Interview mit Robin Staps & Paul Seidel von The Ocean

The Ocean sind zurück und haben rund fünf Jahre nach ihrem letzten Album „Pelagial“ mit „Phanerozoic I: Palaeozoic“ ihr inzwischen neuntes Studioalbum veröffentlicht. Wir haben uns mit Robin Staps (Gitarre) und Paul Seidel (Drums) vor dem Konzert in München getroffen und über die Konzeption und Produktion des neuen Albums, die Arbeit mit dem Label „Pelagic Records“ und die Frage, warum der Zusatz „Collective“ nach so vielen Jahren erstmalig im Bandnamen auftaucht.

 

Seit der Veröffentlichung von „Pelagial“ 2013 war es etwas ruhiger um THE OCEAN. Wie kam es zu der Pause und was ist in den letzten fast fünf Jahren alles passiert?
Robin: Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen waren wir mit „Pelagial“ bis Ende 2015 auf Tour. Allerdings war es auch so, dass wir uns alle mal eine kleine Auszeit gönnen und mal etwas Anderes machen wollten, als unsere ganze Zeit der Band zu widmen. Paul und ich haben in der Zeit auch viel mit „Pelagic Records“ gemacht, was nicht möglich gewesen wäre, wenn wir die ganze Zeit mit THE OCEAN getourt hätten. Ich hatte in Berlin eine Bar aufgemacht, die aber auch wieder schnell zu war. Wir haben also alle versucht, dem Muckerleben davonzulaufen. Das hat aber nicht geklappt und deshalb gibt’s jetzt ein neues Album (lacht).

Nun habt ihr ja schon, bevor überhaupt irgendetwas Musikalisches von „Phanerozoic I: Palaeozoic“ vorgestellt wurde, gesagt, dass das Album eine Art Bindeglied zwischen „Precambrian und „Heliocentric“ werden soll. Woher kommt dieser Entschluss?
Robin: Die Songs wurden bereits zwischen 2014 und 2016 nach „Pelagial“ aufgenommen. Einige Songs hatte ich ursprünglich für meine andere Band The Old Wind, wo Matthias auch Bass spielt, geschrieben, aber ich habe dann gemerkt, dass das doch irgendwie mehr THE OCEAN ist und dass es diese Nähe zu „Precambrian“ gibt. Langsame Riffs und so eine kontinuierliche, düstere Atmosphäre. Gleichzeitig wusste ich, dass, wenn Loïc darüber singt, alles wieder in einem anderen Licht dastehen würde, da seine Vocals die Songs immer ziemlich verändern. So war klar, dass das ein Brückenalbum werden könnte, dass die alte THE-OCEAN-Zeit mit der neuen versöhnen könnte. Die neue THE-OCEAN-Zeit beginnt für mich mit dem Zugang von Loic 2009, also mit „Heliocentric“. Das war irgendwie so eine Art Weggabelung für uns. Und alles vor 2009 begreife ich persönlich als die Ur-OCEAN.

Auf dem Cover steht THE OCEAN COLLECTIVE. Ist das eine Rückbesinnung auf die alten Tage in Berlin?
Robin: Das Kollektiv ist ja nie verschwunden, obwohl es ab 2009 eine feste Band gab… aber dann auch wieder Besetzungswechsel, das war ja schon immer so bei uns. Auf unserer Website und den Social-Media-Kanälen hieß es ja eigentlich immer Collective. Wir haben das jetzt auch wieder in den Bandnamen zurückgeholt, um den Leuten Tribut zu zollen, die seit Jahren für uns arbeiten, aber nie mit uns auf der Bühne stehen. Zum Beispiel Martin Kvamme, der die letzten Albumartworks gemacht hat und für die verrückten Packaging Konzepte verantwortlich ist. Oder Craig Murray, der ein Musikvideo für uns produziert und auch schon den „Pelagial“-Film realisiert hat. Und Peter Voigtmann, der jetzt wieder fester Bestandteil der Band geworden ist und zuvor unser Lichttechniker war. All diese Leute sind wichtig für das, was wir als Band und als Künstler machen und in diesem Kontext verstehen wir den Collective-Begriff.

