und Klang einbüßen. Gleiches gilt dann zum Schluss für „Bardaginn“. KALANDRA fahren noch einmal Druck auf und beenden ihr Set kraftvoll in altnordischer Sprache.
Als Fazit bleibt nur eins zu sagen: Ich wäre gerne selbst dort gewesen. Es ist großartig für KALANDRA, dass ihre wunderschöne und fulminante Show in dieser Qualität auf einen Tonträger übertragen werden konnte. So ist „Live At Lafayette“ viel mehr als nur das erste Live-Album der Band. Die Platte kann ohne Arroganz von KALANDRA als Visitenkarte vorgelegt werden. Den Norwegern macht so leicht niemand mehr etwas vor. Chapeau!
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