Cover Artwork des Albums ID.Entity der Band Riverside

Review Riverside – ID.Entity

52 Monate. So lange gab es kein neues Material von RIVERSIDE. Als „Wasteland“ im Herbst 2018 herauskam, war die Band noch eine andere. Es war das erste Werk ohne den verstorbenen Gitarristen Piotr Grudziński und von tiefer Melancholie geprägt.
Jetzt ist der damalige Gastgitarrist Maciej Meller (Quidam) festes Mitglied. Die Polen sind wieder komplett und klingen auch so. Das strahlt schon der Opener „Friend Or Foe?“ überdeutlich aus. Ein echter Aha-Moment – nicht nur für Hörer*innen, sondern auch stilistisch. Ja, RIVERSIDE kokettieren hier tatsächlich mit dem Synthpop der Achtziger und verbinden ihn mit ihren eigenen Stilmitteln. Ein sensationeller, frischer Einstieg, der richtig Lust auf mehr macht.

Das nachfolgende „Landmine Blast“ ist fast schon ein Kontrapunkt und während seiner gesamten fünf Minuten Spielzeit durchsetzt und getrieben von einem rhythmisch nervös tänzelnden Thema, das nur aus wenigen Noten besteht. Was anfangs wunderbar vertrackt klingt, beginnt mit zunehmender Spieldauer zum Selbstzweck zu werden und an den Geduldsfäden zu ziehen.

Im weiteren Verlauf gelingt es RIVERSIDE vorzüglich, die Erwartungen ihrer Fans zu bedienen. Sämtliche der verbleibenden fünf Songs sind sorgfältig komponiert, enthalten die typische Mischung aus retroproggigen und progmetallischen Elementen, veredelt mit starken Gesangsmelodien und tollen atmosphärischen Momenten. „ID.Entity“ ist kurzweilig, unterhaltsam und rund. Es gibt nichts, aber auch wirklich gar nichts auszusetzen. Der Sound ist sauber, das Artwork hochwertig und stimmungsvoll. Ganz sicher wurde hier nichts dem Zufall überlassen. Es steckt sehr viel Arbeit und Perfektionismus in diesem Album.

Nur: Es fehlt die Magie alter Zeiten. Und auch weitere neue Zutaten suchen Zuhörer*innen vergebens. Der Opener hat den Ton gesetzt und eine Erwartungshaltung geschürt, die die Platte schlicht nicht erfüllen kann. Der Abschlusstrack „Self-Aware“ lässt noch einmal aufhorchen: Hier klingen die Polen plötzlich wie Rush in den Neunzigern. Locker rockend, mit Reggae-Einlage. Und dann endet der Track mit Ambient-artigem Wabern, mit dem Sänger und Bassist Mariusz Duda vermutlich seiner Liebe zu den deutschen Elektronikern Tangerine Dream Tribut zollt. Gerne mehr davon!

Highlights dazwischen sind das epische, Mellotron-getränkte Ende von „Big Tech Brother“, das knackige „Post-Truth“, das auch gut auf „Shrine Of New Generation Slaves“ gepasst hätte und der berührende Abschluss des 13-Minüters „The Place Where I Belong“.
Trotz der überlangen Spielzeit bleibt diese Nummer aber eine schlichte, lose zusammenhängende Suite aus einer treibenden und zwei ruhigen Ideen, ergänzt um einen instrumentalen Ausklang. Nicht nur kompositorisch erinnert hier einiges an neuere Marillion. Ein gutes Stück, aber kein Vergleich zu Großtaten wie „Second Life Syndrome“. Daran werden sich die Herren leider bis an ihr Karriereende messen lassen müssen.

Auf dem Papier haben RIVERSIDE dennoch alles richtig gemacht. „ID.Entity“ ist ein super Album und zeigt eine selbstbewusste Band, die sich treu bleibt. Es ist schön, dass die Polen nicht auf den Djent-Hype aufspringen.
Und dennoch wäre mehr drin gewesen: Wer etwa die zahllosen Solowerke von Mariusz Duda zwischen den letzten beiden Silberlingen der Band verfolgt hat, der weiß, dass er sich dort überaus kreativ mit den Genres Folk und Elektronik beschäftigt hat. Klar, in dieser Breite wäre das bei RIVERSIDE zu riskant. Aber ein wenig mehr dieser Experimentierfreude hätte auch „ID.Entity“ gut getan.

Nach dem sensationellen Opener perfektioniert „ID.Entity“ leider alte Muster, statt neuen Impulsen Raum zu geben – das ist schade! Nichtsdestotrotz: Der Erfolg gibt der Band recht. „ID.Entity“ ist auf Platz 4 in die deutschen Albumcharts eingestiegen.

Die Vinyl-Ausgaben und die Doppel-CD-Version bieten mit „Age Of Anger“ und „Together Again“ zwei instrumentale Bonustracks. Insbesondere der Letztgenannte ist gelungen.

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Wertung: 8 / 10

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4 Kommentare zu “Riverside – ID.Entity

  1. Schönes Album. Mochte auch schon den Vorgänger „Wasteland“ sehr. Schön, dass sie dieses Mal einiges anders machen und trotzdem wieder was Starkes auf die Reihe gebracht haben. :)

  2. Da habe ich vielleicht den Vorteil, dass ich die „Magie der alten Zeiten“ jetzt nicht ganz so gut kenne. Das „Shrine…“-Album ist das erste, was ich von Riverside gehört habe, aber das hat mich weit weniger mitgenommen, als eben jetzt das Neue. Der Opener sticht klar heraus, aber ich bin sogar ganz froh, dass der dortige Ansatz nicht durchgehend verfolgt wurde. Manch einer schrieb, dass er das Album mit Steven Wilsons „Hand.Cannot.Erase“ vergleichen würde. Würde ich zustimmen. Das Album geht locker in einem Rutsch durch, baut einen guten Fluss auf, auch wenn das Album von Steven Wilson insgesamt die stärkeren Songs hat. Für mich auf alle Fälle das beste, was Riverside bisher veröffentlicht haben.

    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Nach so vielen Alben gefällt mir der frische Wind, den der Opener verbreitet. „Hand.Cannot.Erase“ kenne ich leider nicht, das muss ich dann wohl mal nachholen. 😃 RIVERSIDEs Meisterstück bleibt für mich aber „Love, Fear And The Time Machine“. Bin gespannt, wie sich „ID.Entity“ auf lange Sicht macht.

      1. Aber sowas von! Ein absolutes Meisterwerk und wenn man sich die Version mit der dazugelegten BluRay holt, hat man auch noch das passende Artwork zu den Stücken. Hat mich damals sehr beeindruckt.

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