Das neue Album ist ja größtenteils aus deiner Feder. Und Du hast es in einem Haus am Meer geschrieben? Das ist ja auch ein krasser Gegenpol zur Berlin-Zeit und Oceanland. Brauchst Du inzwischen Ruhe zum Schreiben?
Robin: Das ist richtig. Ich konnte noch nie auf Tour Musik schreiben, ich weiß gar nicht, wie das andere Bands hinkriegen. Das ist ein völlig abstrakter Gedanke, im Bus zu sitzen, Gitarre zu spielen und Mucke zu machen, das geht nicht. Ich brauche dazu ein bisschen Abgeschiedenheit. Und dieses besagte mysteriöse Haus am Meer ist tatsächlich der Ort, an dem die letzten vier Alben entstanden sind. Ich komme da sofort in diese Stimmung, in der ich Musik schreiben kann. Und das liegt natürlich daran, dass man da diesen weiten Horizont hat, den es in Berlin einfach nicht gibt, weil man dort immer auf die nächste Häuserwand kuckt und es einfach unheimlich viel Ablenkung gibt. Und gleichzeitig ist es wichtig, in der Natur zu sein, das wirkt sich irgendwie förderlich auf meine Inspiration aus. Aus demselben Grund haben wir uns entschlossen, mit den Aufnahmen auf Island zu beginnen – ebenfalls in grandioser Naturkulisse. Wir wollten uns aus unserem gewohnten Zuhause und Umfeld herausbewegen, irgendwohin, wo man inspiriert ist und wo es auch keine Ablenkung gibt. Das ist glaube ich ganz wichtig. Gerade Schlagzeugaufnahmen sind ja das erste Kapitel in der Albumproduktion und das stellt auch so ein bisschen die Weichen für alles was danach kommt. Das hat thematisch gepasst, das hat vom Gefühl her gepasst und war am Ende einfach eine sehr gute Entscheidung. Da kam man auch besser mit dem Druck klar, der ja doch da ist, wenn man in fünf, sechs Tagen 90 Minuten Musik aufnehmen muss. Und dann noch so einen Idioten wie mich zufrieden zu stellen, das ist echt nicht einfach (lacht).
Paul: Das Studio wurde uns übrigens von Wang Wen empfohlen, die da kurz zuvor „Invisible City“ aufgenommen haben.

Mit dem Schlagzeugspiel fängt alles an. Was passiert dann, wenn der Schlagzeuger deine Songideen ausformuliert? Paul, hast Du dann schon eine konkrete Vorstellung, was Robin will?
Paul: Ich weiß ja schon, wie Robin tickt, und ich habe ja schon einen Plan davon, was er für eine Stimmung erzeugen will. Und was wir diesmal gemacht haben, ist, dass wir uns einen Monat lang im Proberaum in Berlin eingeschlossen und an den Details gearbeitet haben, was es in der Bandgeschichte vorher so nicht gab. Ich habe die Grundstruktur und den Grundvibe der Songs natürlich beibehalten, aber trotzdem versucht, meine eigene Sprache mit reinzubringen, damit es ein bisschen organischer klingt.
Robin: Bei den Demotracks, die ich alleine produziere, gibt es immer schon programmierte Drums, die stark in die Richtung dessen gehen, was ich mir vorstelle. Dann geht das alles durch Pauls kreative Mühle und wird teilweise verändert, teilweise völlig neu gebaut und teilweise ziemlich ähnlich gespielt, wie ich mir das ursprünglich gedacht habe. Das ist so ein Anpassungsprozess, den man beim Proben und im Studio durchlebt.
Paul: Ein bisschen Try-und-Error-mäßig auch, bis dann alle happy sind.

