Interview mit Michael Podrybau und Adam Kopecky von Glacier

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Besser spät als nie: Die U.S.-Metal-Veteranen GLACIER wurden zwar 1979 gegründet, veröffentlichen aber erst stolze 41 Jahre später ihr erstes volles Album. Zwar gab es 1985 bereits eine erste EP, seither und damit immerhin 35 Jahre lang war es allerdings reichlich still um die Band aus Portland. Weil man mit dem Metal aber eigentlich nie so richtig abschließen kann, sind GLACIER jetzt aber wieder da und legen endlich ein ausgewachsenes Album vor. Das war für uns ein guter Anlass, mal mit Sänger Michael Pordybau und Drummer Adam Kopecky zu sprechen.
Das Logo der U.S.-Metal-Band Glacier

Hallo und vielen Dank, dass ihr euch Zeit für dieses Interview nehmt. Wie geht es euch in dieser ungewissen Zeit?
Adam: Zum Glück hat mich diese Ungewissheit bisher nicht allzu hart getroffen, weil ich Handwerker bin. Ich habe weder Frau noch Kind, also hat sich auch dort keine nennenswerte Veränderung des Tagesablaufs ergeben. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mich mehr auf diverse Projekte zu konzentrieren. Aber uns allen fehlen natürlich die Konzerte – sowohl das auftreten als auch der Besuch als Zuhörer!

GLACIER tauchten erstmals 1979 in der Szene auf und haben 1985 eine EP, die schlicht den Bandnamen trägt, veröffentlicht. Die letzten 30 Jahre über war die Band aber so gut wie aufgelöst – wie habt ihr erkannt, das jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Comeback ist?
Michael: Ein Promoter aus Chicago meldete sich bei mir wegen einer möglichen Reunion-Show. Ich gab ihm damals den Kontakt von Sam Easley (ehemals Gitarren, Anm. d. Red.), damit er sich darum kümmert. Sam und ich hatten bereits darüber gesprochen, wieder etwas auf die Beine zu stellen. Weil aber eines unserer Gründungsmitglieder gerade an die andere Küste der USA gezogen war und ein anderer gerade dabei war, zu heiraten, wäre das damals ziemlich schwierig geworden. Da wir aber auf jeden Fall noch Fans hatten und auch andere Festivals an uns interessiert waren, haben wir es durchgezogen.

Das Cover der gleichnamigen EP von GlacierMit „The Passing Of Time“ erscheint in Kürze euer erstes volles Album. Was könnt ihr uns darüber sagen?
Adam: Mehr als ihr drucken wollt (lacht). Um es kurz zu machen: Das Album nahm auf sehr ungewöhnliche Art und Weise Form an und als wir damit begannen, neues Material zu schreiben, sollte es eigentlich gar kein ausgewachsenes Album werden. Wir hatten eigentlich eine weitere EP im Kopf, aber irgendwer sagte dann zu uns: „Was? Kein Mensch macht eine Comeback-EP. Das muss schon ein Album sein!“ Also haben wir unser Ziel ein bisschen höher gesteckt und dann haben uns Loren (Bates, ehemals Schlagzeug, Anm. d. Red.) und Timm (Proctor, ehemals Bass, Anm. d. Red.) weitere bisher unveröffentlichte Songs zur Verfügung gestellt. Die thematische Ausrichtung wurde uns erst richtig klar, das wir das Artwork von Daniel Charles bekommen haben, das jetzt auf Front, Rückseite und Inlay zu sehen ist.

Für eure neue Platte habt ihr einen Vertrag mit No Remorse Records aus Griechenland abgeschlossen. Wie kam es dazu?
Michael: Chris und Andreas von No Remorse sind gute Freunde von mir. Sie standen sofort bei mir auf der Matte, als wir angefangen haben, uns nach einer Plattenfirma umzusehen. Sie sind beide absolut in Ordnung und es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Wir haben ein bisschen hin und her geschrieben und dann einen echt fairen Vertrag zustande gebracht.

Der Titel „The Passing Of Time“ ist passend gewählt. Wie fühlt es sich an, nach 40 Jahren sein erstes Album zu veröffentlichen?
Michael: Ja, der Titel war Adams Idee und wir fanden alle, dass er echt gut passt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt die richtigen Worte finde, um zu beschreiben, wie großartig diese ganze Erfahrung ist. Wenn ich mal einen Augenblick innehalte und mir vor Augen führe, was in den letzten dreieinhalb Jahren alles mit GLACIER passiert ist, dann erstaunt mich das einfach nur. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass wir zurück auf die Bühne kommen würden, ein Album machen könnten und weltweit auf Tour gehen. Ich schätze mich auf jeden Fall glücklich, diese Gelegenheit zu haben.

Wie liefen das Songwriting und die Aufnahmen für die Platte ab?
Adam: Wir haben unsere jeweiligen Homestudios für das Songwriting genutzt, aber am Ende konnte jeder dem Material seinen Stempel aufdrücken. Manche Songs haben nur als Riff angefangen, für andere gab es schon eine komplette Struktur inklusive Bass und Schlagzeug. Wir haben alle Nummern untereinander herumgeschickt und in ein mehr oder weniger finales Produkt in Demo-Form gepresst, ehe wir ins Studio gegangen sind. Als zusätzlicher Bonus konnten Tim Proctor und Loren Bates am ersten Wochenende mit uns im Studio sein und ein paar Spuren für das bisher unveröffentlichte Material aufnehmen.

