Interview mit Stefan von Nachtgeschrei

Acht Jahre nach ihrer Auflösung kehren NACHTGESCHREI 2026 zu ihrem 20-jährigen Bestehen für drei Jubiläumskonzerte zurück. Im Gespräch mit Schlagzeuger Stefan sprechen wir über die Entstehung der Reunion, den emotionalen ersten Auftritt nach fast einem Jahrzehnt Pause, fehlenden Druck, mögliche Überraschungen und die Frage, ob NACHTGESCHREI vielleicht länger bleiben, als ursprünglich geplant.

Hallo Stefan! Ihr habt euch 2018 aufgelöst, jetzt kehrt ihr 2026 zu eurem 20-jährigen Bestehen zurück. Was war ausschlaggebend für diese Reunion?
Folgend auf den Gedanken, nochmal gemeinsam auf die Bühne zu gehen, kam die Suche nach einem Anlass – und zum Zeitpunkt der ersten Idee erschien dieser, also das 20-jährige Bandbestehen, einerseits als guter Aufhänger, außerdem bot er auch genügend Vorlaufzeit. Das war auch nötig, da wir 2018 keine Vorkehrungen getroffen hatten und dadurch einige Trampelpfade neu breittreten mussten.

Wie habt ihr auf die Resonanz der Fans reagiert, als ihr euer Comeback über Social Media angekündigt habt?
Für mich gesprochen: mit der erhofften Gänsehaut. Genau wie zu dem Zeitpunkt, als ich den Entwurf des „Herzschlag“-Teasers zum ersten Mal von Tilman gezeigt bekam. „Erhofft“, denn schließlich wussten wir nicht: Sind die übrig gebliebenen Facebook-Follower Karteileichen? Werden wir ausgelacht, jetzt noch mit Instagram anzufangen? Es zeigte sich, dass diese Sorgen nicht begründet waren.

Habt ihr bewusst die Festivalshows gewählt, um den Comeback-Vibe zu inszenieren, oder war das eher eine organisatorische Entscheidung?
Wir haben viele Szenarien durchgespielt. Nachdem wir auf verschiedenen Ebenen des organisatorischen Hintergrunds Signale gegeben haben, 2026 Jubiläumsgigs spielen zu wollen, haben sich das HÖRNERFEST sowie das TANZT! gemeldet, zu denen wir aus früheren Zeiten gewachsene Verbindungen haben, was uns sehr gefreut hat. Der Plan war definitiv, das mit einem eigenorganisierten Clubkonzert abzuschließen, was mit dem Schlachthof Wiesbaden bzw. dem Kesselhaus ebenfalls erfreulich flott und unkompliziert geklappt hat.

Wie fühlt es sich an, nach fast einem Jahrzehnt wieder gemeinsam Zeit zu verbringen, zu proben und miteinander zu reden?
Geredet haben wir eigentlich immer. Nicht regelmäßig, aber so absolut aus den Augen verloren habe zumindest ich niemanden, glaube ich. Bei der ersten Probe waren wir natürlich aufgeregt. Ob wegen der eigenen Fähigkeiten oder der Frage, wie es gemeinsam noch funktioniert – das lasse ich mal bewusst offen. Dann die gemeinsame Fahrt aufs HÖRNERFEST und zurück – eine Art erwachsene Klassenfahrt. Jeder hatte Spaß daran, mit der Gang unterwegs zu sein.

Wie haben sich eure Rollen innerhalb der Band verändert bzw. wiedergefunden – vor allem nach der längeren Pause und den persönlichen Veränderungen jedes einzelnen?
Ich denke, hauptsächlich hat sich der Druck auf einzelne Rollen verändert. Es steht deutlich mehr der Spaß an der Sache im Vordergrund und Rollen haben sich zum Teil neu auf Leute verteilt, denen in den aktuellen Lebenssituationen vielleicht manche Dinge mehr liegen als früher. Für keinen von uns soll sich irgendeine Aufgabe bei dieser Aktion als Last anfühlen, und ich glaube, das schaffen wir im Moment ziemlich gut.