„Phanerozoic I: Palaeozoic“ ist zweigeteilt, der zweite Teil soll 2019 rauskommen…
Robin: Eher 2020…
… habt Ihr den zweiten Teil schon im Zuge der Aufnahmesessions mit aufgenommen und müsst nur noch mischen?
Paul: Also die Schlagzeugaufnahmen sind schon fertig, Gitarrenaufnahmen sind größtenteils auch abgeschlossen. Jetzt fehlt noch Gesang, Bass und alles was sonst noch dazukommt, sowas wie Cellos oder Synthies. Aber den größten Teil nimmt dann eigentlich der Gesang ein.
Robin: Also wir sind zu 70% fertig mit dem zweiten Album. Wir werden jetzt aber auch nicht zeitnah dazu kommen, daran weiterzuarbeiten, weil wir im Januar in Indien und dann in Australien auf Tour sein werden. Irgendwann im Laufe des nächsten Jahres werden wir die Gesangssession einschieben müssen. Deswegen ist eher 2020 realistisch.

Wird sich der zweite Teil sehr vom ersten unterscheiden oder ist da nur ein Cut in der Mitte gesetzt?
Robin: Es wird sich schon relativ stark unterscheiden, glaube ich. Es war eine bewusste Entscheidung, es aufzutrennen. Der erste Teil hat eine gewisse Stringenz, das Tempo ist von Anfang bis Ende ähnlich, die Atmosphäre kontinuierlich. Beim zweiten Album gibt es mehr Vielfalt, es ist wieder verspielter und progressiver. Also mehr „Pelagial“, weniger „Precambrian“. Aber der Gesang ist auch noch nicht aufgenommen, mit dem wird wieder alles anders werden.
Paul: Für mich persönlich fühlt es sich ein bisschen wie eine musikalische Evolution zwischen den Alben an. Als würde „Phanerozoic I: Palaezoic“ da ansetzen, wo „Precambrian“ aufgehört hat und beim zweiten Album geht es immer mehr in die „Heliocentric“-„Pelagial“-Richtung.

Loïc ist ja auch schon ein Weilchen an Bord und stand immer vor der Herausforderung, z.B. einen Nate Newton usw. interpretieren zu müssen, wenn dann mal ältere Stücke live gespielt wurden. Wie hat sich die Zusammenarbeit mit ihm in den letzten Jahren im Vergleich zur Arbeit mit unterschiedlichen Gastsängern entwickelt? Gerade auch bei der „Precambrian“-Jubiläums-Tour, für die ihr angeblich nur eine Woche geprobt habt?
Paul: Dazu muss man sagen, dass wir parallel auch im Albumaufnahmeprozess waren und Robin und ich außerdem noch das Pelagic Fest vorbereitet haben. Das war alles auf einmal – wenn schon, denn schon.
Robin: Loïc entwickelt Gesangsideen, indem er intuitiv, ohne Text, Gesangslinien ausprobiert. Also nur mit irgendwelchen Lauten. Anschließend schreibe ich dann die Texte darauf. Manchmal gibt es schon einen Text, den ich dann anpassen muss. Und dann wird das Ganze nochmal richtig aufgenommen. Mit Jonas von Katatonia war es übrigens genauso, er hat uns auch Demos mit Melodiebögen ohne Text geschickt. Die Melodien haben wir aber direkt eins zu eins in die finale Version übernommen. Ich dachte immer, wir hätten da einen ganz komischen kompositorischen Ansatz, aber offenbar machen das andere auch so.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jonas von Katatonia?
Robin: Wir haben Jonas letztes Jahr in Rumänien getroffen, wo wir Katatonia supported haben, also sie „The Great Cold Distance“ zum zehnjährigen Jubiläum am Stück gespielt haben. Ich kannte ihn aber schon zu „Precambrian“-Zeiten und hab ihn damals tatsächlich auch gefragt, ob er Bock auf einen Gastauftritt bei uns hat. Das ist damals auch nur aus Zeitgründen gescheitert. Und dann ist das so ein bisschen in Vergessenheit geraten. Nach dieser Show in Rumänien fiel mir dann wieder ein, dass wir doch schon mal darüber geredet hatten und dass das irgendwie auch immer noch geil wäre.
Paul: Und dann hast Du sogar noch die Email von damals rausgekramt…

