Interview mit Frank Jooss von Fiddler’s Green

Ca. einen Monat vor der Veröffentlichung des nächsten Studioalbums „Sports Day At Killaloe“ traf ich mich mit Fiddler’s Green Schlagzeuger Frank Joos in seiner Münchner Wohnung. Bereitwillig erzählte Frank von der neu entdeckten Demokratie innerhalb der Band, der Wiederentdeckung des Speed in Speedfolk und Möglichkeiten, die Musik außerhalb Deutschlands populärer zu machen.

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Ihr macht nun seit über 15 Jahren zusammen Musik. Kann man eure gemeinsame Schaffensphase in verschiedene Epochen unterteilen, bis ihr den Irish Independent Speedfolk von heute gefunden habt?
Meiner Meinung nach kann man es in 3 Schaffensphasen einteilen. Die erste waren wie Anfangsjahre von Fiddler’s Green in der Urbesetzung, von der heute noch 3 Leute übrig sind. Diese Musiker taten sich in ihrer Studentenzeit zusammen und hatten nebenher noch andere Projekte. Sie haben sich wenig Gedanken gemacht und wollten an sich nur Partymusik machen. So haben sie Fiddler’s Green anfangs für sich definiert und einfach losgelegt. Die zweite Phase begann ab 1995, als größere Plattenfirmen angeklopft haben, und dauerte bis 1998. Fiddler’s Green haben damals einen Vertrag mit Polydor unterschrieben und versucht, den Irish Independent Speedfolk in den Mainstream zu bringen. Das hatte natürlich einen Einfluss auf das Songwriting, welches poppiger wurde. Außerdem wurde der Begriff Speed bei Speedfolk hinten angestellt. Die dritte Phase begann vor 2-3 Jahren mit dem Album „Drive me mad“, bei dem wir versucht haben, an das unbeschwerte Studentenfeeling der ersten Jahre anzuknüpfen und Irish Independent Speedfolk mit Betonung auf Speed zu machen, der die Leute zum Tanzen bringt und abgeht.

Wie hat sich das Bandgefüge im Laufe der Zeit verändert?
Diese Veränderung kann ich nur im Hinblick auf die letzten 8 Jahre beurteilen, in denen ich dabei bin. Durch den Ausstieg von Peter, der alleiniger Songwriter und Produzent war, wurde alles sehr demokratisch. Wir sind jetzt 6 Songwriter, 6 Instrumentalisten und der Produzent ist eine externe Person. Jeder hat die gleichen Rechte und wir sind immer auf der Suche nach dem besten Kompromiss.

Nach dem Ausstieg von Peter seid ihr erdiger geworden, vielleicht auch abwechslungsreicher und frischer. Man merkt, dass der kreative Input von mehreren Leuten kommt. Ist die Arbeit bei den Fiddlers ohne Peter leichter geworden?
Das würde ich nicht unbedingt sagen. Es ist natürlich leichter und weniger zeitaufwändig, wenn man nur einen Songwriter hat, der klare Vorgaben macht. Ich als Schlagzeuger muss mir nur die vorprogrammierten Beats draufschaffen und dann wird das aufgenommen. Das ist sehr effektiv, aber nur der Musikgeschmack von einer einzelnen Personen, der nicht die Meinungen der anderen auf den Punkt bringt. Jetzt schreiben wir zu sechst Songs, was natürlich anstrengender ist, weil alles durch den Fleischwolf gedreht und in Frage gestellt wird. Die Idee wird dann zusammen ausgearbeitet im Proberaum und insgesamt entsteht eine Version, mit der alle zufrieden sind und die den Geschmack der Fiddlers-Fans auf den Punkt bringt.

Und wie groß ist Pat’s Einfluss auf euren überholten Stil?
Er ist einer von 6, wobei alle das gleiche Mitspracherecht haben, und steuert das punkigste Sechstel zu uns bei. Er kommt aus der Punkszene und hat dadurch auch wieder den Drive und Speed verstärkt bei uns eingebracht.

