#TicketBehalten – wer profitiert wirklich?

In Krisenzeiten gibt es immer zwei Bestrebungen: Die einen versuchen, Gutes zu tun, die anderen, Profit zu machen. Wie schwer es ist, beides voneinander zu trennen, erkennt man auch in der aktuellen Corona-Krise, die (neben fast allen anderen Branchen) den Konzert- und Veranstaltungssektor hart getroffen hat.

Unter Hashtags wie #TicketBehalten geht derzeit die Bitte durch die sozialen Medien, gekaufte Konzerttickets nicht zurückzugeben, um den Kultursektor zu stärken. Aber wen stärkt man denn nun wirklich, wenn man sein Ticket nicht zurückgibt?

Die Wertschöpfungskette

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zumindest kurz mit den gängigen Wertschöpfungsketten im Konzert-Business auseinandersetzen. In der Regel läuft die Geldverteilung hier wie in einem der folgenden drei (stark vereinfachten) Szenarien:

1. (Kleine) Band bucht Location

Die Band bucht eine Location, bekommt dafür (einen Teil der) Ticketeinnahmen, eventuell ist die Location beteiligt. Am Ticket verdient zudem der Tickethändler, in der Regel ein Großkonzern wie Livenation (Ticketmaster) oder Eventim. Das an der Bar umgesetzte Geld geht an die Location, die auch Techniker stellt, wenn die Band keinen (selbst finanzierten) Techniker mitbringt.

2. Veranstalter bucht Band

Eine Band geht auf Tour, bietet das Package einem lokalen Veranstalter an, der es gegen Fixgage in seine Location holt. Die Ticketeinnahmen gehen an den Veranstalter und den Tickethändler. Der Veranstalter deckt damit die Kosten der Veranstaltung (Technik, Bar, Logistik, …) und seine Ausgaben für die Bandgage.

3. Konzertagentur bucht Location

Eine Konzertagentur bucht für eine Band, die bei ihr unter Vertrag steht, Locations. Zum Tourtross gehört alles, was für die Umsetzung der Show benötigt wird. Die Ticketeinnahmen gehen an den Veranstalter und den Tickethändler. Der Veranstlater bezahlt die Beteiligten (inklusive Band).

Konzert verschoben – und jetzt?

Wird eine Veranstaltung verschoben, bleibt die Wertschöpfungskette davon unbeeinflusst – nur wird eben zu einem anderen Zeitpunkt Geld verdient. Wer nun wegen der Terminverschiebung nicht zum Konzert kann oder nicht so lange warten will, kann sein Ticket wie bei einer Absage zurückgeben. Der Veranstalter ist verpflichtet, den Ticketpreis inklusive Vorverkaufsgebühren zurückzuerstatten, da er seiner Leistungspflicht nicht nachkommt: Ersatztermine sind nur ein Angebot. Erster Ansprechpartner ist hier die Vorverkaufsstelle, über die das Ticket bezogen wurde – in zweiter Instanz ansonsten der Veranstalter.

Wer sich aber dafür entscheidet, sein Ticket nicht zurückzugeben, unterstützt damit die gleichen Unternehmen und Personen wie bei einem regulären Konzertbesuch. Der Konzertveranstalter und Musikbusiness-Experte Berthold Seliger („Das Geschäft mit der Musik“, „Vom Imperiengeschäft“) erklärt auf Anfrage von Metal1.info: „In den meisten Fällen wird ja versucht, die Konzerte zu verschieben, sodass die gekauften Karten ihre Gültigkeit auch für einen späteren Zeitpunkt behalten. Da ist es ein entscheidender Vorteil für Konzertveranstalter, in diesem Fall aber auch für die Musiker*innen, wenn die Karten nicht zurückgegeben werden – das sichert das Zustandekommen der verschobenen Konzerte und die Künstlergagen.“

Was aber, wenn die Show abgesagt wird?

Zur Entspannung der Situation schlägt Seliger ein Gutscheinsystem vor, wie es in der Reisebranche bereits seit Längerem gesetzlich verankert ist. Dann müssten Veranstalter bei ausgefallenen Konzerten nicht den Ticketpreis erstatten, sondern könnten den Fans auch einen Gutschein zukommen lassen, der beim Kauf künftiger Tickets eingelöst werden kann. „Dies wäre essenziell für den Cashflow der Konzertveranstalter – wenn die etwa alle Karten für abgesagte und/oder verschobene  Konzerte vom März bis Juni erstatten müssten, werden mehr als 80 % der Konzertveranstalter und Clubs schlicht pleite gehen“, so Seliger.