Robin: Ja, von vor 10 Jahren. Wir haben ihm dann einen neuen Track geschickt, wirklich nur diesen einen, wo ich mir seinen Gesang gut drauf vorstellen konnte. Und was soll ich sagen, er konnte sich das auch gut vorstellen (lacht). Und als wir dann in Island saßen und sein Demo bekommen haben dachten wir nur „Jo, genauso muss das sein“. Ich habe ihm überhaupt nicht gesagt, auf welchen Songpassagen er was oder wie singen soll, er hat sogar seinen eigenen Text geschrieben. Das passt einfach perfekt. Klingt irgendwie schon wie Katatonia, ist ja auch die Stimme von Katatonia, aber auch wie THE OCEAN – das passt auf eine eigenartige Weise total gut zusammen.
Paul: Der Song wurde aber nicht explizit für Jonas geschrieben, der war schon fertig.

Um nochmal auf die „Precambrian“-Tour zurückzukommen: Da waren doch auch Stücke dabei, die noch nie oder nur selten live gespielt wurden. Und dann noch mit einer komplett neuen Besetzung. War das auch emotional ein Sprung in die Vergangenheit, in der man noch mit dem Sprinter durch Deutschland getourt ist?
Robin: Ja, auf jeden Fall. Wir haben das Album damals nie in seiner Gänze gespielt, die Idee kam mir auch gar nicht. Es war schon damals kompliziert genug, überhaupt ein paar Stücke von „Precambrian“ zu lernen und live umzusetzen. Und es war noch nicht so ein großes Ding, komplette Alben am Stück zu spielen – das wurde erst in den letzten 10 Jahren, auch durch das Roadburn Festival, immer populärer. Und ich will das auch nicht mit jedem Album machen, das dann irgendwann zehnjähriges Jubiläum feiert. Aber es war halt ein besonders wichtiges Album für uns, quasi ein „Scheidewegalbum“, da hat das schon Sinn gemacht. In der aktuellen Besetzung waren Loïc und ich die einzigen, die überhaupt schon mal irgendwelche Songs von „Precambrian“ gespielt hatten. Paul und Matthias mussten alles erst lernen. Und wir hatten nicht viel Zeit zum Proben, es musste alles schnell gehen, funktionierte aber trotzdem gut. Letzten Endes bekommt man erst einen Eindruck davon, ob eine Show oder Setlist funktioniert, wenn man sie live ausprobiert hat – aber diese Shows hatten einen geilen Flow.

Ihr habt nur „Proterozoic“, also die zweite CD gespielt, richtig?
Robin: Ja, nur „Proterozoic“, es hätte nicht gepasst, auch „Hadean“ und „Archaean“ zu spielen. Zum einen wäre das Set so sehr lang geworden, zum anderen sind die Songs stilistisch völlig anders. Deshalb haben wir das damals ja aufgeteilt. Und eine Pause zwischen den beiden Parts zu machen, wäre auch komisch gewesen. Außerdem verbinden die Leute auch vor allem „Proterozoic“ mit „Precambrian“, so hat das schon Sinn gemacht.

