Ein kurzes, brutales Riff, völlig unvorbereitet und überwältigend. Dann Stille, Rauschen… und eine Stimme aus dem Radio eröffnet eine ganze Welt.
„Jesus … What a mindjob”.
Was folgt, ist eines der faszinierendsten und am meisten verstörenden Black-Metal-Werke der Genregeschichte. Denn die Radiowellen verschwinden nicht. Sie durchfluten die gesamte Hälfte des eröffnenden „Existence“ und treiben den Hörer zielgerichtet Richtung Wahnsinn. Dazu die mechanischen, marschartigen Drums – wo wir hier gelandet sind, ist Black Metal in ganz anderen Dimensionen zuhause.
Es ist nicht viel, was Snorre Ruch unter dem Namen THORNS veröffentlicht hat. Ein paar Demos, eine legendäre und unbedingt hörenswerte Split-CD mit Emperor, ein obskures, nur auf einer Kunstvernissage verteiltes Ambient-Remix-Stückchen. Und eben dieses bis heute einzige Full-Length-Album. Doch das genügt völlig, um den so unheimlichen wie unfassbaren Status von THORNS innerhalb der (norwegischen) Black-Metal-Szene zu untermauern. Snorre selbst wirkt dabei immer wie ein geisterhafter Zaungast, der nie ganz zur Tischgesellschaft dazugehört und nur ab und zu vorbeischaut, neben dem aber dennoch jeder sitzen möchte. Im Zuge des Mordprozesses gegen Varg Vikernes wegen Beihilfe verurteilt (er fuhr den Wagen) hat Snorre sich um die Szene ebenso wenig geschert wie um die Regeln, die angeblich für Black Metal zu gelten haben, und wahrscheinlich auch ebenso wenig um Black Metal selbst. Deshalb klingt sein Black Metal auch so völlig anders als alle anderen. Daheim ist er eigentlich in seltsamen Ambient- und Industrial-Untiefen, also Genres, die teilweise radikaler an die Grenzbereiche dessen heranreichen, was man normalerweise als „Musik“ bezeichnet, als das vielfach selbst in der Mainstream-Black-Metal-Szene der Fall war. Und dennoch käme niemand auf die Idee, seine Musik als „Crossover“ oder Genremix zu bezeichnen. Sie ist Black Metal, auf eine einzigartig individuelle, eiskalt-technische und menschenfeindliche Art und Weise.
THORNS, gemeint ist das Album, ist dabei kaum ohne die musikalischen Entwicklungen zu verstehen, die sich um die Jahrtausendwende auf dem Moonfog-Label von Satyricon-Boss Satyr gruppierten. Black Metal befand sich in einer Sinnkrise, der emblematische Sampler „Moonfog 2000“, der passend dazu erschien, verdeutlich dies eindrucksvoll. Aufbrüche in progressivere, elektronischere Genres standen damals auf dem Programm, Remixe wurden ausprobiert und Satyricon veröffentlichten mit „Rebel Extravaganza“ das, nun, extravaganteste Album ihrer Karriere. Snorre steuerte einige Riffs bei. „Rebel Extravaganza“ ist auch der Referenzpunkt, an den man sich halten muss, wenn man eine Ahnung davon haben will, wie THORNS klingt.
Nicht nur übernimmt Satyr auf dem Album die Hälfte der Gesangsparts – die andere übernimmt Aldrahn (ex-DHG), dessen völlig überdrehte Performance die knochentrockene Stimme des Herren Wongraven perfekt ausbalanciert. Aber es ist schnell klar, wer hier Meister ist und wer williger Gefolgsmann. Snorre beherrscht die Szenerie. Die Produktion mit den charakteristisch höhenlastigen Wespengitarren prägt beide Alben, dazu kommt bei THORNS ein entmenschlichter Drumcom…. Moment, das ist kein Drumcomputer. Das ist Hellhammer (jedenfalls dort, wo nicht tatsächlich programmierte Drums eingebaut sind). Aber er spielt so anders, so maschinenhaft und dennoch charakteristisch, dass sich auch in Zukunft niemand darum sorgen muss, dass KI irgendwelche Musiker ersetzt.
Das nachfolgende „World Playground Deceit“ zeigt das charakteristische Riffing Snorres, in den offenen, jazzigen Akkorden ebenso wie in den gnadenlos schnellen Tremolopassagen. „Shifting Channels“ entpuppt sich als doomiger Abstieg in die verdorbenen unterirdischen Kanäle einer Maschinenstadt, das Abflusssystem eines Borg-Kubus vielleicht, durch das Aldrahn mit unnachahmlicher Theatralik führt. Der Album-„Hit“ „Stellar Master Elite“ beweist dann, dass auch Eingängigkeit kein Gegensatz zu Brutalität sein muss.
Einzig die lange, lange Ambient-Passage nach dem ersten, marschartigen Teil von „Underneath The Universe“, die zum wiederum doomigen Teil 2 überleitet, ist deutlich zu zäh – durch wird man das Gefühl nicht los, dass es gerade sie ist, die Snorre eventuell am meisten genossen hat. Nach dem schnellen „Interface To God“ meldet sich der Meister persönlich zu Wort: Das Spoken-Word-Outro „Vortex“ vereint noch einmal maximal alles an Atmosphäre und Verstörung, was dieses solitäre Meisterwerk einer immer im Werden begriffenen, aber nie nur Geburt gelangten Epoche ausmacht. Eine Neuauflage des Albums ergänzte es noch sinnvoll um den Instrumental-Track „TSoS“. Eine sinnvolle, würdige Wahl.
Und so steht THORNS bis heute allein auf weiter Flur. Ein 2007 angekündigter Nachfolger kam bis heute nie zustande – was bei Snorre nichts heißen muss. Immerhin gibt er auf Youtube Gitarren-Unterricht.
Entdecken sollte man aber auch unbedingt alle anderen erhältlichen Tracks, die Snorre unter diesem Label auf die Hörerschaft losgelassen hat. Dann erkennt man auch, warum das oft von verschiedensten Händen veränderte „Aerie Descent“ vielleicht eines der wichtigsten, zentralsten Stücke der norwegischen BM-Geschichte darstellt. Einige der besten Riffs beinhaltet es auf jeden Fall. Das lässt sich auf die gesamte Band übertragen. Zurecht ein absoluter Klassiker.
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Wertung: 9.5 / 10