War diese Änderung nötig, um dauerhaft erfolgreich zu bleiben?
Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Ich weiß nicht so recht, was ich darauf sagen soll. Uns war nicht klar, dass der Wechsel das Songwriting so beeinflusst. Wir wussten nur, dass Peter gehen will und dass wir weitermachen wollen. Dazu haben wir einen Ersatz gebraucht. Wir haben gar nicht darüber nachgedacht, wie eine neue CD oder das Songwriting aussehen könnte. Insgesamt ist es meiner Meinung nach eine gute Entwicklung, dass alle das gleiche Mitspracherecht haben, da eine Band nur durch eine demokratische Struktur das transportieren kann, was sie will. Sonst besteht die Gefahr, dass man auf der Bühne steht und sich wie ein gebuchter Mitmusiker fühlt, während alles andere eine One-Man-Show ist.

Diese Form von Demokratie war mit Peter nicht möglich? Also, dass man mit ihm hätte drüber reden können…
So weit kam es nie. Er wollte gehen und bis zu diesem Zeitpunkt waren wir auch nicht unzufrieden mit der Situation. Wir haben die Struktur, die über 15 Jahre gewachsen ist, so hingenommen und kannten es nicht anders. Er ist auch nicht gegangen, weil wir es wollten, sondern weil er selber Lust auf ein neues Projekt hatte. Wir haben uns dann Ersatz gesucht und es war letztendlich ein Zufallsprodukt, dass die Bandstruktur so demokratisch wurde.

Hatte Peters Ausstieg auch Nachteile?
Eigentlich gar keine. Er war ein Gründungsmitglied und ein super Frontmann für Fiddler’s Green. Es gab mit Sicherheit enttäuschte Fans, aber das Jahr 2007, in dem „Drive me mad“ erschien, war das erfolgreichste in den 8 Jahren, seitdem ich dabei bin. D.h. es gab viele neue Fans, die es super fanden, dass es jetzt wieder nach vorne ging und die Songs wieder richtiger Irish Independent Speedfolk sind.

Würdest du „Sports Day At Killaloe“ als Konzeptalbum bezeichnen? Lediglich 2-3 Songs und der Promozettel sowie das Cover und eure MySpace-Seite beschäftigen sich klar erkennbar mit dem Thema.
Nein, ich würde es nicht als Konzeptalbum bezeichnen. Es ist ein Songtitel, der gleichzeitig der CD den Titel gab und dazu haben wir ein passendes Cover entworfen. Es dreht sich folglich nicht jeder Song um Sport.

Worin siehst du die Stärken oder allgemein die Unterschiede eures aktuellen Albums im Vergleich zum Vorgänger „Drive me mad“?
Das ist immer schwierig, selbst zu beurteilen. Der Produzent meinte, dass das Songwriting ausgefeilter ist. Er fand, dass „Drive me mad“ viel geballte Energie hatte, aber auch dass das Songwriting noch nicht ausgereift war. „Drive me mad“ hatte den Bonus, dass Pat, der Produzent und die Aufnahmetechnik mit dem gemeinsamen Einspielen neu waren. Das haben wir alles beibehalten, nur war es eben nicht mehr neu. Wir haben allerdings Banjos eingebaut und versucht das, was wir am Vorgänger vom Sound her gut fanden, wie z.B. die Erdigkeit, noch mehr herauszuarbeiten.

Ihr habt euch entschieden, 19 Songs auf das Album zu packen, was vergleichsweise viel ist. Läuft man dadurch nicht Gefahr, eine CD zu überfrachten und ein paar austauschbare Songs draufzupacken?
Das ist eine Diskussion, die jedes Mal auf’s Neue entsteht. Auf „Drive me mad“ waren 20 Songs. Der Trend bei größeren Bands geht dahin, nur noch 11 Songs auf Alben zu tun. Die Argumentation ist die, dass weniger CDs gekauft werden, und man weiß, dass Alben gebrannt oder über Filesharing weitergegeben werden. Es wird weniger verdient, also hauen wir weniger auf die CD. Wir haben damals auch überlegt, nur 14 Lieder auf die „Drive me mad“ zu packen. Ich war einer der Befürworter davon, 20 Songs auf die CD zu tun, da wir lange kein Studioalbum veröffentlicht hatten und ich die CD-Käufer ein wenig belohnen wollte. Ich wollte die Käufer nicht vergraulen, denn der Preis wird auch nicht geringer. 11 Songs für ca. 15 Euro finde ich manchmal auch enttäuschend. Natürlich geht’s nicht immer um Quantität, aber 13 Songs fände ich dann schon besser. Die gleiche Diskussion hatten wir beim aktuellen Album: Es gab sehr viel Material und wir wollten auch ausmisten. Wir haben sogar 2 Stücke aussortiert. Von einem der beiden Lieder waren wir nicht überzeugt und das andere werden wir auf die nächste CD packen, da wir es zeitlich dieses Mal nicht geschafft haben. Ich habe bei „Drive me mad“ auch die Verantwortung dafür übernommen. Allerdings wurde es überall positiv aufgenommen, dass die CD lang ist und es gab keine einzige Kritik, die die Anzahl der Stücke bzw. die Länge des Albums bemängelte. Das hat uns letztendlich auch darin bestärkt, die jetzige CD wieder fast genauso lang zu machen.

