Interview mit Chris Boltendahl von Grave Digger

Die Teutonenstahl-Mitbegründer GRAVE DIGGER feiern in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Damit hat die Band ein Dienstalter erreicht, das nur die wenigsten ihrer einstigen Mitstreiter vorweisen können – das ist umso beeindruckender, weil die Truppe in diesen vier Jahrzehnten durchgehend aktiv war. Da das Coronavirus die Welt derzeit fest im Griff hat, ist an eine entsprechende Jubiläums-Show oder Tour momentan nicht zu denken. Stattdessen veröffentlichen die Gladbecker mit „Fields Of Blood“ ihr mittlerweile 19. Album und widmen sich zum dritten Mal in ihrer bewegten Karriere einem ihrer Lieblingsthemen: dem historischen Schottland. All das liefert einigen Gesprächsstoff, weshalb wir uns mit Sänger und Bandkopf Chris Boltendahl in Verbindung gesetzt haben.

 

Das Logo der Band Grave Digger

 

Hallo Chris und vielen Dank für dieses Interview! Wir leben in seltsamen Zeiten – geht es dir und deiner Familie gut?
Ja, uns geht es allen gut – vielen Dank der Nachfrage! Ich hoffe, euch auch!

GRAVE DIGGER werden dieses Jahr 40, allerdings macht es die derzeitige Situation schwierig, solch ein Jubiläum mit einer Tour zu begehen. Habt ihr – außer einem neuen Album – noch etwas geplant?
Wir werden um den Album-Release herum einen Fan-Chat organisieren. Zum Thema Auto-Konzerte und Ähnlichem haben wir uns ja ganz klar positioniert: Das wollen wir auf keinen Fall. Bei Heavy Metal geht es um Schweiß, Stimmung und die gemeinsame Party. Wenn man stattdessen ein Internet-Konzert veranstaltet, spielt man in einer leeren Halle oder im Proberaum – wie soll man da als Musiker in Stimmung kommen? Das ist dann wie jede andere Probe und die Fans sitzen dabei zuhause vor dem Fernseher oder Monitor, haben am besten noch die Füße hochgelegt und kommen genauso wenig in Stimmung. Da kann ich auch eine CD hören. Und vor 500 Autos will ich auch nicht auftreten. (lacht) Da gibt es ja auch keine PA, die das Publikum beschallt. Es kommt also auch nichts, was den Körper bewegt.

Habt ihr bereits Tourpläne für 2021 geschmiedet?
Für September und Oktober ist ja noch immer das schöne Package aus Orden Ogan, GRAVE DIGGER und Rage geplant. Allerdings ist es inzwischen fraglich, ob das auch stattfinden kann. Das würde in Hallen für 1000 bis 1500 Leute veranstaltet werden und ist natürlich auch für diese Größenordnung angelegt.

Ich nehme an, dass der Ticket-Vorverkauf auch nahelegt, dass diese Zahlen erreicht werden?
Bis zum 16. März lief der Vorverkauf hervorragend. Seither haben wir noch etwa drei Tickets verkauft. (lacht)

Das Cover von "The Living Dead" von Grave DiggerTourende Bands und Live-Clubs werden von der Corona-Situation besonders hart getroffen. Wie geht es euch damit?
Wir haben für Februar und März nächsten Jahres noch unsere eigene Headliner-Tour anberaumt. Das wird unser „40+1 Jubiläum“. Und die ganzen Festivals sind natürlich auch aufs nächste Jahr verschoben. Man kann nur hoffen, dass es dann weitergeht, aber wir kommen eigentlich ganz gut über die Runden. Wir haben über die Jahre ganz gut gewirtschaftet, weshalb sich die Band in dieser Zeit sicher nicht auflösen wird. Wir haben auch ganz klar gesagt, dass wir nächstes Jahr einfach noch ein neues Album veröffentlichen werden, wenn wir dann auch nicht auftreten können. Für viele klang das erstmal bescheuert, jedes Jahr ein neues Album zu machen, aber es ist doch so: Wir haben ganz viel Zeit und können ganz tolle neue Songs schreiben. Warum auch nicht? Früher hat man auch im Rhythmus von zehn bis zwölf Monaten neue Alben veröffentlicht und niemand fand es merkwürdig. (lacht) Ich denke, Axel (Ritt, Gitarre, Anm. d. Red.) und ich werden im nächsten Monat mal damit anfangen. Den Cover-Zeichner haben wir schon beauftragt und warten gerade auf den ersten Entwurf und das Konzept steht auch schon. Sollten die Konzerte nächstes Jahr doch wieder losgehen, dann werden wir es erst in der zweiten Jahreshälfte aufnehmen. Schreiben werden wir es auf jeden Fall dieses Jahr und sollte es mit dem Konzertverbot so weitergehen wie bisher, dann veröffentlichen wir es nächstes Jahr nach dem Sommer.