Habt ihr überlegt, neues Material zu schreiben, das über die Festivalshows hinausgeht?
Überlegt? Manche, ja. Gemeinsam zu Ende überlegt? Bisher nein. (lacht)

Wie stark hat die aktuelle Szeneentwicklung euer Comeback beeinflusst?
Ich bin so aus dem Fluss heraus, dass ich gar nicht sagen könnte, wie sich die Szene unter’m Strich entwickelt hat. Hauptsächlich kann man sicher sagen, dass die Musikbranche – Bands, Labels, Agenturen, Veranstalter, Communities etc. – es sicher nicht leichter haben als zu unserer vormals aktiven Zeit. Und dass wir die Pandemie nicht mehr als tourende Band erlebt haben… das bedauere ich ganz sicher nicht.

Gibt es besondere Gäste, ehemalige Mitglieder oder Weggefährten, die ihr in die Shows einbinden wollt?
Über einen möglichen Joker im Ärmel möchte ich nicht weiter eingehen, als ihn mit diesem Satz zu äußern.

Wie plant ihr mit dem Thema Merch & Releases – spezielle Jubiläums-Items, Reissues oder etwas anderes?
Das Thema Merch existiert für uns aktuell nicht. Wir planen für dieses Jahr diese drei Konzerte, dabei eine Menge Spaß an der Sache für das Publikum und uns. Ich frage mich heute noch manchmal, wie wir das früher neben unseren Jobs und dem Familienleben auf die Reihe bekommen haben, und daher ist Merch aufgrund der jetzigen Prioritätensetzung nicht in Diskussion.

Euer erster Auftritt nach der langen Pause ist Geschichte: Das HÖRNERFEST war ausverkauft und viele Fans haben euch bei eurem Comeback gefeiert. Wie habt ihr diesen Moment auf der Bühne erlebt?
Auf der Bühne ist ein Knoten geplatzt. Sämtliche Vorbereitung, alle Sorgen wegen fehlender Routine etc. waren auf einmal weg und es wurde klar: Es funktioniert. Wir funktionieren. Für das Publikum funktioniert es. Mancher mag das nie angezweifelt haben. Wir hatten allerdings schon immer einen tendenziell vielleicht sogar zu hohen Anspruch an uns selbst, und während des Konzerts war wirklich Zahltag. Viel Mühe, die auf diesen Moment hin arbeitete, war augenblicklich allen Stress wert gewesen.

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Spielt ihr das „klassische“ NACHTGESCHREI-Set oder auch ein paar Überraschungen?
Die erste Show liegt hinter uns und wir reflektieren nun, ob es – den emotionalen Faktor kurz ausgeblendet – gut so war, wie wir es uns vorgestellt haben, oder ob etwas geändert werden muss. Aktuell kann ich es also nicht konkret beantworten.

Gab es während des Auftritts einen besonderen Augenblick, in dem ihr gemerkt habt: „Ja, genau deshalb sind wir wieder da“?
Als Schlagzeuger sind es für mich besonders die Augenblicke, in denen ich bei allen anderen auf der Bühne die Spielfreude bemerke. Die einzelnen Besuche am Drumpodest während des Konzerts haben mich in lächelnde Gesichter schauen lassen.

Nach dieser erfolgreichen ersten Show: Hat sich euer Blick auf die geplanten weiteren Aktivitäten verändert? Ist die Lust gewachsen, NACHTGESCHREI auch über 2026 hinaus weiterzuführen?
Das ist zum Abschluss wirklich die schwierigste Frage, finde ich. Man weiß ja, was im Fußball schon passierte, wenn jemand eine Situation mit „Stand jetzt“ beantwortete. Rein faktisch: Es gibt keine Pläne über die beiden noch ausstehenden Konzerte hinaus. Und doch, bis dahin ist noch ein bisschen Zeit, in der wir viel miteinander zu tun haben und reden werden.

Sigi Maier

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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