Wurden einige Stücke wie z.B. der Titeltrack „Sports Day At Killahoe“ nebst Intro und sehr eingängigem Refrain direkt auf ihre Livetauglichkeit hin ausgerichtet?
Würde ich nicht sagen. Wir haben auch nur 2-3 Lieder im Vorfeld live geprobt. Wie ich bereits erwähnt habe, wollen wir Speedfolk wieder ganz groß schreiben und dafür sorgen, dass es groovt und abgeht. Ich kenne es von mir selbst: Wenn ich auf ein Metalkonzert gehe, dann will ich 100% Metal haben. Ich will nicht das Gefühl haben, dass eine Metalband kurzfristig einmal versucht Reggae zu spielen. Umgekehrt kann ich bei einem ruhigen Konzert auf den Einsatz von E-Gitarren verzichten. Wenn man zu Fiddler’s Green geht, will man nicht eine schwermütige Ballade nach der anderen hören, sondern Songs, die abgehen. Dieser Gedanke steht im Mittelpunkt, obwohl wir auch Balladen und Reggae-Einflüsse drin haben. So entstehen aber dann die von dir angesprochenen Nummern.

Albi’s Soloprojekt im Singer-Songwriter-Stil hat schon auf dem letzten Album eine deutliche Rolle gespielt. Dieses Mal befinden sich wieder einige Stücke auf dem Album, die sehr auf seinen Gesang zugeschnitten sind, wie z.B. „Down by the hillside“. Ist das so beabsichtigt?
Albi ist auch ein Sechstel in unserer Demokratie und dadurch auch ein Sechstel Songwriter. „Down by the hillside“ ist der Song, der zu 90 bis 95 Prozent von Albi kommt. Wir haben lediglich die Fiddlers typischen Instrumente zu seinem Text und Songwriting ergänzt.

Das wird auch von der Band unterstützt?
Ja, genau. Die Albi-Balladen gehören zu Fiddler’s Green. „Another spring song“ von der letzten CD kommt live auch immer sehr gut an und bietet eine gute Abwechslung zu den Abgeh-Nummern.

Mit „Down by the hillside“ und „Mrs. MacGrath” habt ihr die Kriegsthematik 2 Mal aufgegriffen. Kannst du uns etwas zu den Hintergründen der Stücke berichten?
Bei „Down by the hillside“ war Albi stark von Edgar Allen Poe inspiriert. Er hat dabei eher versucht, die Stimmung aufzugreifen. Wir hatten dabei keine politischen Absichten. „Mrs. MacGrath“ ist ein Traditional, das bereits von vielen anderen Künstlern aufgegriffen wurde. Darin wird versucht, die Kriegsthematik musikalisch umsetzen.

Es ging grundsätzlich darum, dass die Kriegsthematik so noch nie bei euch aufgegriffen wurde.
Dass es gleich bei 2 Stücken kommt, war nicht beabsichtigt. Wir wollten unbedingt „Mrs. MacGrath“ machen und dazu kam dann eben Albi mit seinem Song, der ebenfalls ein Muss war. Insofern war es Zufall. Die Kriegsthematik verliert leider nie an Aktualität. Ich überlege auch gerade, ob es noch nie ein anderes Kriegslied gab. „Follow me up to Carlow“ und „Hip Hurray“ sind Anti-Kriegslieder, d.h. die Thematik an sich kommt schon immer mal wieder vor. Aber noch nie 2 Mal auf einer CD.