Bis es dieses System gibt, steht der Fan vor der Frage: verzichten oder zurückgeben. Und hier wird es knifflig. Denn es hängt von vielen Faktoren und Einzelfallregelungen ab, wer wirklich noch Geld bekommt. Mit Sicherheit sind es aber nicht alle im Normalfall Beteiligten, und mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es nicht die Band, die Technik oder die Security. Gehen wir die Szenarien durch:

1. (Kleine) Band bucht Location

Nicht umsonst heißt dieses System im Business „Door-Deal“ – zumeist gibt es für diese Kleinveranstaltungen nämlich nicht einmal einen Vorverkauf. Doch selbst wenn, ist bei der Absage nicht garantiert, dass die Band tatsächlich Geld für nicht zurückgegebene Tickets erhält. Zumindest bekommt dann (neben dem Ticketverkäufer) aber die Location Geld, mit dem sie laufenden Kosten decken und fest angestellte Mitarbeiter bezahlen kann. Der angeheuerte Dienstleister – also etwa Security, oft aber auch Licht-/Tontechnik, zusätzliches Barpersonal – bekommt wohl nichts. Denn deren Job wurde ja storniert, ehe eine Leistung erbracht werden konnte.

2. Veranstalter bucht Band

Hier erhält die Band und deren Crew ziemlich sicher keinen Cent. Denn die Tour ist storniert, der Vertrag damit hinfällig. Ansonsten verhält es sich wie in Modell 1: Die festangestellten Mitarbeiter profitieren, die freien Mitarbeiter gehen leer aus.

3. Veranstalter bucht Location

Hier profitiert die Band – zumindest in der Theorie. In der Praxis sprechen wir hier allerdings quasi ausschließlich von Großevents, die in nahezu 100 % der Fälle nicht abgesagt, sondern verschoben werden.

#AktionTicketBehalten

Zwar klingt die Idee, die Szene mit Geld zu unterstützen, das man ja eh schon ausgegeben hat, verlockend einfach. Wo das Geld schlussendlich landet, ist aufgrund der unterschiedlichsten Vertragsmodelle jedoch oft kaum nachzuvollziehen. Zumindest etwas mehr Transparenz verspricht das Bündnis #AktionTicketBehalten, ein Zusammenschluss der führenden Konzertagenturen im Bereich Folk und Weltmusik in Deutschland. Diese erklären ihr Modell gegenüber Metal1.info wie folgt:

„Bei allen Konzerten, die durch eine der zehn hier federführenden Agenturen abgewickelt werden, kann der Kunde davon ausgehen, dass das gespendete Ticketgeld zwischen Veranstalter, Künstler, Agentur und Crew fair geteilt wird. Die Ticketportale behalten zwar Gebühren, sind aber nicht berechtigt, das Ticketgeld an sich zu behalten. Dieses muss an den Veranstalter ausgeschüttet werden (Aussage unserer Rechtsanwältin). Und durch uns als Konzertagenten ist dann der direkte Kontakt zum Veranstalter gegeben, mit dem wir uns einvernehmlich um eine faire Aufteilung kümmern. Wenn sich andere Veranstalter von unserer Aktion inspirieren lassen, hoffen wir, dass sie auch bezüglich Aufteilung unser Konzept übernehmen. Kontrollieren können wir es im Einzelfall natürlich nicht – aber im Zweifelsfall genügt eine Nachricht an Veranstalter und Künstler (‚ich spende mein Ticketgeld‘) – dann wissen die Beteiligten Bescheid.“

Screenshot der Facebook-Auftritts von #AktionTicketBehalten. Ob allerdings wirklich alle hier genannten Akteure im Live-Sektor von nicht zurückgegebenen Tickets profitieren, darf zumindest bei größeren Veranstaltungen angezweifelt werden.

