CD-Review: The Offspring - Let The Bad Times Roll

Besetzung

Dexter Holland – Gesang, Gitarre, Bass, Piano
Noodles – Gitarre, Gesang
Pete Parada – Schlagzeug

Tracklist

01. This Is Not Utopia
02. Let The Bad Times Roll
03. Behind Your Walls
04. Army of One
05. Breaking These Bones
06. Coming For You
07. We Never Have Sex Anymore
08. In The Hall of the Mountain King
09. The Opioid Diaries
10. Hassan Chop
11. Gone Away
12. Lullaby


Lange war es still um die alten Herren von THE OFFSPRING: Seit dem letzten Album „Days Gone By“ von 2012 zogen bereits neun Jahre ins Land. Nun steht mit „Let The Bad Times Roll“ Album Nummer zehn der Punk-Rock-Legende aus Orange County (Kalifornien) in den Startlöchern und möchte den durchwachsenen Vorgänger vergessen lassen.

Der Opener „This Is Not Utopia“ schürt auch direkt die Hoffnung auf bessere Zeiten: Ohne großes Trara geht es direkt flott los, die Drums treiben, die Melodien tönen fröhlich-punkig aus den Boxen und der ganze Song ist durchaus tanz- und singbar – ein toller, spaßiger Einstieg. Der Titeltrack bremst aber direkt wieder ab, indem der meerschweinchen-zahme Refrain mit mehrfachen Durchläufen inklusive Fade-out die Hälfte des Songs einnimmt. In „Behind The Walls“ wollen THE OFFSPRING mit radiotauglichem Stadionrock zeigen, dass sie auf dem Plakat jedes großen Pop-/Rock-Festivals noch immer in eine Zeile mit Volbeat gehören.

„Army Of One“ lässt dann aber erstmals so richtig die Augenbrauen nach oben schnellen: Ist hier beim Mixing etwas gewaltig schiefgelaufen? Dexter Holland klingt, als hätte man ihn mitsamt Mikrofon in eine überdimensionale Blechdose in einer Blechhütte gesteckt. Hier ist zwar wieder Stammproduzent Bob Rock an den Reglern, dennoch entpuppt sich die Produktion als eines der größten Mankos der Scheibe. Abgesehen vom oft gepressten, wie durch eine analoge Telefonleitung gezogenen Gesang klingen die einzelnen Lieder untereinander einfach völlig unterschiedlich. Das hat in diesem Fall nichts mit Abwechslung zu tun, sondern wirkt wie eine uninspirierte Compilation diverser Songs verschiedener Alben. Tatsächlich wurden die zwölf Tracks über die letzten neun Jahre an verschiedenen Locations aufgenommen, zum Teil im bandeigenen Studio, zum Teil an anderen Orten und das Klangergebnis fällt sehr negativ ins Gewicht. „Let The Bad Times Roll“ findet keine klare Linie, vermag es nie, wie ein homogenes Album zu wirken und seinen Fluss zu finden. Manchmal, wie bei „This Is Not Utopia“ oder „Breaking These Bones“, drückt der Sound ordentlich, bei anderen Tracks wieder wirkt er komprimiert und erschreckend flach.

Überhaupt ist der Terminus Album mit Vorsicht zu genießen. THE OFFSPRING waren noch nie für überlange Veröffentlichungen bekannt, mit 33 Minuten ist „Let The Bad Times Roll“ – abgesehen vom Debüt – jedoch die kürzeste der Bandgeschichte. Der Umfang wirkt bei genauerer Betrachtung erst recht fragwürdig: „Coming For You“ wurde bereits 2015 veröffentlicht, die einminütige Edvard-Grieg-Coverversion von „Hall Of The Mountain King“ wirft Fragezeichen auf und „Lullaby“ ist als Ausklang eine weitere unnötige Füllminute. Mit „Gone Away“ covert man sich selbst: Das Original stammt vom 1997er Album „Ixnay On The Hombre“. Die Pianoversion eines eh schon emotionalen Songs ist eine schöne Idee, klingt aber viel zu bemüht nach dem Versuch, ein eigenes „Mad World“ zu kreieren. Außerdem gelingt Dexter Holland aufgrund einiger schiefer Töne hier nicht, die nötige Atmosphäre einzufangen. Der inzwischen 56-jährige liefert auch insgesamt auf dem Album leider die schwächste Gesangsleistung seiner Karriere.

Nach Abzug der genannten Stücke bleiben noch acht neue Tracks mit insgesamt 25 Minuten Spielzeit – das ist nach neun Jahren Wartezeit einfach zu wenig, andere Bands veröffentlichen so etwas als EP. Es wäre halb so schlimm, würde wenigstens die Qualität stimmen, doch auch abgesehen von der missglückten Produktion bewegen sich THE OFFSPRING auf mäßigem Niveau. Hitpotential lassen die Songs ,abgesehen von „This Is Not Utopia“, kaum erkennen. Mit „The Opioid Diaries“ und „Hassan Chop“ sind zumindest zwei schnellere Songs vorhanden, diese fallen aber so unspektakulär aus, dass sie schon egal sind. „We Never Have Sex Anymore“ ist ein spaßiges Ska-Blues-Experiment und damit zumindest ein kleiner, frecher Lichtblick.

„Let The Bad Times Roll“ wirkt wie eine hastig zusammengeschusterte Zusammenstellung von B-Seiten. Es grenzt schon an Frechheit, dass man das Gefühl bekommt, die Band wollte nach fast zehn Jahren einmal wieder irgendetwas veröffentlichen, um das Konto aufzufüllen. Eigentlich ist bei THE OFFSPRING alles beim Alten: Es wird fröhlicher, melodischer Pop-Punk-Rock kredenzt, aber die Frechheit eines „Americana“ (1998), die Frische und Leichtigkeit eines „Rise And Fall, Rage And Grace“ (2008) sowie der gewohnte musikalische Biss und das Hitpotential fehlen fast völlig. War „Days Gone By“ schon ein laues Lüftchen, setzt „Let The Bad Times Roll“ durch unfokussiertes Songwriting und Zerfahrenheit noch einen drauf. THE OFFSPRING leben heute nur noch von ihrem Heldenstatus der 90er Jahre und den Nostalgiegefühlen seiner damals jungen Anhänger. Das zehnte Album einer einst wegweisenden Band, die eine ganze Generation beeinflusste und zu Punks erzog, ist ein müde wirkender Abklatsch früherer Zeiten.

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