Interview mit François Bilodeau von Atramentus

Mit „Stygian“ haben ATRAMENTUS ohne Frage eines der Alben des Jahres 2020 im Funeral Doom Metal herausgebracht. Keyboarder François Bilodeau erklärt die Hintergründe zum Album und der noch kurzen Bandgeschichte der kanadischen Newcomer.

Das Album wurde bereits 2012 geschrieben, aber erst 2018 aufgenommen. Warum habt ihr so lange gebraucht?
Phil, unser Gitarrist und Sänger, hat „Stygian III“ nach einem harten Winterspaziergang, und „Stygian I“ etwas weniger als ein Jahr später an einem depressiven Herbstnachmittag geschrieben. Er wollte kein Album als Ein-Mann-Band mit programmiertem Schlagzeug aufnehmen, sondern ein spannendes Werk produzieren. Also hat er nach Bandmitgliedern gesucht – angefangen mit seinen Bandkollegen von Chthe’ilist (Claude und Antoine). Ich kam 2016 dazu und Xavier, unser Schlagzeuger und Tontechniker, kam ein Jahr später dazu. Wir waren also im Grunde genommen fünf bis sechs Jahre nach Beginn des Projekts bereit, aufzunehmen.

Wann ging es dann wirklich los?
Die Band war so ziemlich „aktiviert“, als Xavier hinzukam, als letztes fehlendes Puzzlestück. Phil und ich haben die dunklen Ambient-Elemente besprochen, genauer gesagt, hat er mir sein Konzept für das Album vorgestellt und wie wir etwas schaffen könnten, das zwischen die beiden Hauptteile passt und die Atmosphäre des Ganzen tatsächlich steigert. Die gesamte Band nahm sich die Zeit, etwas Solides zu schaffen und wir haben viel Arbeit in das Mischen gesteckt. Deshalb mag es „produzierter“ klingen als einige typische Funeral-Doom-Platten; wir haben viele Instrumental- und Gesangsspuren und wir wollten sicherstellen, dass alles richtig gehört werden kann – das soll aber keine Geringschätzung gegenüber anderen Bands zum Ausdruck bringen; wir sind alle große Fans des Genres!

Wenn die Zeit zwischen Komposition und Aufnahme so lang ist, hat man ja eine ganz andere Distanz zu den Songs – habt ihr nochmal etwas verändert?
An den beiden Hauptstücken hat sich nicht viel geändert, sie haben wirklich ihren ursprünglichen Geist behalten. Der kam aus einer zutiefst persönlichen Erfahrung, und Phil wollte auf jeden Fall, dass diese Emotionen erhalten bleiben. Ich schrieb „Stygian II“ im Jahr 2019, um als Brücke zwischen der Herbst- und der Winterseite zu fungieren. Ich glaube, Phil hatte schon früh geplant, dort eine atmosphärische Ambient-Passage einzubauen, aber das albtraumhafte Konzept kam etwas später.

Ist das Album genau so geworden, wie ihr es euch damals vorgestellt habt?
Wenn ich es vollständig mit echten Instrumenten produziert höre und mit der wahnsinnigen Gesangsleistung, die Phil abgeliefert hat, kann ich mit Sicherheit sagen, dass es besser geworden ist, als wir es uns hätten vorstellen können. Zumindest sehe ich das so.

Das Album trägt den Titel „Stygian“ und ist letztlich in zwei Lieder und ein Zwischenspiel unterteilt. Wie ist es entstanden, was ist das lyrische Konzept des Albums?
Die drei Stücke des Albums haben eine sehr unterschiedliche Stimmung, vor allem, weil sie sehr unterschiedliche Teile einer Geschichte sind. „Stygian“ erzählt vom Untergang des Wächters von Atros Kairn. Eine tief verwurzelte Angst vor dem Sterben lässt ihn den höchsten Berg erklimmen, um das göttliche Schwert des Atra Eas zu finden, das ihm Unsterblichkeit verleihen würde. Während seines zweijährigen Aufstiegs begegnet er zahllosen monströsen Wesen Im ersten Teil des Albums geht es um all die Dinge, deren Zeuge er in dieser Zeit wird, sowie um die absolut katastrophalen Folgen seiner Taten. Naturkatastrophen, Erdbeben, ohrenbetäubende Winde, aber vor allem den Tod der Sonne und eine globale Flut. Er kann diese nicht mehr bezeugen und beschließt daher, in seinen Träumen zu leben, anstatt sich der Realität der Welt zu stellen. Das zweite Stück des Albums entspricht den jahrhundertelangen Alpträumen, die er durchlebt, wenn er schläft, um zu entkommen. Er erwacht in einer buchstäblich toten Welt: gefroren, pechschwarz und ohne eine einzige lebende Seele. Der letzte Teil des Albums erzählt von der Unermesslichkeit seines Schmerzes und seiner Verzweiflung, während er auf der Erde wandelt und vergeblich nach seinen Lieben sucht. Phil hat viel Zeit in den Text und das Konzept gesteckt, daher schlage ich vor, dass ihr euch eine physische Kopie schnappt und in die Geschichte und ihre Überlieferungen eintaucht; ich denke, es ist eine besondere Hörerfahrung.