Noch ein paar Fragen zu Eurem Label „Pelagic Records“: Wieviel Zeit kannst Du in der Praxis überhaupt noch darauf verwenden? Der Katalog wird ja auch immer größer.
Robin: Dass wir mit „Pelagic Records“ in den letzten zwei Jahren so viel gemacht haben, lag eben auch daran, dass wir mit THE OCEAN auch mal pausiert haben. Und ich mit Steve, unserem Logistiker in Berlin, und Paul (Seidel) zwei weitere Leute dabeihatte, die massiv Gas gegeben haben. So konnten wir unseren Output dermaßen steigern, das hat sich einfach so ergeben, es gab keinen Masterplan. Wir hatten einfach geile Möglichkeiten, mussten nicht groß nach Bands suchen, sondern die Bands haben uns gefunden. Es war unglaublich viel Arbeit, aber ich habe auch gelernt, dass es ganz wichtig ist, Aufgaben abgeben zu können – und das geht natürlich nur, wenn man Leute hat, auf die man sich verlassen kann. Das ist einfach ein cooles Setup: Steve hält zuhause die Stellung, während Paul und ich auf Tour sind. Immerhin können wir per Remote mit dem Laptop arbeiten, es gibt ja auf Tour auch genug tote Stunden, in denen man nur herumsitzt. Da können wir dann auch Emails beantworten. Wir machen das so gut es geht, aber es ist natürlich auch ein Kompromiss. Jetzt ist aber auch wieder viel mit THE OCEAN los, also wird das „Pelagic Records“-Output-Tempo auch wieder ein bisschen gedrosselt. Aber unterm Strich ist alles sehr organisch gewachsen und macht Spaß. Diese Art der Beschäftigung mit Musik, also Marketing, Management und Promotion, sind spannend, weil es nichts mit der klassischen Bandperspektive zu tun hat. Mich hat das schon immer interessiert, ich wollte nie der Typ sein, der nur in einer Band Gitarre spielen will.
Paul: Für mich war auch total wichtig, einen etwas detaillierteren Einblick in die ganzen Strukturen zu bekommen. Also alles was nicht mit Musik schreiben und spielen zu tun hat. Als Band ist man ja immer so ein bisschen Außenstehender und wenn man jetzt mit einem Label zusammenarbeitet, muss man die ganze Zeit nur abliefern. Wir wissen jetzt halt ganz genau, was wo bei wem passieren muss, wenn es z.B. um Grafik, Digitalvertrieb, Promos usw. geht. Das sind ziemlich viele Punkte, wir haben da jetzt ein krasses Knowhow.

Viele der „Pelagic Records“-Bands rekrutieren sich ja auch aus alten Wegbegleitern, wie Future Usses (neue Band des Intronaut-Gitarristen Sacha Dunable) oder Earthship.
Robin: Ja, genau, vieles kommt aus unserem Dunstkreis. Eine große Familie auf jeden Fall (lacht).
Paul: Das ist natürlich auch so eine Vertrauenssache: Die Leute wissen, dass wir eine Band sind, und wir auch einen Plan davon haben, was da passieren muss, damit es irgendwie funktioniert.

Man spürt auch die Liebe zum Detail. Es ist ja ein cooler Ansatz, im Zeitalter von Streamingdiensten aufwendige Vinyl-Box-Sets herauszubringen. Aber ist es auch wirtschaftlich?
Robin: Wenn man Musik im Jahr 2018 noch als physisches Produkt verkaufen will, muss man den Leuten einen Grund dafür geben. Und geile Packagings und außergewöhnliche Artworks sind der beste Grund, sich irgendwas nicht nur digital anzuhören. Wobei wir aber auch kein Problem damit haben, ich bin selbst Spotify Nutzer.
Paul: Das sind einfach zwei parallele Welten.
Robin: Ja, das sind zwei parallele Welten und ich glaube, die Diskussion, dass irgendwann CDs oder Vinyl verschwinden werden, ist jetzt auch vom Tisch. Das ist auch keine Generationenfrage, viele Vinylkäufer sind eher jung. Das ist keine aussterbende Generation. Und dann gibt’s noch andere Leute, die wollen nur Mucke hören und interessieren sich nicht für physische Tonträger. Die haben vielleicht zwei, drei Lieblingsbands, von denen sie sich mal eine Box kaufen. Und das, obwohl sie nicht mal einen Plattenspieler haben. Ich glaube, das wird immer parallel existieren, und das ist auch gut so. Downloads verschwinden allerdings, wir sehen jeden Monat, dass die Zahl der bezahlten Downloads niedriger wird, aber gleichzeitig die Streaming Einkünfte höher werden. Im Verhältnis zu physischen Tonträgern muss man immer das einzelne Release betrachten, das kann man nicht pauschalisieren. Auf THE OCEAN bezogen ist das besonders schwierig einzuschätzen, da die Digitalrechte ja bei Metal Blade Records liegen, wir bekommen von den Erlösen nur einen Bruchteil. Aber das war auch eine bewusste Entscheidung, das so weiterzuführen. Manche Bands sind übrigens totale Vinylbands, digital hört die sich kaum jemand an. Das gibt es aber auch umgekehrt: pg.lost ist so eine Band, die digital extrem gut performen. Die haben auch seit Jahren ein paar Songs in Spotify Playlists mit hoher Follower Zahl – das spült am Ende ordentlich Einnahmen rein.