In der aktuellen GLACIER-Besetzung befindet sich noch genau ein Bandmitglied, das auch auf der EP von 1985 zu hören ist. Ist der Geist der Band noch der gleiche wir damals?
Michael: Ich weiß nicht, ob der Geist der Band noch der gleiche ist oder nicht. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich mit wirklich großartigen Musikern zusammenarbeite, die die Band und das, was wir tun, lieben. Wir sind alle gut miteinander befreundet und wir lieben die Musik.

Das Artwork der Platte ist wirklich cool. Wer hat es gemalt?Das Cover von "The Passing Of Time" von Glacier
Adam: Ja, das Artwork ist fantastisch! Daniel Jones hat es für uns gemalt, nachdem er uns einen ersten Entwurf vorgelegt hatte. Es hat uns so gut gefallen, dass wir ihn gebeten haben, die Perspektive etwas zu erweitern und auch den Hintergrund mit aufs Bild zu bringen. Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Das Inlay entstand hinterher noch. Ich habe einen losen Entwurf hingekritzelt und er hat auch das perfekt umgesetzt.

GLACIER haben den Metal in seinen Anfangstagen mitgeprägt. Wie beurteilt ihr die Szene heute?
Michael: Als ich in die Metalwelt zurückkehrte, war ich ziemlich überrascht, wie gut es der Szene heute geht. Es gibt unzählige junge Bands, die dem Weg des traditionellen Metals folgen und auch etliche alte Gruppen, die noch immer voll dabei sind. Europa und Südamerika sind in dieser Hinsicht unglaublich! Wir können es kaum erwarten, dorthin zurückzukehren. In den USA hält sich die Szene über Wasser und auch hier sind die Fans toll, aber es ist lange nicht so weit verbreitet wie in den 80ern.

Die Corona-Pandemie wirkt sich auf jeden Bereich des Lebens aus, aber Clubs und Bands scheinen besonders hart getroffen zu sein – insbesondere, wenn man so wie GLACIER gerade seine Karriere neu starten will. Wie geht es euch damit?
Adam: Im Hinblick auf das Touren und Festivals ist das natürlich ziemlich unpraktisch – wir sind gerade wieder auf den Geschmack gekommen und wollen natürlich endlich wieder raus, aber weil es wirklich jeden betrifft, erscheint es mir etwas stillos, sich zu beklagen. In erster Linie bin ich dankbar, dass wir überhaupt an diesen Punkt gekommen sind. Das ist schon deutlich mehr, als wir je erwartet hätten!

Werdet ihr nach Deutschland kommen, wenn es wieder möglich ist?
Adam: Abso-zensiert-lut! Deutschland ist ein toller Ort mit einer großartigen Metal-Szene – vom Essen und vom Bier ganz zu schweigen! Wir haben dort gute Freunde gewonnen und wir hoffen sehr, dass wir bald wieder rüberkommen können. Ich habe noch lange nicht genug davon gesehen!

Vielen Dank für dieses Interview! Lasst uns zum Abschluss noch etwas Brainstorming betreiben. Was fällt Euch spontan zu den folgenden Begriffen ein?
Keep It True: Unglaublich! Mein erstes Mal auf der Bühne seit 1985!
Wahljahr: Ich mag Politik nicht.
Lockdown: Gefällt uns natürlich nicht, aber es ist eben nötig, bis wir die Situation im Griff haben.
True Metal: Ich finde, dass es haufenweise neue und alte Bands gibt, die geilen Metal spielen.
Die Zukunft physischer Medien: Das Internet bietet tolle Möglichkeiten, seine Musik und Band zu promoten. Allerdings sind die schlechten Seiten wie illegale Downloads und Betrüger mehr als frustrierend. Über YouTube habe ich aber haufenweise Bands entdeckt, von denen ich in den 80ern nie etwas gehört hatte – ich finde diese Bands aber richtig cool und bin mittlerweile gut mit einigen von ihnen befreundet.
GLACIER in 10 Jahren: Keine Ahnung – hoffentlich geben wir noch immer Vollgas!

Noch einmal vielen Dank für eure Zeit. Die letzten Worte gehören euch – möchtet ihr unseren Lesern noch etwas mitteilen?
Adam: Es haut mich noch immer um, wie viel Interesse und Unterstützung wir bekommen, seit wir Ende 2017 wieder zusammenarbeiten. Es ist unfassbar inspirierend, Teil davon sein zu können und zu erleben, dass unsere Musik so vielen Metalfans überall auf der Welt gefällt. Das alles ist bereits viel größer geworden, als ich je zu hoffen gewagt hätte und ich werde die Energie so lange aufrecht erhalten, wie ich nur irgendwie kann!

Ein Foto der U.S.-Metal-Band Glacier

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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