Interview mit Gwyn Strang und Sean Bilovecky von Frayle

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Die Gothic-/Doom-Band aus Cleveland, Ohio legt mit „Heretics & Lullabies“ ihr viertes Album vor und hat mit Napalm Records erstmals ein Major Label im Rücken. Mit dem federführenden Duo Gwyn Strang (Gesang) und Sean Bilovecky (Gitarre) haben wir über die ausgefeilte Identität der Band, die optische Präsentation und die persönlichen sowie religionskritischen Inhalte der Songs gesprochen.

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FRAYLE ist eure Schreibweise von „frail“, also „gebrechlich“, „zerbrechlich“ – was bedeutet der Bandname für euch, und wie zeigt sich Zerbrechlichkeit in eurer Arbeit?
Wie bei Kintsugi, wo etwas Zerbrochenes mit Gold repariert und dadurch wertvoller gemacht wird – wenn man das Wort „frail“ zerlegt und „repariert“, wird es irgendwie stärker und wertvoller. Wir fanden auch, dass FRAYLE gut zu den Texten und dem Gesang passt.

Euer visuelles Erscheinungsbild – ob auf der Bühne, in Videos oder in Artworks – ist äußerst durchdacht und eindrucksvoll. Wie wichtig ist diese starke visuelle Sprache für FRAYLEs Identität?
Die Musik steht für uns immer an erster Stelle, aber wir sind beide Designer und fühlen uns wohl damit, visuelle Ausdrucksformen zu schaffen, die unsere Gefühle transportieren. Wir wollen eine ganze Welt erschaffen, in die man eintauchen kann – da sind ein bestimmtes ästhetisches Konzept und unheimliche Bilder ein ganz organischer Teil davon.

Frayle Bandfoto
© FRAYLE

Gwyn, du trägst oft Ketten im Gesicht und eine Dornenkrone auf dem Kopf. Was symbolisiert das für dich – und steckt dahinter auch Gesellschaftskritik?
Der Gesichtsschmuck ist für mich eine Möglichkeit, mich ein wenig zu verstecken, während ich euch durch die Texte meine verletzlichsten Seiten zeige. Ich bin ein sehr introvertierter Mensch, daher ist es mir wichtig, in der Öffentlichkeit einen Teil von mir verborgen zu halten. Die Krone hingegen… Ich möchte niemandes Religion beleidigen, aber ich glaube nicht an organisierte Religion. Ich brauche niemanden, der mir sagt, wie ich ein guter Mensch sein soll. Ich habe herausgefunden, dass fundamentalistische Christen es hassen, wenn ich die Krone trage – also wird sie wohl noch eine Weile ein fester Bestandteil meiner Garderobe bleiben.

Gwyn, du stehst auf den Cover-Artworks immer im Mittelpunkt, bist oft besonders beleuchtet, während deine Mitmusiker im Dunkeln bleiben oder verhüllt sind. Warum habt ihr euch für diese Darstellung entschieden, bei der du im Rampenlicht stehst?
Das war größtenteils Seans Idee. Ich wollte eigentlich hinter dem Schlagzeug stehen, wenn wir live spielen, weil ich mich dort besser hören kann. Aber daraus entwickelte sich das Konzept der Priesterin mit ihrem Zirkel – und damit kann ich mich sehr gut anfreunden.

Was hat sich deiner Meinung nach musikalisch seit „Silk & Sorrow“ verändert oder verbessert?
Ich habe das Gefühl, dass wir seit dem letzten Album bedeutend gewachsen sind. Wir schlagen auch größere Bögen, gehen mehr Risiken ein, erhöhen bei manchen Songs das Tempo um ein paar bpm usw. Dass Aaron Chaparian dieses Album produziert hat, war ebenfalls ein großer Wendepunkt für uns. Ich liebe, was er gemacht hat – das hat auf jeden Fall geholfen, etwas Besonderes zu schaffen.

Gab es Songs, die besonders lange gebraucht haben, um fertig zu werden, oder eine besondere Entstehungsgeschichte haben?
„Boo“ entstand als augenzwinkernde Antwort auf eine Frau, die schreiend die Straßenseite wechselte, als sie mich sah. Ich fand das lustig – und es ist eine gemeinsame Erfahrung für all jene von uns, für die jeder Tag Halloween ist.

