Es dürfte einer der größten Umbrüche in der Karriere von THE-OCEAN-Mastermind Robin Staps sein: Nicht nur, dass (vom Tieftöner Mattias Hagerstrand einmal abgesehen) alle musikalischen Mitstreiter neu im Boot sind, nein, auch konzeptionell bzw. inhaltlich geht es Richtung unbekannter Gewässer. Denn „Solaris“ ist das erste THE-OCEAN-Album, welches sich mit der Zukunft der Menschheit befasst. Und wie der Name schon vermuten lässt, liegt diese in den Sternen.
Seit dem 2007er Output „Precambrian“ war jeder THE-OCEAN-Longplayer ein Konzeptalbum: Mal ging es um die sieben Weltmeere („Pelagial“), mal um unterschiedliche Weltanschauungen („Heliocentric“/“Antropocentric“) – und immer wieder im paläontologischen Sinne um unsere Mutter Erde („Precambrian“, „Phanerozoic I+II“, „Holocene“). „Prepare For Departure“ heißt es in einer der letzten Textzeilen von „Subatlantic“, dem Albumcloser des Vorgänger „Holocene“ – und mit „Solaris“ ist es nun soweit: Die letzten Überlebenden der Menschheit lassen ihren Heimatplaneten hinter sich und suchen ihr Glück in den unendlichen Weiten des Weltraums.
Staps nennt das „kosmischer Eskapismus“: Das Raumschiff als Rettungsboot, welches von dem sinkenden Mutterschiff Erde flieht. Inspiriert von Andrej Tarkovskis Science-Fiction-Klassiker „Solaris“ (der wiederum auf dem Roman von Stanislav Lem basiert) und den Aufzeichnungen großer Entdecker wie Magellan, Drake oder Da Gama, geht es inhaltlich um die Frage, ob wir als Spezies überhaupt in der Lage sind, eine zweite Chance wahrzunehmen, ohne uns ein weiteres Mal (durch technologischen Fortschritt, aber auch durch autoritäre Führungsstrukturen oder kulturellen Imperialismus) beinahe selbst zu auszulöschen.
Wie Eingangs erwähnt, ist ein Großteil der Crew neu besetzt: Neben Staps (Gitarre) und Hagerstrand (Bass) sind einige bekannte Gesichter aus dem Pelagic-Records-Roster auf „Solaris“ vertreten. Den Gesang teilen sich der italienische Sänger und Pianist Enrico Tiberi (DARK SIDE BRIGHT SIDE) und die chinesische Avantgarde-Multiinstrumentalistin Lane Shi (OTAY:ONII, Ex-ELISABETH COLOUR WHEEL). An der Saitenhexerfront wird Staps von Emmanule Jessua (HYPNO5E) und Marco Gennaro (ebenfalls DARK SIDE BRIGHT SIDE) unterstützt, während Drummer Jordi Farré (Ex-CRIPPLED BLACK PHOENIX) für den nötigen Groove sorgt. Außerdem mit dabei: TANGERINE DREAMs Thorsten Quaeschning und sein analoger Synthesizer-Fuhrpark sowie Sounddesigner Orestis Zafiriou (PLAYGROUNDED) und Simon Eifring (SPURV) an der Posaune.
„Solaris“ bietet insgesamt acht Tracks auf rund 70 Minuten und trotz der einschneidenden Veränderungen sind THE OCEAN sofort als selbige erkennbar – Staps charakteristischem Riffing und Tiberis Cleangesang (der dem des Vorgängers Loic Rossetti überraschend ähnlich ist, auch wenn seine Growlstimme deutlich anders ist) sei Dank. Dagegen sind Lane Shis Vocals eine wirklich neue Komponente: Eine extrem ausdrucksstarke, klassisch ausgebildete Stimme mit einem umfangreichen Spektrum von zurückgenommenen Adlibs bis hin zu beinahe Black-Metal-artigem Schreigesang, an den richtigen Stellen garniert mit mehr als nur einem Hauch Theatralik – Shi besetzt tatsächlich erfolgreich ihre eigene Nische. Das hat einen extrem hohen Wiedererkennungswert und klingt dabei weder nach symphonischen Pomp à la NIGHTWISH oder WITHIN TEMPTATION, noch nach Modern-Metal Marke JINJER oder SPIRITBOX.