Es ist schon bemerkenswert, dass du in einem Interview zum gerade erscheinenden neuen Album schon über den nächsten Output sprechen kannst …
Wir sind zur Zeit in der Blüte unserer Kreativität! Nachdem „Fields Of Blood“ fertig war, haben Axel und ich überlegt, was wir jetzt machen können. Wir konnten uns dann relativ schnell auf ein neues Konzept einigen und dann machen wir das auch. Wenn man realistisch ist, dann bleiben uns vielleicht noch zehn Jahre. Ich kann mir nicht vorstellen, mit 70 noch auf der Bühne zu stehen. Irgendwann möchte ich auch meinen Lebensabend mal genießen. Meine Frau und ich haben schon seit Jahren vor, nach Kreta zu ziehen. Da gehe ich dann jeden Morgen fischen oder sitze irgendwo in der Taverne und spiele mit den Leuten Tavli. Bis dahin haben wir aber noch einiges vor und daran möchten wir die Leute natürlich teilhaben lassen.

Bisher habt ihr zu jedem größeren Jubiläum eine Live-CD nebst -DVD veröffentlicht. Daran ist im Augenblick natürlich nicht zu denken, aber wollt ihr das generell mal wieder machen?
Auf jeden Fall – es war ja eigentlich auch der Plan! (lacht) Unser Auftritt auf der diesjährigen Ausgabe des Wacken Open Air sollte eigentlich die Hauptshow werden – da wären wir mit 75 Leuten auf der Bühne gestanden. Allerdings ist das jetzt natürlich nicht möglich. Ich hoffe sehr, dass wir diese Show 2021 bringen können und dann werden wir das natürlich auch mitschneiden. Eine Show dieser Größenordnung wird es vermutlich, bis wir uns zur Ruhe setzen, nicht noch ein zweites Mal geben.

Die meisten Festivals werden ja ohnehin mehr oder weniger vollständig ins nächste Jahr gespiegelt …
Das weiß ich bei Wacken nicht genau, aber ich sehe keinen Grund, warum es nicht klappen sollte. Wir haben eine super Show geplant, also warum sollte Wacken die nicht auch 2021 haben wollen? Mit dem Rock Harz sind wir diesbezüglich auch in Kontakt, die spiegeln ihr Line-up auch ins nächste Jahr. Dort und auch auf dem Rock Hard haben wir ebenfalls eine kleine Special-Show geplant. Und wenn es nächstes Jahr auch nicht funktioniert, dann machen wir’s halt 2022 – dann müssen wir eben zwei neue Alben vorstellen. (lacht) Jetzt den Kopf in den Sand zu stecken würde unserer Mentalität überhaupt nicht entsprechen.

Was hat sich seit der Veröffentlichung von „The Living Dead“ bei euch getan?
Wir sind zu diesem Album ziemlich intensiv getourt. Wir waren zusammen mit Burning Witches unterwegs und die Tour war auch sehr erfolgreich. Zudem haben wir im vergangenen Jahr etliche Festivals gespielt. Nach der Saison haben wir uns dann hingesetzt und damit begonnen, unser 40-jähriges Jubiläum zu planen. Kurz vor Veröffentlichung von „The Living Dead“ war ich mit meiner Familie in Schottland. Ich wollte meinem zwölfjährigen Sohn mal die Heimat von William Wallace und Robert The Bruce zeigen. Der arme Junge musste das dann alles ertragen. (lacht) Nach zweieinhalb Wochen konnte er keine Burgen mehr sehen. Es hat ihm natürlich gut gefallen, aber jedes Mal, wenn ich ihn seither gefragt habe, ob wir nicht mal wieder nach Schottland fahren wollen, hat er gleich abgewunken. Mich hat das natürlich total angefixt und eine Woche später habe ich Axel angerufen und ihm gesagt, dass wir unbedingt mal wieder was über Schottland machen müssen. Danach ging es eigentlich Schlag auf Schlag.