Hattet ihr auch vor, live zu spielen?
Die Logistik, dass wir live spielen, hat uns bislang daran gehindert. Wir haben viele Layer an Instrumenten und Gesang in unserer Musik und wir wollen das Erlebnis nicht verpfuschen. Meiner Meinung nach verdient diese Art von Musik eine große Aufmerksamkeit für die Atmosphäre und dafür, dass das Publikum in die Emotionen eintauchen kann, die wir vermitteln wollen. Das soll nicht heißen, dass es nie geschehen wird, aber bisher hatte die Veröffentlichung des Albums für uns oberste Priorität.

Wie ist die aktuelle Situation in Kanada im Zusammenhang mit der Corona-Krise – gibt es Live-Konzerte ? Hier in Deutschland ist alles zum Stillstand gekommen.
Hier ist es ziemlich ähnlich. Ständig werden unzählige Konzerte für in ein paar Monaten angekündigt und dann doch wieder verschoben. Aber so ist es nun einmal, und mir ist es lieber, dass alle sicher bleiben. Verdammt, ich vermisse Konzerte. Wir werden das schon schaffen.

Euer Album klingt enorm reif für ein Debüt – habt ihr zuvor schon einmal Musik geschrieben und aufgenommen?
Danke für das Kompliment. Ich bin der einzige „Neue“ in der Band. Bis jetzt habe ich meist nur als Gast in anderen Bands wie Suffer Yourself und Zealotry gespielt. Die anderen Jungs bei ATRAMENTUS sind dahingehend quasi Veteranen, da sie mit Chthe’ilist, Gevurah, Sutrah, Serocs, Funebrarum, Eternity’s End, First Fragment und vielen anderen Bands Alben veröffentlicht haben.

Welche Bands haben euch speziell für ATRAMENTUS geprägt, welche anderen Doom-Bands hört ihr euch an oder würdet ihr als Einfluss nennen?
Das hängt davon ab, wen du fragst … aber Phil und ich sind beispielsweise große Fans von Evoken, Colosseum und Fallen. Andere einflussreiche Bands wären Funeral, Mournful Congregation, Skepticism … Aber das sind wahrscheinlich die offensichtlichen Funeral-Doom-Klassiker. Die meisten von uns stehen auch auf epische Doom-Klassiker wie Solitude Aeturnus, das hat Phil besonders für das grandiose Konzept des Albums inspiriert.

Und welche Band außerhalb des Metal ist für euch wichtig?
Ich persönlich mag viel klassische Musik – Schostakowitsch, Arvo Pärt …-, Jazz – Brad Meldhau, GoGo Penguin… – und Ambient – Atrium Carceri, Metatron Omega und dergleichen. Ich denke, man kann mit Fug und Recht sagen, dass wir alle ziemlich aufgeschlossen an Musik herangehen und uns nicht auf bestimmte Genres beschränken. Phil steht eigentlich auf einen Haufen verschiedener Sachen, technisch oder nicht, glücklich oder traurig, Metal oder nicht, und das macht ihn meiner Meinung nach zu einem ziemlich einzigartigen Komponisten in der Szene.

Vielen Dank für das Gespräch! Zum Abschluss des Interviews ein kurzes Brainstorming:
Donald Trump: 2016-2020
Metall: Eine Lebensart. Aber auch nicht die einzige.
Worship: Schöpfer eines der schönsten Doom-Alben aller Zeiten.
Europa: Ich hoffe auf eine Reise dorthin, wenn diese Scheiße vorbei ist
ATRAMENTUS in zehn Jahren: Zweites Album kurz vor der Veröffentlichung? Vergiss nicht, wir sind laaaaaangsam.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, das du unseren Lesern mitteilen willst?
Danke für das Interview. Wir freuen uns, dass die Leute das Album zu genießen scheinen. Es ist ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass man sich mit den Leuten auf einer so dunklen und emotionalen Ebene verbindet.

 

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