Mit „Apology“ habt ihr zum ersten Mal eine Art irische Metallicaballade im Repertoire. Wer hatte die Idee zu diesem Stück?
Die Idee stammt von Pat und für mich war sie anfangs gewöhnungsbedürftig, weil sie ein bisschen anders ist, was den Songwritingkontext betrifft. Im Studio fand ich das Stück dann super, weil es sehr ergreifend ist. Da gilt bei uns das Motto: Wenn es gut ist, dann tun wir’s und es kommt auf die CD – egal, ob es etwas aus unserem Stil herausfällt.

Mit „This Old Man“ und „Once In A While“ habt ihr auch wieder ein paar kurzweilige Stücke auf dem Album. Generell findet man auf euren CDs regelmäßig kürzere, schnellere Nummern. Wie sehr ist Kurzweiligkeit bei eurer Musikausrichtung ein Thema?
Schwierige Frage. Wir machen uns da gar nicht so viele Gedanken. Es gibt einen Song, der wird gespielt und gegebenenfalls werden langatmige Passagen gekürzt oder ein anderer Teil eingebaut. Die Lieder sind alle sehr flott, d.h. würde man die 20 Beats langsamer spielen, wären sie gleich wieder länger. Ansonsten ist das sehr konventionelles Songwriting. Wir machen keine meditative Musik oder progressiven Rock, der es verlangt, dass die Stücke sehr lange dauern. So entstehen diese kürzeren Songs. So wie ich Musik sehe, geht es darum ein kurzes Statement abzugeben, das wirklich auf die Mütze haut. Wenn es aus ist, sollte man das Gefühl haben: Boah, das war geil, das hat mich mitgerissen, das brauche ich nochmal.

Wer sorgt bei euch für die Reggaeeinflüsse wie z.B. bei „Change“?
Eigentlich Albi, dieses Mal war es aber Pat. Beim letzten Mal hatten wir mit „When will we be married“ ein Traditional, das wir ins Reggaegewand gepackt haben. Der jetzige Song „Change“ wurde von Pat fast alleine geschrieben,. Es ist ein schwermütigerer Reggae in Balladenform mit einer kleinen instrumentalen Passage aus einem Traditional.

Wie stellt ihr euch zukünftig die Gewichtung bei euren CDs vor, was selbst geschriebene Stücke und die Neuinterpretation von Traditionals betrifft? Und wie war es im konkreten Fall bei „Sports Day at Killaloe“?
Das Verhältnis war noch nie so stark zu Gunsten der eigenen Stücke. In den 20 Jahren, in denen es uns gibt, haben wir schon sehr viele Traditionals ausgegraben und der Fundus wird nicht größer, wobei es noch wahnsinnig viele gibt, an die man sich heranwagen kann. Aber es macht einfach Spaß, eigene Stücke zu schreiben. Wir machen immer am Ende eine Bilanz, um zu sehen, wie das Verhältnis ist. Aber wir sagen nicht, dass es so und so viele Traditionals sein müssen. Wir haben dieses Mal weniger als bei beim letzten Mal. Es wären sogar noch weniger gewesen, denn „Bugger Off“ wurde ganz zum Schluss angeschleppt. Das haben wir auf der Heimfahrt von einem Konzert im Radio gehört. Da haben wir zum Spaß mitgesungen und das hat uns so mitgerissen, dass wir uns dachten, dass wir das auch noch machen müssen. Den Song hatten wir dann nach einer guten Stunde fertig gestellt.