Das Cover von "Fields Of Blood" von Grave DiggerUnter anderem hat auch Drummer Stefan Arnold die Band verlassen. Wie kam das?
Manchmal ist das wie in einer Ehe: Entweder man ist ein Leben lang zusammen oder es kommt zu einer Scheidung, weil man sich nicht mehr versteht. Bei uns ist eben der zweite Fall eingetreten. Wir haben uns über die Jahre auseinandergelebt. Er hatte deutlich andere Ansichten als der Rest der Band – gerade was „The Living Dead“ anging war das sehr deutlich. Wir haben dann gesagt, dass wir das so nicht mehr weitermachen wollen und er war da sehr verständnislos. Wie das in solchen Fällen oft kommt, ist der eine angefressen und der andere froh. In diesem Fall war er angefressen und wir waren froh. Wir haben dann aus einem Keyboarder, der eigentlich vorher schon Drummer war, wieder einen Drummer gemacht. Er hat ja auch immer Stefans Schlagzeug aufgebaut. Seitdem sind wir wieder wie in unseren Anfangstagen als Quartett unterwegs und setzen den Reaper nur partiell ein. Die wenigen Keyboards, die wir in unserer Musik haben, kommen jetzt eben vom Band. Mit dieser Besetzung haben wir auch schon sehr gute Erfahrungen gemacht.

War der Wechsel denn einfacher, da ihr nicht wirklich ein neues Bandmitglied einarbeiten musstet?
Klar, er kennt die Songs ja alle – er musste sie sich jetzt nur auf dem Schlagzeug draufschaffen. Marcus (Kniep, Anm. d. Red.) ist ein richtig geiler Musiker. Auf „Fields Of Blood“ hat er zusätzlich noch einiges an Keyboards gespielt und das Outro „Requiem For The Fallen“ ist eine Zusammenarbeit von Jens (Becker, Bass, Anm. d. Red.) und ihm. Außerdem ist er ein total netter und absolut engagierter Typ. Es hätte also nicht besser klappen können.

Die wenigen personellen Veränderungen bei GRAVE DIGGER der letzten Jahre wurden stets von einem Schotten-Album begleitet. Reiner Zufall?
Tatsächlich ja! Ich habe das noch nie so gesehen, aber du hast Recht. (lacht) Das war aber tatsächlich nicht aufgrund des Musikerwechsels geplant.

Wie würdest du „Fields Of Blood“ beschreiben?
Episch. Ich höre das Album wirklich sehr gerne – teilweise ein- bis zweimal am Tag – und es wird mir nicht langweilig. Ich bin nach wie vor von den Songs, die wir geschrieben haben, begeistert. Heute habe ich ein Review gelesen, in dem sich jemand darüber beschwert hat, dass „Lions Of The Sea“ wie Sabaton klingt. (lacht) Sobald man mal was zum Mitsingen, also eine Art Shanty macht, ist es gleich Sabaton … Kann ich nicht nachvollziehen. Ansonsten finde ich das Album sehr abwechslungsreich. Natürlich haben wir den Einsatz der Dudelsäcke auf dieser Platte auf die Spitze getrieben, aber ich denke dennoch, dass sie an der richtigen Stelle kommen. Selbstverständlich gibt es Parallelen zu „Tunes Of War“, aber es ist ja auch eine Art Nachfolge-Album und es muss sich auch nicht hinter dieser Platte verstecken. „Fields Of Blood“ hat seinen eigenen Charme und seine eigene Stimmung, und ich bin wirklich sehr stolz darauf.

