Das Cover von "Katharsis" von Praying Mantis

Review Praying Mantis – Katharsis

  • Label: Frontiers
  • Veröffentlicht: 2022
  • Spielart: Hard Rock

PRAYING MANTIS sind einer der Eckpfeiler der britischen Heavy-Metal-Szene und damit des Metal an sich: 1975 von den Brüdern Chris und Tino Troy gegründet, wurde die Truppe mit ihrem Debüt „Time Tells No Lies“ zu Vorreitern der NWOBHM und stand kurz vor dem Weltruhm. Aufgrund einer Verkettung von widrigen Umständen, mit der man ganze Bücher füllen könnte, kam es dann doch ganz anders, aber die Band aus London gab nie auf. Mit dem 2015 erschienenen „Legacy“ gelang PRAYING MANTIS nochmal der große Wurf und seither sind die Engländer wieder voll in Fahrt: Mit „Katharsis“ veröffentlicht die Band nur wenig mehr als drei Jahre nach ihrem letzten Output „Gravity“ ein neues Album, erneut bei ihrem langjährigen Label Frontiers Music.

Wenngleich PRAYING MANTIS für die NWOBHM elementar sind, ging die Truppe bereits im damaligen Vergleich nie als wirkliche Heavy-Metal-Band durch – dazu war selbst ihr erstes Album zu filigran, zu vielschichtig und viel zu wenig Riff-orientiert. Über 40 Jahre später hat sich zumindest daran bei den Briten nichts geändert: Auch „Katharsis“ ist keine Heavy-Metal-Platte. Riffwände, treibende Doublebass oder explosive Soli sucht man hier vergebens und sind vom Zielpublikum vermutlich auch gar nicht gefragt. Stattdessen setzen PRAYING MANTIS auf luftige Arrangements mit viel Pathos, wobei die Gitarre stets ein wichtiger Teil des Sounds ist, die Songs aber nie alleine trägt, sondern sich das Feld mit Synthies und breiten Bässen teilt.

Wie gut diese Mischung funktioniert, zeigt sich in gelungenen Nummern wie „Cry Of Nations“, „Sacrifice“ oder „Don’t Call Us Now“. Hier verbinden PRAYING MANTIS die genannten Elemente zu großen, oft pathoslastigen, aber nie kitschigen Hymnen, die trotz des Verzichts auf riesige Gitarrenwände stets eine enorme Wirkung entfalten. Mit ihrem bombastfreudigen Classic-Rock-Sound setzen die Engländer so noch heute eine Tradition fort, die einst von ihren Landsleuten Uriah Heep begonnen wurde und begeben sich dank ähnlich dosiert eingesetzter Twin-Gitarren in das Fahrwasser der nicht minder legendären Wishbone Ash. Der Eindruck, dass auch PRAYING MANTIS zu den großen Alten des britischen Rock gehören, wird von Sänger John Cujpers abgerundet – der Mann verfügt schlicht über die typische Stimme eines würdevoll gealterten Rockstars und liefert auf „Katharsis“ eine hervorragende Performance.

Neben den erwähnten Nummern geht es auf „Katharsis“ ab und an sogar einigermaßen experimentierfreudig zu. In Songs wie etwa „Non Omnis Moriar“ wagen sich PRAYING MANTIS beispielsweise in gar poppige Regionen vor, die normalerweise Genesis vorbehalten sind. Weil aber auch deren Musik nicht ohne Anspruch ist, funktioniert das überraschend gut und offenbart neue Seiten des Band-Sounds. Seinen Tiefpunkt erlebt die Platte mit „Ain’t No Rock ’n‘ Roll In Heaven“ und „Long Time Coming“. Während der gradlinige, breitbeinige Bluesrock auch bei PRAYING MANTIS generell akzeptabel ist, sind die Nummern inhaltlich leider derart platt und klischeebeladen, dass sie nicht nur im Vergleich zu den ernsteren Songs von „Katharsis“ reichlich blass wirken.

PRAYING MANTIS waren nie eine erdige Hard-Rock-Band und „Katharsis“ lässt den Versuch, eine zu sein, wie die Anprobe eines schlecht sitzenden Kleidungsstückes wirken. Zum Glück ist aber auch das elfte Album der britischen Urgesteine voll von Band-typischen Songs, die alle Stärken der Formation in sich vereinen – und dank der gelegentlichen Experimentierfreude der Herren gibt es hier obendrein so manches zu entdecken. Insgesamt mag man hier vielleicht nicht das stärkste Album in der bald fünf Jahrzehnte währenden Karriere der Londoner in Händen halten, aber „Katharsis“ ist in jedem Fall eine gut gemachte, vielschichtige und vor allem extrem hochwertig produzierte Rock-Platte urbritischer Machart.

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Wertung: 7 / 10

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