Ihr spielt inzwischen eure Songs für die CDs zusammen live im Studio ein, um das Feeling euer Konzert zu transportieren. Wie sehr seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden und wer hatte die Idee dazu?
Wir sind mit dem Ergebnis ultrazufrieden. Das ist jetzt auch nicht nur dahin gesagt. Bei „Drive me mad“ haben wir das zum ersten Mal gesagt und in meiner auch schon längeren Laufbahn als Musiker war das ein Höhepunkt meiner Studiotätigkeit, weil es einfach so viel Spaß gemacht hat. Ich werde es kurz beschreiben: Pat (Gitarre), Rainer (Bass) und ich (Schlagzeug) stehen in einem Proberaum, wo gleichzeitig das Schlagzeug, die Gitarre und der Bass aufgenommen wird. Von diesem Raum gibt es noch drei weitere sternförmig abgehende Räume mit großen Glasscheiben und da werden dann Stefans Quetsche, Tobis Geige und Albis Gesang verteilt. Wir haben also vollen Blickkontakt und es wird wirklich alles gleichzeitig eingespielt. Unsere Aufgabe ist einfach, zu spielen und der Produzent schichtet dann und beurteilt. Man lernt auch wahnsinnig viel dabei, weil jeder oft denkt, er spielt gut. Aber der Produzent sitzt in der Regie, findet es völlig langweilig und sagt dann: Das alles passt schon, aber die Geige muss mehr treiben oder das Schlagzeug ist viel zu weit vorne, d.h. ich spiel im Microtiming zu schnell und muss versuchen, mich eher nach hinten fallen zu lassen. Wir haben die Hälfte der Stücke ohne Metronom, also ohne eine vorgegebene Geschwindigkeit aufgenommen, d. h. es gibt auch organische Schwankungen, die aber oft den Songs gut tun. Wir sind eigentlich da angekommen, wo in den 80er Jahren die Musikgeschichte aufgehört hat. In Amerika wird noch sehr oft so recorded. Die sind sehr viel freier und unperfektionistischer als in Deutschland. Ich finde, dass viele amerikanische Aufnahmen viel mehr Leben haben als die deutschen. Die Hauptaufgabe bleibt so ein bisschen beim Produzenten hängen, weil nie Druck auf einzelne Musiker ausgeübt werden kann, da die Gemeinschaft zählt und nicht der einzelne Verspieler eines Musikers. Der gemeinsame Track ist am Ende bestimmt nicht perfekt, transportiert aber ein Leben, wie es anders nicht möglich wäre.

Besteht durch das gemeinsame Einspielen die Gefahr, dass die einzelnen Instrumente in einem Kollektiv untergehen?
Finde ich überhaupt nicht. Ich finde eher, dass man durch das Nacheinander-Einspielen zwar versucht, alles perfekt aufzunehmen, aber es entsteht eine Sterilität, die für mich irgendwie nichts mehr transportiert. Das klingt jetzt ein bi
schen esoterisch, aber ich glaube, jeder hört unter der Woche ein bisschen Musik. Es entsteht nichts, was die Seele bzw. die Gefühlsebene anspricht. Man steht da und denkt sich: Perfekt gespieltes Schlagzeug, perfekter Sound. Aber das war’s dann.

Im Gegensatz zu anderen Bands habt ihr euren Stil nicht auf kommerziellen Erfolg hin ausgerichtet, sondern seid mehr oder minder genau den umgekehrten Weg gegangen und klingt seit 2 Alben roher, rauer und rockiger. Trotzdem ist „Drive me mad“ auf Platz 74 der dt. Albencharts eingestiegen. Ist das ein Beweis dafür, dass ihre eine neue Nische gefunden habt?
Erst einmal ist es ein Beweis dafür, dass die Musiklandschaft nicht nur aus Mainstream bestehen muss. Das ist eine hohe Anerkennung an die Außenwelt, weil viele Musikerkollegen deswegen ein bisschen frustriert sind. Ich habe den Eindruck, in den letzten Jahren ist die Szene um Folk, um Mittelaltermusik oder generell um Sachen, die abseits des Mainstreams passieren und die man z.B. im Fernsehen nicht mitbekommt, größer geworden und das finde ich eine sehr begrüßenswerte Entwicklung. Zurück zu uns: Es gab die Entwicklung bei Fiddler’s Green durch das Unterschreiben bei einem Major, kommerzieller oder mainstreamiger zu sein und damit ist die Band letztendlich eher auf die Schnauze gefallen. Das war noch vor meiner Zeit. Auf jeden Fall haben wir uns überlegt: Wenn man damit nicht punkten kann, dann machen wir das, worauf wir Bock haben und das war einfach Irish Independent Speedfolk. Da wird am besten beschrieben, welche Musik abgeht, auf was wir Lust haben und wir müssen auch nicht versuchen, Geige und Quetsche nur leicht im Sound beizumischen, sondern können diese eher unkonventionellen Instrumente richtig featuren. Darüber haben sich wieder viele Leute gefreut.