Die übrigen Musiker fügen sich auch perfekt in besagten Sound ein, ergänzen ihn aber um neue Facetten: So erinnern (wenig überraschend) einige für THE-OCEAN-Verhältnisse durchaus klassische Leadgitarrenpassagen an die ebenfalls sehr progressiven HYPNO5E, während Tastenvirtuose Tiberi glockig-schwebende Celesta-, Rhodes-, Hammond- und Flügelpassagen beisteuert. Die unterschiedlichen Herangehensweisen der Synthesizer-Klangkünstler Quaeschning und Zafiriou sorgen für das eine oder andere I-Tüpfelchen auf „Solaris“.
Entgegen der Arbeitsweise bei den vorherigen Alben haben THE OCEAN diesmal das legendäre Berliner Hansa Studio (wo bereits David Bowie, Depeche Mode oder auch Iggy Pop legendäre Alben aufgenommen haben) für die Aufnahmen aufgesucht – ein weiteres mal unter der Schirmherrschaft des schwedischen Produzenten Jens Bogren, der einen für die Fans vertrauten Kernsound kreieren sollte – was mehr als gelungen ist. Und auch in Sachen Druck und Transparenz gibt es nichts zu Meckern: „Solaris“ ist tontechnisch ziemlich makellos.
Musikalisch bewegt man sich in bekannten Gewässern: Mal melodisch und ruhig, mal verschachtelt-progressiv und bretthart sind alle bewährten Trademarks inklusive einer intensiven Atmosphäre vorhanden. Bereits das Intro „52°30’11- N, 13°26’12“ E“ (die GPS-Koordinaten der Hansa Studios in Berlin) überrascht mit zurückgenommenen Gesang und Akustikgitarrenklägen genauso wie das technoide Outro „51°28′30″ S, 73°6′11″ W“ (die GPS-Koordinaten von Última Esperanza („letzte Hoffnung“ auf Spanisch), einer Provinz im südlichen Patagonien und ein Querweis auf die Erforschung und Kolonialisierung Südamerikas), welches vollständig auf Metal-Elemente verzichtet – beides sehr ungewöhnlich und neu für THE OCEAN.
Die beiden Vorabsingles „Light Pollution“ und „Belligerence“ gehören ebenso wie der eigentliche Opener „Departure Song“ (das Songoutro ist ein Ohrwurm und großes Kino) mit um die 10 Minuten zu den kompakteren und zugänglicheren Songs des Albums, während das 17-Minuten-Mammutstück „Simulacra“ ein Ohrenschmaus für Progressive-Metal-Freund:innen sein dürfte. Ebenfalls spannend: Die drei finalen Tracks „Ultrima Esperanza“ (starke CULT-OF-LUNA-Reminiszenzen), das krautrockige „Milk Of My Dreams“ (hier durfte sich wohl TANGERINE DREAMs Quaeschning austoben) sowie besagtes Outro werden durch einen wiederkehrenden und extrem im Ohr hängenbleibenden Synthsound verbunden.
Long story short: Auf „Solaris“ dürfte für jede:n etwas dabei sein und langjährige Fans dürfen beruhigt aufatmen. Es ist bei weitem nicht alles beim Alten geblieben, aber THE OCEAN sind ohne Frage immer noch und jederzeit als solche erkennbar und bleiben sich treu, ohne dabei auf Innovation zu verzichten. Ein großartiges, spannendes Album auf dem es viel zu entdecken gibt. Man darf gespannt sein, wie sich die neue Besetzung auf den Bühnen dieses Planeten bewähren wird – und wie die Odysssee der Menschheit weitergehen wird. Absolute Empfehlung und definitiv ein Highlight des Jahres.
Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Wertung: 10 / 10



Ich kann mich nur anschließen. Ich war sofort begeistert von Solaris, Post Metal wie er besser nicht sein könnte. Experimentier-und innovationsfreudig, mit Lane Shis Stimme bekommt der Sound eine interessante neue Ebene und der Sound ist Ocean-traditionell superb.
Die Band hat sich neu erfunden, ohne ihre DNA zu verleugnen.
Für mich das Album des Jahres aus heutiger Sicht.
Dem stimme ich vollinhaltlich zu
Ich finde es tatsächlich auch immer wieder überraschend, wie groß hier der Konsenz in der Szene ist: Egal, wen man fragt, Black-Metal-Hörer finden das dann oft genauso geil wie Prog-Fans oder Deathcore-Leute. Wahrscheinlich waren deshalb auch bei uns in der Redaktion sowohl Phanerozoic 1 als auch 2 die Alben des jeweiligen Jahres. Wäre nicht überrascht, wenn das mit diesem Album ähnlich läuft.