CD-Review: Glacier - The Passing Of Time

Besetzung

Michael Podrybau - Gesang
Marco Martell - Gitarre
Michael Maselbas - Gitarre
Alex Barrios - Bass
Adam Kopecky - Schlagzeug

Tracklist

01. Eldest And Truest
02. Live For The Whip
03. Ride Out
04. Sands Of Time
05. Valor
06. Into The Night
07. Infidel
08. The Temple And The Tomb


Anlässlich des Welttages des Glücks befand der Deutschlandfunk im Jahr 2015: „Die Freude am Wiedererkennen ist ein Schlüssel zum musikalischen Glück.“ Setzt man das als Maßstab an, dann ist „The Passing Of Time“ 40 Minuten pures Glück, denn hier wird so einiges wiedererkannt. Der Opener „Eldest And Truest“ lässt sogleich an die Hamburger Vorzeige-Metaller Stormwarrior denken, in Songs wie „Sands Of Time“ oder „Valor“ lassen Manowar grüßen und das fetzige „Into The Night“ könnte auch von den Schweden Enforcer stammen. Obendrein klingt Sänger Michael Podrybau wie Metal-Inquisitor-Frontmann El Rojo.

Für Kritiker ist so ein Fall normalerweise klar – GLACIER sind Epigonen der schlimmsten Sorte. Ganz so einfach machen es einem die Herren aus Portland allerdings nicht. Denn wenngleich ihr erstes volles Album 2020 in den Handel kommt, tauchten die Burschen bereits 1979 erstmals auf der Bildfläche auf und veröffentlichten Mitte der 80er immerhin eine gefeierte EP. Obschon die Amis also nicht sonderlich präsent waren, haben sie bereits an der ersten Welle des U.S. Metals mitgewirkt und auch ein entsprechendes Tondokument hinterlassen. Da im Zweifel im Sinne des Angeklagten zu entscheiden ist, soll hier also angenommen werden, dass sich all die in der Einleitung genannten Bands eher auf GLACIER berufen als umgekehrt.

So oder so rennen die U.S.-Metaller mit ihrem verspäteten Debüt bei Fans des Genres offene Türen ein. Stilistisch irgendwo zwischen polierteren Omen und druckvolleren Virgin Steele einzuordnen, lassen GLACIER auf „The Passing Of Time“ zwar kein Klischee der Sparte aus, liefern somit aber auch ein Album lang pathosschwangeren U.S. Metal aus dem Bilderbuch ab. Die Metaller aus Portland brennen hier ein Feuerwerk aus saustarken Riffs, Gänsehaut-Melodien und erhebenden Mitsing-Refrains über Schlachten und Helden ab, dem sich kein True- oder Heavy-Metal-Fan im Vollbesitz seiner Sinne entziehen kann. Trotz knapp 30-jähriger Abwesenheit offenbart die Band zudem ein ausgeprägtes Talent für absolut stilsicheres Songwriting, das sämtlichen Gepflogenheiten des Genres Rechnung trägt.

Dabei haben GLACIER vor allem zwei Argumente auf ihrer Seite: Nur weil sie inhaltlich wenig bis nichts Neues bieten – und das tun sie tatsächlich zu keinem Zeitpunkt –, heißt das nicht, dass ihre Musik nichts taugen würde. Ganz im Gegenteil sogar. Nummern wie „Live For The Whip“ oder „Ride Out“ fahren mit ihren starken Riffs sofort in den Taktfuß und punkten mit einem Übermaß an Energie und Spielfreude – was zum zweiten Punkt führt: Entgegen ihres fortgeschrittenen Dienstalters präsentieren sich GLACIER auf „The Passing Of Time“ als ebenso frische wie angriffslustige Band, die zwar auf die musikalische Routine von vier Jahrzehnten zurückgreifen kann, dies aber mit hochansteckender Spielfreude rüberbringt.

Ob GLACIER nun wie im Opener dieser Platte behauptet die „Eldest And Truest“ sind, sei dahingestellt – das können sie ja mal mit Judas Priest ausmachen. Für die Beurteilung ihres ersten vollen Albums ist das aber auch weithin egal, denn „The Passing Of Time“ ist in der Tat eine zeitlos gelungene U.S.-Metal-Platte. GLACIER liefern hier acht lehrbuchmäßige Metal-Hymnen ab, ohne dabei je auf die Bremse zu treten oder dem Kitsch die Oberhand zu gewähren. Da ist es auch vollkommen egal, ob dabei nun das Genre revolutioniert wird oder nicht und wer eventuell bei wem abgekupfert hat – wahrhaftig, die Freude am Wiedererkennen ist ein Schlüssel zum musikalischen Glück.

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Bewertung: 9 / 10

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