Bei welchen Alben hat deiner Meinung nach der kommerzielle Grad seinen Höhepunkt erreicht?
Also wie gesagt, das ist immer meine Meinung und ich war damals noch nicht dabei. Aber ich finde, dass es die „Spin Around“ war. Das ist die Platte, die in Amerika produziert wurde und am weitesten von dem entfernt ist, was man von Fiddler’s Green erwartet.

Bietet eure Ausrichtung genügend Facetten, um diese Form von Musik auch noch in den nächsten Jahren erfolgreich zu betreiben?
Ich glaube schon. Eigentlich bin ich sogar sehr davon überzeugt. Ich finde, es ist eine Musikrichtung, die mir auch Perspektive für’s Alter gibt. Ich glaube, wenn ich jetzt in einer Glam-Rock-Band spiele, geht immer alles. Irgendwie ist alles cool, wenn man selbst cool ist, aber irgendwann können manche Musikrichtungen eher peinlich wirken, wenn man älter wird. Und ich finde, Fiddler’s Green gibt mir so eine Perspektive, wo ich sage: Das kann ich mir auch noch mit 60 vorstellen. Da hab ich aber immer noch den Anspruch, Speedfolk zu machen – nicht, dass man Angst haben muss, dass es dann Rentnerfolk wird. Ich war jetzt hier in München bei einem Konzert von Flogging Molly, da ist der Sänger schon über 50 und die haben dermaßen abgerockt. Das war überhaupt nicht peinlich. Und da wir es ja wieder nicht geschafft haben, alle Songs aufs Album zu packen, habe ich auch gar keine Angst, dass uns die Ideen ausgehen könnten.

Und welche Einflüsse wären beim Irish Independent Speedfolk noch denkbar?
Orientalisches. Die Frage kann ich ganz schnell beantworten, da habe ich auch schon ein paar Ideen. Man kann aber auch teilweise noch mehr ins Irische eintauchen. Wir tun das immer nur zu 50 oder 60 %. Man könnte noch in eine extremere Richtung gehen. Wir haben eine Bonus-CD gemacht, die gibt es dann zum erscheinenden Album in limitierter Auflage und da haben wir ein paar alte und neue Songs ganz akustisch gespielt Wir haben das aufgenommen, wie man so was in der Fußgängerzone spielen würde. Ich spiele ganz leise mit einem Besen-Schlagzeug und wir mussten so laut sein, dass man die Akustikgitarre und die Geige noch hört. Das war eine ganz tolle Erfahrung. Da könnte ich mir vorstellen, dass das ausbaubar ist. Wir haben die alten Songs ein bisschen umarrangiert und so ein bisschen Rockabilly-Style eingebaut. Da müsste man eine Pub-Tour machen, denn ich könnte mir vorstellen, dass das auch live sehr gut rüberkommt.

Ihr habt weit über 1000 Konzerte gespielt. Gibt es Orte oder Festivals, wo ihr besonders gerne auftretet?
Es sind eher so Locations, d.h. Clubs, die man mag. Andererseits gibt es Säle, die wirken eher steril. Es gibt auch Orte, da weiß man genau, da muss man gar keine Ansage machen, da ist die Stimmung immer ganz toll. Und dann gibt es eben Feste, die spielt man zum ersten Mal und da merkt man, da sind sehr viele Leute, die uns noch nie gesehen haben. Da dauert es länger, bis das Eis gebrochen ist. Es gibt große Unterschiede zwischen den Konzerten, aber ich kann z.B. sagen in München ist es immer gigantisch.

Soweit ich weiß, habt ihr alle neben eurer Tätigkeit bei den Fiddlers noch andere Jobs. Wollt ihr das so beibehalten oder plant ihr, euch in Zukunft komplett auf die Musik zu konzentrieren?
Jeder hat wirklich nur ganz kleine Sachen nebenbei, die höchste Flexibilität verlangen, weil der Fiddler’s Green-Jahreskalender immer sehr unregelmäßig ist. Keiner hat einen regelmäßigen Job. Ich gebe z.B. noch ein bisschen Schlagzeug-Unterricht und mache noch andere musikalische Projekte. Das mache ich alles sehr gerne und das ist in einem zeitlichen Rahmen, der mich weder nervt, noch irgendwie bei Fiddler’s ausgrenzt. Das sind auch so Sachen, die ich jederzeit ein bisschen zurückschrauben kann. Jetzt im November/Dezember machen wir eher Promotion für die CD und spielen gar nicht in diesem Zeitraum. Da gebe ich verstärkt Unterricht. Ich habe auch fortgeschrittene Schüler, für die mache ich dann Blockunterricht.

