Interview mit Niklas Sundin von Mitochondrial Sun

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Nachdem Niklas Sundin zum Bedauern vieler Melodic-Death-Metal-Fans seinen Platz als Gitarrist bei Dark Tranquillity aufgegeben hat, konzentriert sich der Schwede nun auf sein Electronic-Soloprojekt MITOCHONDRIAL SUN – und er lässt sich damit nicht viel Zeit: Nicht einmal ein Jahr nach dem eklektischen selbstbetitelten Debütalbum steht mit „Sju Pulsarer“ nun bereits der zweite Release an. In unserem Interview dazu legt Sundin die Gründe für seinen Ausstieg aus Dark Tranquillity dar, geht auf den bewusst monotonen Sound seines zweiten Albums ein und verrät, weshalb die Platte nicht ganz die Rückkehr zur Gitarrenmusik darstellt, die sie zu sein scheint.

 

 

Die Coronapandemie hat die Welt immer noch fest im Griff und hat sich gravierend auf die Musikbranche ausgewirkt. Wie kommst du persönlich unter den derzeitigen Umständen zurecht?
2020 wird mit Sicherheit niemandes Lieblingsjahr sein. Der Alltag ist für die meisten von uns unendlich viel komplizierter, aber ich versuche, den stoischen Ansatz zu wählen und erkenne auch an, dass die aktuelle Situation im Vergleich zu den Härten, die die Menschheit historisch erlebt hat, nicht so schwerwiegend ist. Sicherlich ist es nicht ideal, ein Jahr oder länger isoliert zu sein, aber die meisten früheren Generationen mussten Krieg und Hungersnot ertragen sowie generell ein kürzeres und schmerzhafteres Leben führen. Außerdem ist dies nicht die letzte Pandemie. Es wird weitere geben, möglicherweise sogar noch schwerwiegendere, sodass dies in gewisser Weise nur eine Probe für die Zukunft ist. Was die Auswirkungen auf die Musikindustrie betrifft, so sind sie natürlich katastrophal. Ich persönlich glaube nicht, dass Tourneen und Festivals noch lange – wenn überhaupt jemals wieder – auf die alte Art und Weise stattfinden werden und dies war die Haupteinnahmequelle für die meisten professionellen Künstler.

Im März hast du deinen Ausstieg aus Dark Tranquillity bekanntgegeben und ihn mit dem zu ausgiebigen Touring begründet. Ging es dir dabei um die Umstände des Tourens per se oder um die Vereinbarkeit mit deinem Privatleben?
Beides, denke ich. Selbst in den 90er Jahren machte es mir keinen Spaß, so viel zu touren, und ich empfand es als ein notwendiges Übel. Natürlich habe ich im Laufe der Jahre tonnenweise großartige Erfahrungen mit Live-Auftritten gemacht und es ist ein Privileg, eine Fanbasis zu haben, die groß genug ist, um solche häufigen Reisen überhaupt zu ermöglichen, aber normalerweise fühlte ich mich schon nach ein oder zwei Wochen im Bus ausgelaugt. Die Ankündigung zu Beginn dieses Jahres war eigentlich nur ein Weg, um die Dinge offiziell zu machen; meine letzte richtige Tournee fand 2015 oder so statt und seit den Aufnahmen zu „Atoma“ habe ich mich nicht mehr wirklich um Bandangelegenheiten gekümmert (abgesehen von der Arbeit an den Artworks).

Vermisst du es, abseits deiner Artworks aktiver Teil der Band zu sein?
Es gibt Dinge, die ich ganz sicher vermisse, und es ist fantastisch, Teil der langen Reise von Dark Tranquillity gewesen zu sein, seit wir als ein Haufen Teenager angefangen haben, aber letztendlich war diese Entscheidung für mich und die anderen Jungs die beste. Dark Tranquillity brauchen Mitglieder, die so viel wie möglich touren wollen, und ich bin glücklicher, wenn ich mein eigenes Ding mache, bei dem ich die meiste Zeit mit dem eigentlichen Songwriting verbringe und nicht mit all der zusätzlichen Arbeit, die eine Vollzeit-Band mit sich bringt.

Ziehst du in Betracht, in Zukunft wieder in einer Band zu spielen, sofern diese weniger auf Tour ist?
Das ist möglich. Es ist großartig, als Band zusammenzuarbeiten und gemeinsam Musik zu machen, sowohl auf persönlicher Ebene als auch aus musikalischer Sicht. Gleichzeitig war ich die meiste Zeit meines Lebens ein Bandmitglied, sodass es sich ziemlich befreiend anfühlt, sich einfach darauf zu konzentrieren, in meinem Heimstudio kreativ zu sein, ohne über Proben, Logistik, Bandtreffen und so weiter nachdenken zu müssen.

