CD-Review: Nachtgeschrei - Hoffnungsschimmer

Besetzung

Holger Franz - Gesang
Sanedin Pepeljak - Gitarre
Tilman Scholz - Gitarre
Oliver Klein - Bass
Daniel Arncken - Schlagzeug
Joachim Penc - Keyboards
Dominik Stephan - Dudelsack

Tracklist

01. Intro
02. Hoffnungsschimmer
03. Räuber der Nacht
04. Deine Spur
05. Windstill
06. Drei Lügen
07. Lass mich raus
08. Wuetis
09. Die Flügel
10. Das Spiel
11. Der Meister
12. Reise zu den Seen


Unglaubliche Nachrichten erreichen uns dieser Tage aus dem Hause Subway to Sally. Urplötzlich stehen die Berliner mit einer neuen CD in den Startlöchern und mit ihrem neuen Werk „Hoffnungsschimmer“ haben sie sich auf ihre alten Wurzeln zurückbesonnen und klingen wieder absolut genau so wie noch vor knapp zwölf Jahren, als sie „Foppt den Dämon“ aufgenommen haben. Mit einem kleinen Unterschied. Eric Fish hat seinen Hut genommen und den Sängerplatz frei gemacht und neu am Mikro eingestiegen ist kein geringerer als das Deutschrock-Urgestein Herbert Grönemeyer. Wer hätte das gedacht?

Ne, ist nicht passiert. Könnte man aber meinen, wenn man sich die Debut-CD des frankfurterischen Siebeners NACHTGESCHREI anhört. 2006 gegründet, teilweise aus der Asche der Melodic Death Metal Band Paimon hervorgegangen, machen die mittelhessischen Jungs es sich zur Aufgabe, „Modernen Mittelalterrock“ (Widerspruch in sich? It’s for you to decide…) zu kreiren. Zwei Demos (eine 2006, eine 2007) brachten ihnen einen Plattenvertrag mit Massacre Records ein und jetzt steht schon ihre erste Langrille in den Läden. Wirklich neu ist darauf nicht viel. Ein Intro und drei neue Tracks gibt’s auf die Ohren, den Rest der 50 Minuten Spieldauer kennt man (oder vielleicht auch nicht, könnte aber) von den beiden Demos. Recycling ist also angesagt. Ob das gut geht?

NACHTGESCHREI machen es dem Rezensenten schon recht leicht, sie zu klassifizieren. In Extremo und Subway to Sally nennen sie als ihre großen Vorbilder, glücklicherweise klingen sie aber wesentlich mehr nach zweiteren. Klassischer Hardrock und ein paar Heavy-Metal-Anleihen werden mit Keyboard und Dudelsack zu etwas verbunden, was man – das muss ich leider so deutlich sagen – schon tausendmal gehört hat. NACHTGESCHREI schaffen es auf ihrer ersten CD absolut nicht, irgend welche eigenen Akzente zu setzen. Ja, eigentlich ist es sogar schlimmer als das.

Die Melodien klingen alle wie schon mal gehört, genau wie die Texte (die noch dazu unsagbar platt und komplett nach dem guten alten „Reim dich oder ich fress‘ dich“-Prinzip aufgebaut sind), die sich um üblichen Mittelalterschmonz und den genreüblichen gelegentlichen Herzschmerz drehen. Sänger Holger klingt dabei, wie vielleicht schon erwähnt, wie eine Mischung aus einer kleinen Portion Eric Fish und einem riesigen Batzen Grönie und das passt ungefähr so gut zur Musik wie Tzatziki zu Ananas, sprich: Nicht wirklich. Wem das noch nicht unhomogen genug ist… Die Texte bemühen sich da auch noch irgendwo mitzumischen. Gesang und Musik gehen ja schon weit genug auseinander, bleiben aber stehts fröhlich ausgerichtet. Die Texte hingegen fahren eher auf der düsteren Schiene und damit die Kompositionen vollends gegen die Wand.

Wirklich wüst auf die Schnauze legen sich dabei vor allem „Drei Lügen“, dessen Refrain jenseits von Gut und Böse ist (dafür allerdings ein nettes, klassisches Rock-Gitarrensolo hat), das pseudo-fiese „Der Meister“, das eigentlich nur lächerlich rüberkommt, das totlangweilige „Das Spiel“ und das oberkitschige „Deine Spur“, das nicht nur vor allem unter diesen Text/Gesang-Diskrepanzen leidet, sondern auch noch im Mittelteil in ein so unsauber eingespieltes Interludium überleitet, bei dem sich mir als Gitarrist die Nackenhaare aufstellen. Auch noch auf der Soll-Seite: Das Instrumental „Wuetis“ (eins der drei neuen Stücke), das musikalisch langweiliger ist, als alle anderen Songs, die noch Gesang dabei haben. Keine wirkliche Stärke für ein Instrumental.

Ein „Hoffnungsschimmer“ wäre das Debut von NACHTGESCHREI gerne. Naja, dass es das absolut nicht ist dürfte bislang ziemlich klar sein. Aber: Immerhin enthält die CD einen Hoffnungsschimmer. Der setzt sich zusammen aus den ersten beiden richtigen Tracks, „Hoffnungsschimmer“ und „Räuber der Nacht“. Ersteres ist eine grundsolide Mittelalterrock-Nummer, bei der der Gesang nicht so schwer ins Gewicht fällt und die textlich ganz in Ordnung geht (auch wenn mich die „Ich kann schon fast nichts mehr sehen“-Zeile immer wieder zum Schmunzeln bringt). „Räuber der Nacht“ hingegen kann vor allem im Refrain punkten. Der ist toll, der geht ins Ohr, der macht Spaß. Mehr davon. Auch noch zu den eher positiven Songs gehört der Rausschmeißer „Reise zu den Seen“, wobei der recht zwiegespalten ist. Fängt als schönes, melancholisches Akustik-Stück an (da isser, der Herzschmerz), macht sich aber selbst durch einen halbgaren Refrain und die wohl künstlichsten anti-kirchlichen Texteinwürfe, die ich je gehört habe, das Leben schwer.

Das mag jetzt alles sehr harsch klingen. Und eigentlich ist es auch so gemeint. NACHTGESCHREI haben mit „Hoffnungsschimmer“ alles andere als ein gutes Album abgeliefert, eigentlich schon eher ein schlechtes. Aber: Es stört nicht. Die Musik ist seicht, geklaut, langweilig und textlich teilweise wahrlich katastrophal, aber sie ist nicht von der Sorte, die einem beim Hören auf die Nerven geht. Sie gibt nettes Hintergrundgedudel ab und ist wohl für absolute Mittelalterrock-Fanatiker bzw. Komplettisten doch noch irgendwo zu gebrauchen. Das rettet „Hoffnungsschimmer“ vollends vor der Tonne. Aber wenn die Jungs irgendwann mal ganz oben in diesem Genre mitspielen wollen, dann haben sie noch einen sehr, sehr weiten Weg vor sich.

Bewertung: 3.5 / 10

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