Ihr habt inzwischen auch in anderen Ländern wie z.B. Russland gespielt. Welche Unterschiede gab es bei der internationalen Resonanz auf eure Musik?
Wir haben in Russland gespielt und waren jetzt schon öfters in Belgien und Holland. Dieses Jahr haben wir auch zum 1. Mal in Italien ein Konzert gegeben. Da kamen dank Internet mit MySpace etc. schon Fans textsicher zum Konzert und da war noch einmal eine Begeisterung zu spüren, ähnlich wie in Russland, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt habe. Die gibt es auch noch in Deutschland, allerdings geht die etwas unter, da uns die meisten Fans dort schon seit Jahren begleiten. In Italien habe ich eine Frische und Euphorie gespürt, wie ich sie in meinen Anfangsjahren bei den Fiddlers hatte. Das soll nicht heißen, dass das hierzulande eingeschlafen wäre, aber dort war es eben neu.

Denkst du, dass euch das Internet durch MySpace und Konsorten neue Türen geöffnet hat?
Auf jeden Fall. Wir unterschreiben jetzt dann einen Vertrag mit einem japanischen Vertrieb, der ohne MySpace nicht denkbar gewesen wäre. Die eben angesprochenen Fans aus Italien haben sich auch besonders über die Lieder informiert, zu denen wir Videos online gestellt haben. Das ist schon eine gigantische Macht. Durch das neue Album waren wir jetzt sehr beschäftigt, doch nun müssen wir viel Zeit in Auslandsvertriebe und –promotion investieren, da das für uns ein neuer Markt ist. Es gibt andere Bands, die noch nicht so lange wie wir dabei und im Ausland populärer sind. Wir haben da immer ein wenig geschlampt und müssen uns jetzt sehr bemühen. Wir haben speziell für Benelux eine eigene Bookingagentur und haben dort bereits auf größeren Festivals gespielt. Da muss noch mehr kommen, so dass unsere CDs einfacher erhältlich sind.

Wo siehst du die Fiddlers mittelfristig in 2 bis 5 Jahren?
Auf jeden Fall verstärkt im Ausland. Das wäre mein Traum. Derzeit sind unsere Deutschlandtouren auch noch etwas auseinander gezogen, die würde ich mehr bündeln. In der freien Zeit würde ich dann Auslandstourneen fahren, vor allem in benachbarten Ländern. Fiddler’s Green funktioniert so gut in Deutschland, warum sollte das nicht auch in Italien oder Frankreich gehen? Frankreich ist ein gutes Beispiel, da wir auch keltische Elemente verwenden. Es würde mich wundern, wenn unsere Musik dort nicht auch gut funktioniert.

Wortspiel:

Flogging Molly – Geil. Ich mag den Schlagzeuger sehr und die Band hat mir für Fiddler’s Green einen neuen musikalischen Input gegeben.
Folk’s Not Dead! – War erst ein Song von uns und wurde dann so ein bisschen zum Motto unser zweijährigen „Drive me mad“-Tour. Ich habe auch den Eindruck, als ob es eine neue Welle in Deutschland gibt, die nicht nur den Mainstream in den Mittelpunkt setzt, sondern auch den Folk. Sozusagen ein Folk-Revival.
Beloved Enemy – Das ist das neue Projekt unseres alten Gitarristen und Sängers Peter Müller. So traurig die Trennung ist oder war, habe ich das Gefühl, dass nun alle Parteien glücklicher sind. Er verwirklicht sich selbst und wir ebenso.
Girls Along The Road – *lacht* Denk ich in erster Linie ans Lied. Toller Song!
Shamrock Clash – Das war der Versuch, eine Festivalreihe mit 2 irischen Punkrock-Bands aufzuziehen. Irgendwann hat mich die irische Band total genervt. Ich fand es bisschen undankbar von ihnen, unseren Support so völlig zu missbrauchen.
Guinness – Ist unser Hausgetränk bzw. sollte es sein. Schmeckt mir leider nicht so.
Good Old Boys – Sind wir *lacht*