CD-Review: Wandar - Zyklus

Besetzung

Skoll von Kallenheim - Gesang
Westram - Gitarre
Zazhgul - Gitarre
Sigurdur - Bass
Totz - Schlagzeug

Tracklist

01. Winden
02. Tothfall
03. Fylgia
04. Rast
05. Se(e)hen
06. Heimgang
07. Basalt


Es fühlt sich an, als sei es eine Ewigkeit her, dass ich mich WANDARs erstem Album „Landlose Ufer“ im Rahmen eines Reviews gewidmet habe. Dabei sind’s nur sieben Jahre, aber immerhin sieben Jahre, in denen ich von den Hallensern absolut nichts mitbekommen habe. Wie aus dem Nichts erscheint dann, mitten im Sommerloch, mit „Zyklus“ das zweite Album einer der meiner Meinung nach noch immer begnadetsten Black-Metal-Bands-Deutschlands. Im Grunde wäre „Stealth Black Metal“ der richtige Begriff bei einer Band, die mit derart großem Talent so brutal tief unter dem Radar fliegt, obwohl sie eigentlich – um im Bild zu bleiben – auf die großen internationalen Flugshows gehört.

„Zyklus“ ist in allen seinen Bestandteilen der exakte Nachfolger des auch schon beachtlichen Erstlings. Kompositorisch bleiben WANDAR weiterhin in Sichtweite der skandinavischen Genregrößen der Neunziger, wagen sich aber auch vorsichtig in das Dickicht der Moderne vor, beispielsweise, wenn mächtig verhallte Leadgitarren im Stil alter Lantlôs über klassischen Riffs schweben. Ansonsten regieren die ausnahmslos überlangen Stücke wundervoll elegische Riffs und berührende Melodien, und das ohne jedes Pathos. Wenn, wie etwa in „Fylgia“, Coldwords Georg Börner eine Violine beisteuert oder Sophie Gerber einen engelsgleichen Sopran, steigern sich die sowieso schon ungeheuer emotionalen Songs in einen rauschhaften Strudel aus Melancholie, Nostalgie und Sehnsucht hinein, auf dessen Grund man gut und gerne feststellen kann, dass man die Welt für eine Stunde vergessen hat.

Das eigentlich Meisterhafte an WANDARs Kunstgeschick ist, dass sie nicht auf stumpfen Norsecore, schichtenweise Keyboards oder rituelles Brimborium zurückgreifen müssen, um zu begeistern. Hier und da eine Akustikgitarre, ein Keyboard, ein Piano, ein unerwarteter Gesang, ein Sample – und ansonsten viele Triolen, Doublebass, Blastbeats, zweistimmige Gitarren, getriebener Gesang; das reicht völlig, um die emotionale Tiefe des Black Metals bis auf den Grund auszuloten und in ausnahmslos jedem der sieben Tracks mitreißend zu sein.

Wem der reine Musikgenuss nicht genügt, dem bieten WANDAR allerdings auch noch tiefere Schichten. „Zyklus“ ist ein Werk, das sich mit dem Vergehen (und mitunter auch Entstehen) beschäftigt, auf einer tief metaphorischen, hochgeistigen Ebene. Die sprachlich enorm anspruchsvollen und bis ins kleinste Wort durchdachten Texte zu genießen, erfordert sicherlich mehr Zeit, als sich viele Menschen in Zeiten von Spotify und YouTube nehmen möchten. Wer sich dennoch damit auseinandersetzt, dem erschließt sich eine Wortkraft und Bildgewalt, wie sie in dieser Ausdrucksstärke absolut ungewöhnlich ist. Ich wüsste gerne, was Rainer Maria Rilke oder Gottfried Benn dazu gesagt hätten.

Weil es allerdings selbst an den größten Meisterstücken noch eine Kleinigkeit zu mäkeln gibt, kann ich mir ein Wort zur Produktion nicht verkneifen: Wenn auch passend, zeitlos und auf hohem Niveau umgesetzt, ist mir diese gerade beim Schlagzeug manchmal ein wenig zu digital, klingt der Gesang etwas zu distanziert oder ist der Bass ein bisschen zu versteckt. Das ist der einzige Punkt, den WANDAR meinem Geschmack nach noch optimieren dürften. Ansonsten ist „Zyklus“ definitiv eines der stärksten Alben, die der Black Metal 2019 zu bieten hat und kann ohne Mühe mit Imperium Dekadenz oder Mgła mithalten. Das haben mittlerweile auch Vendetta Records realisiert, die dem wunderschönen selbstveröffentlichten Digipak demnächst noch eine LP-Version an die Seite stellen werden. Das ist allerdings kein Grund, mit dem Kauf des Albums zu warten.

Bewertung: 9 / 10

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