Frayle - Heretics and Lullabies CoverDer Albumtitel „Heretics & Lullabies“ klingt wie eine lyrische Zusammenfassung der Gegensätze, die in eurer Musik mitschwingen. Was bedeutet er für dich?
Die Bedeutung ist vielschichtig, aber ja – er spiegelt die Gegenüberstellung von Musik und Gesang, von Dunkelheit und Licht wider. Ich mag es, die Dualität zu erforschen, die wir alle in uns tragen.

Ketzerei und Abkehr von Religion sind häufige Themen bei FRAYLE. Welche Erfahrungen hast du mit Religion gemacht? Wie fühlt es sich an, sich in dieser Welt nicht an die üblichen religiösen Dogmen des Christentums zu halten?
Es fühlt sich großartig an! Ich werde nicht durch jemand anderes Vorstellung von Moral eingeschränkt. Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass die eifrigsten religiösen Menschen die strengsten Moralvorstellungen vertreten – und sie privat am ehesten brechen.

Die Texte wirken oft sehr persönlich. Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen, Schmerzen und Gefühlen steckt in den Lyrics?
Schreiben ist für mich wie Therapie. Ich versuche, meine Gefühle auf der Seite zu lassen. Alles in meinen Texten ist sehr persönlich. Bei diesem und beim letzten Album war es, als würde ich an einer Wunde kratzen, bis sie wieder blutet.

FRAYLE auf dem BRUTAL ASSAULT 2025
FRAYLE auf dem BRUTAL ASSAULT 2025

Eure Musik ist düster, atmosphärisch dicht und melancholisch. Wenn du diese Stimmung live transportieren oder Texte schreiben musst – ist es hinderlich, wenn du in guter Stimmung bist?
Ich kann nur schreiben, wenn ich in guter Stimmung bin – oder zumindest in einer neutralen. Wenn ich etwas durchmache, schreibe ich kurze Notizen in mein Handy. Ich habe eine Sammlung von Hunderten von Textideen. Wenn ich dann in einer besseren Verfassung bin, schaue ich sie mir wieder an und gehe die Gefühle von damals aus einer stabileren Perspektive durch.

Die politische Lage weltweit ist momentan fragil, auch in den USA. In welchem Maß verfolgst du die Ereignisse, und wie gehst du persönlich damit um?
Ich versuche, mich nicht zu sehr reinzusteigern. Ich lenke meine Energie lieber in etwas Produktiveres.

Mit „Summertime Sadness“ habt ihr einen Song von Lana Del Rey gecovert. Wieso habt ihr gerade diesen Track ausgesucht und was fasziniert dich an Lana Del Rey?
Ich finde, Lana ist die Königin der Melancholie. Ihre Stimme beinhaltet so viel Traurigkeit – für mich war das also eine naheliegende Wahl. Wenn wir einen Coversong integrieren wollen, probieren wir meistens mehrere Stücke aus und machen Demos, bevor wir uns entscheiden. Bei „Summertime Sadness“ hat einfach alles gepasst, nachdem wir ein paar kleine Änderungen vorgenommen hatten. Aaron fügte die Pause vor dem Refrain hinzu – und in dem Moment wussten wir, dass es magisch war.

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Ihr habt diesen Sommer auf großen Festivals gespielt (Brutal Assault, Alcatraz, Bloodstock und Summer Breeze). Wie habt ihr die Resonanz in Europa erlebt?
Europa hat uns schon immer sehr gut aufgenommen. Das Publikum war offen und aufgeschlossen. Wir gehen nach unseren Shows immer ins Publikum und versuchen, so viele Leute wie möglich zu treffen. Die Reaktionen sind meist sehr positiv. Die europäischen Fans waren wirklich toll.

Im Herbst folgt eine US-Tour mit DOGMA. Worauf freut ihr euch besonders – und was erwartet ihr vom Publikum in eurer Heimat im Vergleich zu Europa?
Das ist unsere erste Tour mit DOGMA, daher wissen wir nicht genau, was uns erwartet. Wir haben schon einmal mit ihnen bei einem Festival gespielt, und sie sind großartige Musiker. Wir freuen uns immer darauf, Leute aus dem Publikum zu treffen – darauf freuen wir uns also auf jeden Fall.

Vielen Dank für eure Zeit! Viel Erfolg mit „Heretics & Lullabies“. Die letzten Worte gehören euch.
Vielen Dank, dass ihr euch Zeit für uns genommen habt. Wir wissen die ganze Liebe und Unterstützung, die wir für dieses Album bekommen haben, sehr zu schätzen. Das bedeutet uns mehr, als ihr euch vorstellen könnt.

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Stefan Popp

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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