Zum Abschluss hätten wir noch unser Metal1.info-Brainstorming, ein paar Stichworte zum freien Assoziieren. Was fällt Euch als erstes zu folgenden Begriffen ein?
Caleb Scofield:
Robin: Tja, was soll ich dazu sagen. Tragischer Fall. Ich hab’s erst gar nicht realisiert, also ich davon gehört habe. Ich kannte Caleb nicht persönlich, aber er hatte auf „Precambrian“ Gastvocals beigesteuert, wir waren also viel in Kontakt damals. Leider haben es Cave In danach auch nie nach Europa geschafft. Tragischerweise erst nach seinem Tod. Da gibt’s jetzt eine Berlin Show und eben auf dem Roadburn nächstes Jahr auch eine Show…
Mogwai:
Paul: Hab ich persönlich leider noch nie live gesehen, bin aber ein großer Fan.
Robin: Hab ich siebenmal live gesehen…
Paul: Hach, Kontraste… (lacht)
Robin: Mogwai waren schon immer eine meiner liebsten Shoegaze-Postrock-Bands überhaupt, die haben das Genre ja auch gewissermaßen mit erschaffen und definiert. Eine Band, vor der ich massiv Respekt habe. Wir haben einmal mit Mogwai gespielt: in China nördlich von Peking in einem Tal unterhalb der chinesischen Mauer. Das war ein erhabener Moment, von diesem Tal aus oben die Zinnen der chinesischen Mauer zu sehen und Mogwai spielen gleichzeitig „Black Cat“. Saugeil (lacht).
Roadburn Festival:
Robin: Wahrscheinlich das interessanteste Musikfestival Europas, würde ich sagen. Bin schon zigmal dagewesen und habe auch schon da gespielt: sowohl mit The Old Wind als auch mit The Ocean. Ich habe großen Respekt vor dem, was Walter (Hoeijmakers) da immer auf die Beine stellt. Und wie er sich da auch von niemanden reinreden lässt und wirklich immer sein eigenes Programm durchzieht. Das sucht seinesgleichen, ganz große Klasse. Und es ist halt einfach ein unglaublich angenehmes Festival: am Anfang des Frühjahrs mitten in der Stadt, supernetter Vibe, alle, die da arbeiten, sind cool drauf. Der Sound ist auch super, da gibt’s nicht viel in der Richtung.
Black Metal:
Robin: Was sagt Paul Seidel zum Thema Black Metal? (lacht)
Paul: Also mit den ganzen ursprünglichen Black-Metal-Bands kann ich persönlich nicht so viel anfangen. Einfach aus akustischer Qualitätskontrollhinsicht irgendwie. Das ist mir einfach ein bisschen zu proberaum-rumpelig. Aber ich steh total auf die modernen Bands wie Der Weg einer Freiheit, die halt den modernen Sound mit der Ästhetik und den Harmonien vom Black Metal verbinden. Also so ein bisschen dissonanteres Zeug, da steh ich total drauf.
Robin: Ich finde die ganze Geschichte historisch betrachtet total faszinierend. Aber die meisten dieser Bands waren für mich nie ein Einfluss, ich kann jedoch diesem kalten Sound gut was abgewinnen. Es gibt schon eine Nähe zu dem, was wir machen. Bei manchen Songs zumindest, was diese kalte düstere Atmosphäre angeht. Auf dem neuen THE-OCEAN-Album gibt’s auch einen Track, der etwas black metalliger ist: „Permian: The Great Dying“. Da wird auch mal geballert (lacht).
Horst Seehofer:
Paul: Ja da muss man doch eigentlich gar nix zu sagen… da braucht man nur zu lachen.
(Allgemeines Gelächter)

Vielen Dank für die Zeit, die ihr Euch genommen habt.