CD-Review: Leprous - Bilateral

Besetzung

Einar Solberg – Gesang, Keyboards
Tor Oddmund Suhrke – Gitarre
Øystein Landsverk – Gitarre
Rein Blomquist – Bass
Tobias Ørnes Andersen – Schlagzeug

Tracklist

01. Bilateral
02. Forced Entry
03. Restless
04. Thorn
05. Mb. Indifferentia
06. Waste Of Air
07. Mediocrity Wins
08. Cryptogenic Desires
09. Acquired Taste
10. Painful Detour


Chemiker zu sein, ist sicher spaßig. Laienhaft gesagt nimmt man verschiedene Stoffe und Elemente, mischt sie zusammen und schaut, ob rauskommt, was man sich erhofft hat. Im Idealfall macht man damit sogar Menschen gesund oder treibt die technologische Entwicklung voran. Nicht immer gelingt dabei das Experiment, nicht immer funktioniert die Synthese.

LEPROUS aus Norwegen sind musikalische Chemiker. Und obwohl sie in erster Linie Stile, Instrumente und Einflüsse mischen, haben sie doch etwas mit ihren Kollegen aus dem Labor gemeinsam: Erfassen und verstehen, was bei ihrem Experiment passiert, können nur sie selbst und Leute mit ähnlichen Fachwissen. Das Schöne dabei ist: Im einen wie im anderen Fall kann sich der normale Mensch / Musikfreund ganz ohne Kopfzerbrechen an dem Ergebnis erfreuen.

„Bilateral“, also „doppelseitig“ oder „dissymetisch“, heißt ihr drittes Album. Ein sehr passender Titel. Denn verabreicht werden uns darauf 58 Minuten Musik, die sich jeglicher klaren Genre-Zuordnung entziehen und gerade deshalb unter dem Banner „Progressive Rock / Metal“ am besten aufgehoben sind. Den Hörer erwarten zehn Songs zwischen brachialer Härte und zerbrechlicher Zärtlichkeit, zusammengehalten von dem mal hochmelodischen, im nächsten Moment kraftvoll-rotzigen und dann wieder keifenden Stimmorgan Einar Solbergs. Haarsträubende Komplexität in der einen Sekunde trifft auf schockierende harmonische Gradlinigkeit in der nächsten. Zwangsläufig gehören LEPROUS aufgrund dieser undurchsichtigen Gegensätze in etwa in dieselbe Stilschublade, in der auch Bands wie Unexpect oder The Mars Volta liegen. Sie haben dabei aber den entscheidenen Vorteil, dass sie mathematisch berechnend vorgehen, die Wirkung des großen Ganzen im Kopf haben – und nicht bloß zusammen mischen, was ihnen gerade so einfällt und noch an Songschnipseln rumliegt.

Das Ergebnis sind, trotz aller Komplexität, bestechende Ohrwürmer wie „Restless“ oder der Opener und Titeltrack „Bilateral“, der mit einer derarten Wucht aus den Boxen kommt, dass der Aufprall einer Mücke auf einer 180 km/h schnellen Autoscheibe nichts dagegen ist. Der schockierend brillante Zehnminüter „Forced Entry“ zieht dem Rezensenten vom maschinellen, unterkühlten Beginn an die Schuhe aus, denn im weiteren Verlauf erwarten ihn bretthartes Riffing, beste und zutiefst berührende New Artrock-Stimmung, wilde und melodische Frickel-Gitarrensoli fernab von jeglichem Progmetal-Standard – und eine völlig apokalyptische Klimax am Ende, die man mit Worten nicht beschreiben kann.

Da dürfte es kaum wundern, dass „Thorn“ mit arg skurrilen Trompeten aufwartet, während niemand geringeres als Ihsahn, ehemals Fronter der Black Metal-Pioniere Emperor, dazu keift. Die Kompromisslosigkeit, mit der im Anschluss bei „Waste Of Air“ zunächst geknüppelt und dann gefrickelt wird, als würde man auf Nanoebene musizieren, erzeugt einen Sound-Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Und der Devin Townsend-Fan sehr gut reingehen sollte. Überwiegend ruhige oder größtenteils einfach zugängliche Songs wie „Mb. Indifferentia“, „Acquired Taste“ oder das beinahe tanzbare „Mediocrity Wins“ wirken hingegen, als habe man Daniel Gildenlöw von Pain Of Salvation ins Labor gelassen und die von ihm angefertigten Proben übernommen, weil sie nicht ins Abwasser geschüttet werden dürfen – soll heißen: Hier sind LEPROUS weniger originell, nicht ganz so überzeugend. Auf jedem anderen Album wären diese Nummern aber wohl die Highlights.

Letzten Endes muss man den fünf Herren einfach zu einem grandiosen Album gratulieren, auf dem sie den Mut beweisen, vieles zu probieren, nur keinen Prog von der Stange. Dementsprechend eng eingegrenzt wird allerdings auch der Kreis derjenigen sein, die sich diese musikalische Synthese reinziehen. Denn „Bilateral“ ist alles andere als eine Platte für jede Stimmungslage und Situation und möchte bewusst gehört, erlebt und erarbeitet werden.

Wer den Test aufs Exempel machen möchte, dem empfehle ich dafür „Forced Entry“. Das ist zwar die längste Nummer der Scheibe, aber wenn ihr danach nicht geplättet oder begeistert seid, braucht ihr das Ding auch nicht zu kaufen.

Bewertung: 9 / 10

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