Das Cover von "The Clans Will Rise Again" von Grave DiggerIst es ein Konzeptalbum geworden?
Ja, auf jeden Fall. Wenn „Tunes Of War“ eine Art „lebendiger Geschichtsunterricht“ war, dann haben wir auf „The Clans Will Rise Again“ die mythische Seite Schottlands beleuchtet und die Idee zu „Fields Of Blood“ kam mir in einem Museum in Schottland. Als wir reinkamen, saß dort ein alter Museumswärter und hat geschlafen. Das ergab für mich schon Sinn: Wenn man dort den ganzen Tag sitzt und auf diese Bilder guckt, dann ist es natürlich irgendwann langweilig. Ich habe mir dann dazu eine Geschichte überlegt. Sie handelt vom Schotten Edward MacLean vom Clan der MacLeans und der arbeitet in einem Museum. Auf dem Album übernehme ich seine Rolle und in den Tagträumen gehe ich dann in meiner eigenen Geschichte zurück und erzähle aus meiner Sicht. Das ist der Unterschied zu den anderen beiden Alben: Es ist thematisch relativ nah an „Tunes Of War“, aber es beschäftigt sich mehr mit der emotionalen Seite der Ereignisse. Unser Erzähler steht mit William Wallace auf dem Schlachtfeld, als er stirbt, oder Seite an Seite mit Robert The Bruce und Queen Mary. Ich finde, dass gerade dieses persönliche Element für eine schöne Geschichte sorgt.

Ist nicht William Wallace auch auf dem Cover-Artwork zu entdecken?
Ja, auch das ist Zufall! Ich habe dem Grafiker nicht gesagt, dass er William Wallace malen soll, aber als ich das fertige Cover gesehen habe, dachte ich mir auch, dass der Typ ziemlich aussieht wie Mel Gibson. (lacht)

„Fields Of Blood“ enthält alle Elemente des GRAVE-DIGGER-Sounds und etwas mehr. Wie siehst du das?
Obwohl das Album unmissverständlich nach GRAVE DIGGER klingt, ist es doch sehr melodiös und ich denke, dass wir damit eine neue Stufe erreicht haben. Trotzdem ist die Platte hart und vielleicht auch härter als die Alben davor. Klar, auch „The Living Dead“ oder „Healed By Metal“ sind klassische GRAVE-DIGGER-Werke, aber ich finde, dass die neue CD nochmal ein ganz besonderes Flair hat. Das kann auch am Mix liegen, weil wir beim Gitarrensound etwas Neues ausprobiert haben. Das Songwriting lief sehr produktiv ab. Nachdem wir Konzepte für die einzelnen Songs entworfen hatten, habe ich oft gleich mit den Refrains angefangen und das dann an Axel geschickt. Dann haben wir zusammen die Riffs und Strophen ausgearbeitet. Insgesamt haben wir etwa drei Monate daran gearbeitet. Nach der Vorproduktion – also während dem Mix – haben wir immer noch sehr viele Sachen in unserer Home-Studios ausprobiert. Ich würde sagen, dass wir diesmal sehr hart daran gearbeitet haben.

Würdest du sagen, dass ihr auf diesem Album etwas moderner klingt als früher?
Wir sind jetzt 40 Jahre in der Szene und natürlich gehen wir auch mit der Zeit. Die Mix-Techniken verändern sich ja mit der Zeit. Wir kommen mit einem „alten“ Sound – nennt es „Retro-Sound“ – ins Studio, aber wir wollen ja nicht nach „retro“ klingen. Wir haben uns über die Jahre entwickelt und wir wollen nicht angestaubt klingen. Ich weiß, heutzutage ist das besonders cool und jeder feiert das ab, aber das ist nicht unser Ding. Wir wollen mit der Zeit gehen und auch aktuell klingen – natürlich nicht wie Five Finger Death Punch, aber wir sind bestrebt, unseren Sound in die heutige Zeit zu transportieren. Da klingt man automatisch ein bisschen moderner.

Damit sind wir am Ende angekommen – möchtest du gerne noch ein paar abschließende Worte sprechen?
Ich hoffe, dass alle gesund bleiben und dass wir bald wieder auf Tour können! Ich freue mich schon auf euer Review. Ich bin ja auch ein alter Promoter-Hase und beobachte die ganzen Websites schon seit Jahren. Ihr habt euch in den letzten Jahren super entwickelt – macht auf jeden Fall weiter so!

Vielen Dank!

Ein 2020 aufgenommenes Bandoto von Grave Digger

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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