Circus HalliGallica – wir waren dabei

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„Stell dir vor, wir waren auf einem METALLICA-Konzert mit total wenig Leuten. Nur ein paar hundert! Wir waren kaum zwei Meter von James Hetfield entfernt! Zwischendurch kamen noch mal Joko und Klaas auf die Bühne. Ohnehin sah der Ort eher aus wie ein Fernsehstudio. Total bekloppt, oder?“

Doch was sich anhört wie ein seltsamer Traum, trug sich am Montag, den 14. November, wirklich so zu. Beginnen wir von vorn.

Eine knappe Woche vorher entdecken wir auf Twitter ein Gewinnspiel, bei dem zwei Plätze für ein METALLICA-Geheimkonzert in Berlin verlost wurden. Yo, kann man mal mitmachen, denkt man sich da. Als wenige Tage später tatsächlich eine E-Mail mit der Gewinnbenachrichtigung eintrudelt, drehen wir durch wie ein Rudel aufgeschreckter Meerschweinchen. Ernsthaft? Okay, schnell noch mal Urlaub nehmen (zum Glück spielen die Arbeitgeber mit), Zug und Hotel buchen … und dann kann es losgehen.

metallica-2016-berlin-01Wir fahren mit ziemlich wenig Infos in die Hauptstadt. Man werde sich Montag um 12 Uhr melden, heißt es in der Gewinner-Mail, erst dann werden der Ort und die genaue Zeit des Gigs bekannt geben. Mehr haben wir nicht in der Hand. Ganz schön wenig, wenn man bedenkt, dass wir dafür zwei Tage Urlaub genommen haben…

Im ICE von Hamburg nach Berlin ist der Handyempfang für den Allerwertesten. Es wird 12 Uhr, dann 13 Uhr – immer noch keine Mail, kein Anruf. Dann, anderthalb nervöse Stunden später, klingelt endlich das Handy. Eine Mitarbeiterin der Plattenfirma ist am Apparat und aus dem „Clubkonzert“, wie es mal hieß, wird plötzlich eine TV-Aufzeichnung im Studio von Circus HalliGalli, um 16 Uhr sollen wir da sein. Taschen, Jacken, Handys sind abzugeben und so weiter. Oookay, Faxen mit Joko und Klaas statt intimer Club-Atmosphäre? Spielen METALLICA dann nur zwei Songs, während wir auf den Stufen sitzen müssen? Ernüchterung macht sich breit. Egal, wir sind nun hier, lassen wir es auf uns zukommen.

Vor den BUFA-Studios in Berlin-Tempelhof sind an diesem arschkalten Nachmittag bereits einige Dutzend Metaller versammelt, als wir erscheinen. Wir stärken uns mit Jack’n’Coke aus der Dose – vermutlich rotiert Lemmy davon gerade im Grab, aber man weiß ja nie, was wir noch an seltsamen Dingen aushalten müssen. Zum Glück dürfen wir ins Warme, kurz nachdem die Dosen leer sind. Namen werden erfasst, Zeug abgegeben und es heißt erstmal warten. Leute aus Luxemburg, Franken, Niederländer, aber auch Berliner sind vor Ort. Entweder haben die Gäste wie wir Tickets über diverse Magazine gewonnen oder sind Fanclub-Mitglieder, die früher am Tag bereits in den Genuss eines Meet-and-Greet kamen. Eins haben alle gemeinsam: Kaum einer hat mehr als ein paar Episoden von Circus HalliGalli gesehen – die Prio heißt ganz klar: METALLICAAAA!!! Mit einem Bierchen von der Studio-Bar und netten Gesprächen lässt sich die Wartezeit gut überbrücken, aber die Spannung steigt. Wie spät ist es? Ach ja, wir haben ja die Handys abgegeben. Menschen mit klassischen Zeitmessern könnten jetzt für teures Geld die Uhrzeit verkaufen.

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Dann geht’s irgendwann tatsächlich in den Saal, in dem Joko und Klaas normalerweise ihren Circus aufzeichnen. Kaum jemand will auf den Stufen sitzen, es geht natürlich zur links gelegenen Bühne des Studios. Nun dauert es nicht mehr lange und das Licht geht aus.

DA. SIND. SIE. WIRKLICH. Ohne Umschweife legen METALLICA los und braten uns „Atlas, Rise“ vom neuen Album um die Ohren. Keine Vorband, kein “Ecstasy of Gold”-Intro, einfach sofort von null auf hundert. Wir befinden uns jetzt in einem völlig abgekapselten Raum, der scheinbar nichts mehr mit der Außenwelt gemein hat. Hier sind nur wir, ein paar hundert andere Verrückte und METALLICA. Zwei Meter vor uns.