Dass wirklich alle im Konzertgeschäft von der Nicht-Rückgabe profitieren, kann von #AktionTicketBehalten auf Nachfrage jedoch nicht mehr so klar bestätigt werden:

„Wenn Tickets nicht erstattet werden müssen, kann der Veranstalter das Geld entsprechend des Vertrags mit dem Künstler aufteilen. Die Technik wird sicher bei allen auch etwas bekommen usw. Die Umstände sind allerdings je nach Konzert sehr unterschiedlich, so dann auch die Lösungen. Aber du kannst davon ausgehen, dass alle ein großes Interesse daran haben, einander so zu helfen, dass alle überleben. Ohne die ganzen Beteiligten gibt es nämlich nach der Krise keine Konzerte mehr.“

Ob einem diese Zusicherung Sicherheit genug ist, muss jeder Ticketkäufer selbst entscheiden – allerdings gilt selbst diese freilich nur für Veranstalter, die sich der Initiative angeschlossen haben. Mehr Informationen dazu gibt es unter https://www.ticketbehalten.de/.

Berthold Seliger erklärt auf Nachfrage von Metal1.info noch mal, warum man die Sache differenziert betrachten muss: „Wenn gekaufte Tickets bei abgesagten Veranstaltungen nicht zurückgegeben werden, nutzt das der „Musikszene“, konkret: den Konzertveranstaltern. Das Problem bleibt die Diskrepanz zwischen Großkonzernen und kleineren, unabhängigen Veranstaltern – muss man Milliardenkonzerne wie CTS Eventim oder LiveNation oder die Private-Equity-Konzernen gehörenden mittleren Veranstalter wirklich unterstützen, indem man ihnen Geld schenkt, während die kleinen, unabhängigen Veranstalter derzeit mit dem Rücken zur Wand stehen und jede Form von Hilfe benötigen? Man muss also differenzieren und sich damit auseinandersetzen, wer die entsprechenden Konzerte veranstaltet.“

Auch er weist nochmals dezidiert darauf hin, wer profitiert: „Den Musiker*innen hilft das in der Regel nicht direkt – sondern eben der Infrastruktur, den Veranstaltern. Wenn diese Infrastruktur erhalten bleibt, nützt das langfristig natürlich auch den Musiker*innen.“

Alternativen

Was, vor allem aber wem es etwas bringt, sein Ticket für abgesagte Shows nicht zurückzugeben, lässt sich nicht pauschal beantworten. Der einzige Profiteur, der in diesem Modell immer gewinnt, sind Großkonzerne wie LiveNation (Ticketmaster) oder Eventim, die an jedem verkauften Ticket die Vorverkaufsgebühr einbehalten können – egal ob die Show nun stattfindet oder nicht. In Anbetracht dessen sollte man sich vielleicht doch zweimal überlegen, ob man sein Ticket wirklich nicht zurückgibt. Fakt ist aber auch: Wer sein Ticket zurückgibt und nichts spendet, unterstützt die lokale Kulturlandschaft noch weniger.

Zumindest Bands kann man durch Merchandisekäufe oder direkte Spenden besser unterstützen. Denn sie, ihre Entourage und die freien Arbeiter im Kultursektor wie Lichttechniker, Soundtechniker und Roadcrew gehören nur in den seltensten Fällen zu den Profiteuren der Ticketspende. Auch viele Clubs haben mittlerweile eigene Spendenkampagnen gestartet, über die man seine Lieblingslocation direkt unterstützen kann, oder freuen sich über persönliche Anfragen.

Bands und Veranstalter sind dann jedoch in der Pflicht, Mitarbeiter und Dienstleister, die von Fans gar nicht direkt erreicht werden können, an den Spenden teilhaben zu lassen. Denn wenn es irgendwann wieder Konzerte gibt, will wohl keine Band etwa ohne Licht- und Tontechnik dastehen. Auch das ist Szenezusammenhalt und für den Erhalt der Szene entscheidend.

1 Kommentar zu “#TicketBehalten – wer profitiert wirklich?”

  1. Doro

    Danke für diesen Artikel! Gut recherchiert und gebündelt alle Informationen, die ich mir zu dem Thema gewünscht habe, bei all den aktuellen Spenden- und Solidaritätsaufrufen. Bisher habe ich mich da an die persönlichen Aufrufe der Bands und Locations gehalten, aber auch das hilft ja immer nur einem Bruchteil der Beteiligten der Wertschöpfungskette…

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