„Atlas, Rise“ ist erst seit kurzem draußen, das Album „Hardwired … To Self-Destruct“ soll noch erscheinen. Dennoch kennen die Die-Hard-Fans jetzt schon jedes Wort und singen aus vollen Kehlen mit. Dabei müssten sie das gar nicht, James Hetfield ist nach einigen Schwankungen in den letzten Jahren inzwischen wieder in guter stimmlicher Verfassung und sieht richtig frisch aus. Kirk Hammett ist zwar grau und ein bisschen dünn geworden, hat aber nichts verlernt. Rob Trujillo verkörpert nach wie vor die animalische Seite der Band, der Bassist mit den irren Zöpfen schneidet reichlich Grimassen. Schließlich grinst Lars Ulrich mit seinem grauen Bart unter der Wollmütze wie ein Stadtstreicher, dem man gerade eine Kiste Bier geschenkt hat.

Nach dem ersten Song kommen Joko & Klaas kurz auf die Bühne, werden aber von den johlenden METALLICA-Fans wenig gewürdigt. Als die Gastgeber sich nach „Moth into Flame“ noch einmal blicken lassen, ist kein Wort von dem zu verstehen, was sie da in ihre Mikros erzählen – sie werden mit lauten “METALLICA! METALLICA!”-Rufen regelrecht von der Bühne gejubelt. Was die beiden Moderatoren zu sagen hatten, wird man vermutlich erst bei der Ausstrahlung der Sendung mit METALLICA eine Woche später erfahren. Damit ist die Pflicht erfüllt, es folgt die Kür. Und die wird gleich mal mit „Master of Puppets“ eingeleitet. Heidewitzka! Es mag auf den großen Bühnen der Welt nicht weniger eindrucksvoll sein als hier, aber den väterlichen Superhelden beim Zocken so direkt auf die Finger schauen zu können, das ist eine einzigartige Erfahrung.

James feixt mit einem jungen Paar vor der Bühne, dass dieses Date schwer zu toppen sei, ansonsten beschränken sich METALLICA überwiegend auf einige ihrer größten Songs. Dass wir nicht viel Zeit haben, ist klar. Also werden „For Whom the Bell Tolls“ und noch mal die beiden neuen Nummern (diesmal in den ungekürzten Fassungen) zügig heruntergeholzt. Die Stimmung im kleinen Publikum schwankt nahezu gar nicht, egal ob gerade die neuen Songs oder das darauffolgende „One“ ertönt. Gerade „Moth into Flame“ darf man live auf dem Zettel behalten! Zwischendurch mäht noch ein übermotivierter Pogo durch die Menge und es werden ordentlich Häupter geschüttelt. “Bang that head that doesn’t bang” wie zu schönsten “Kill ’em All”-Zeiten, als es für die Band noch Alltag war, vor so kleinem Publikum aufzurocken.

Auch „Hardwired“, der Titelsong des neuen Albums, wird auf das handverlesene Berliner Publikum losgelassen und zündet sofort. Wird es das gewesen sein? Nicht ganz. Fast schon gedankenverloren zupft James noch die ersten, so bekannten Töne – „Enter Sandman“ darf nicht fehlen. Die Stimmung brodelt, siedet, kocht; Jung und Alt geben noch einmal alles. Und in den Gesichtern der Heroen können wir jede Lachfalte erkennen. Ja, das ist ehrliche Freude, man nimmt es ihnen nach so vielen Bühnenjahren ab, vor kleinem Publikum fast noch mehr Spaß zu haben als in den großen Arenen dieser Welt.

Nun ist die Show aber doch – etwas abrupt – vorbei, ganz ohne das zum Abschluss eigentlich obligatorische „Seek & Destroy“. Kopfschüttelnd beobachten wir, wie sich die Geier auf die Beute … die vordersten Reihen auf die verbleibenden Plektren an den Mikro-Ständern stürzen, bis die Sicherheitsleute diese nach hinten stellen. Das Licht geht an und wir werden zurück in die Realität geholt, als wir den Saal verlassen. Ist das gerade echt passiert? War das Wirklichkeit, auch wenn wir keine Fotos davon machen konnten? Wir stolpern in die Berliner Nacht, den Kopf noch immer voller Riffs und fragen uns, ob wir alles nur geträumt haben. Aber um es mit einem nicht ganz so klassisch-oldschooligen METALLICA-Song zu sagen: “The Memory Remains”.

Setlist METALLICA:
Fernseh-Aufzeichnung:
01. Atlas, Rise! (Kurzversion)
02. Moth Into Flame (Kurzversion)
Off-The-Record-Show:
03. Master of Puppets
04. For Whom the Bell Tolls
05. Atlas, Rise!
06. Moth Into Flame
07. One
08. Hardwired
09. Enter Sandman

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