Kommen wir auf dein Soloprojekt MITOCHONDRIAL SUN zu sprechen: Mit „Sju Pulsarer“ hast du nicht einmal ein Jahr nach dem Debüt schon ein zweites Album am Start. Wie hast du das so schnell geschafft?
Der Teufel schläft nicht! (lacht) Aber im Ernst: Es sieht von außen produktiver aus, als es wirklich der Fall ist. Das Debütalbum wurde mehr als ein Jahr vor seiner Veröffentlichung abgemischt und fertiggestellt und die Lieder wurden alle etwa sechs Monate davor aufgenommen, sodass ich etwa zwei Jahre Zeit hatte, um das Material zu „Sju Pulsarer“ zu entwickeln. Vielleicht wäre es aus kommerzieller Sicht besser gewesen, mit der Veröffentlichung des neuen Albums zu warten, da das Debüt noch nicht einmal ein Jahr auf dem Markt ist, aber die ganze Idee hinter diesem Projekt ist es, nicht zu viel über diese Sachen nachzudenken. Mir gefällt es, wie viele Bands in den 70er Jahren ziemlich schnell Alben veröffentlicht haben – Black Sabbath haben, wenn ich mich nicht irre, ihre ersten sechs Alben in fünf Jahren herausgebracht.

An dem Debüt waren einige Gastmusiker beteiligt. Hast du dir beim neuen Album auch assistieren lassen oder warst du diesmal ganz auf dich gestellt?
Das erste Album war sehr orchestral und brauchte Beiträge von Leuten, die Cello, Geige, Vibraphon und andere Instrumente spielen konnten, die ich selbst nicht beherrsche, aber die Art von Musik auf „Sju Pulsarer“ erfordert nicht viel Hilfe von außen. Anders Lagerfors leistete wieder einmal großartige Arbeit beim Mixing und Mastern des Albums, was ein wichtiger Faktor ist, aber es waren keine zusätzlichen Musiker als solche beteiligt.

Nachdem du auf dem Debüt von dem Instrument, für das man dich kennt, bewusst Abstand genommen hast, sind auf „Sju Pulsarer“ nun doch wieder Gitarren zu hören. Was hat dich nun doch wieder zur Gitarre hingezogen?
Nun… Die meiste Musik auf „Sju Pulsarer“ wurde auf der Gitarre geschrieben, aber das meiste, was man auf dem Album hört, sind eigentlich verzerrte Synthesizer. Ich denke, das ist sowohl ein interessanter Ansatz aus der Produktionsperspektive als auch etwas, das dem Projekt hilft, sich abzuheben und etwas von der Norm abzuweichen. Ich wollte die menschliche Komponente so weit wie möglich loswerden, um das Gefühl von gewaltigen interstellaren Stürmen und kosmischen Kataklysmen hervorzurufen, anstatt wie ein „alter Knacker im Studio“ zu klingen, und in diesem speziellen Kontext bevorzugte ich die maschinenähnliche Natur der Synthesizer-Gitarren, da sie wirklich zur allgemeinen Ästhetik passen. Aber um deine Frage zu beantworten: Es hat mich wirklich inspiriert, die Gitarre wieder zum Komponieren zu benutzen – sie ist schließlich mein Hauptinstrument.

Stilistisch bewegst du dich hier allerdings nicht im Melodic Death Metal, sondern eher im (Post-)Black Metal. Wolltest du hier Ideen umsetzen, die bei Dark Tranquillity nicht gepasst hätten?
Es gibt keinen Masterplan, außer dem Versuch, mich selbst herauszufordern und Musik zu schreiben, die ich noch nie zuvor gemacht habe. Einige der Melodien und Riffs hätten wahrscheinlich im Kontext von Dark Tranquillity funktioniert (wenn auch mit einigen Anpassungen), aber der repetitive und dröhnende Charakter der Arrangements und des Gesamtstils würde sich fehl am Platz anfühlen.

Auf der ersten Platte hast du allerlei neue Sachen ausprobiert, die du dir erst einmal selbst beibringen musstest. War auch das neue Album für dich mit einem Lernprozess verbunden, obwohl du diesmal wieder mit der Gitarre gearbeitet hast?
Es gibt immer ein gewisses Element des Lernens, aber im Vergleich zum Debütalbum war alles einfacher. Da der Sound viel „metallischer“ ist, hatte ich schon viel Erfahrung aus der Zeit in Dark Tranquillity. Außerdem waren die Songs selbst nicht so komplex. Auf dem Debütalbum gab es manchmal sehr viele Dinge gleichzeitig – Cello, Klavier, Schlagzeug, viele verschiedene Samples und Keyboardpads – und es dauerte lange, alles richtig zu arrangieren und kein Chaos daraus zu machen. Die Grundelemente von „Sju Pulsarer“ sind einfacher. Es gibt immer noch eine Menge vielschichtiges atmosphärisches Zeug, aber ich habe versucht, alles zu entfernen, was nicht ganz notwendig war.

Wird die Gitarre auch auf deinen zukünftigen Alben wieder eine Rolle spielen?
Definitiv – aber es bleibt abzuwarten, ob MITOCHONDRIAL SUN das richtige Ventil ist, oder ob es sinnvoller ist, ein komplett gitarrenbasiertes Metal-Album unter einem anderen Namen zu veröffentlichen (und es vielleicht tatsächlich zu einer Band und nicht zu einem Solo-Projekt zu machen). Die Zeit wird es zeigen.

Im Gegensatz zu dem sehr eklektischen Debütalbum klingen die Songs auf „Sju Pulsarer“ sehr einheitlich, was sich auch darin widerspiegelt, dass sie (bis auf eine Ausnahme) alle denselben Titel tragen. Was war die Grundidee hinter dieser geradlinigen Herangehensweise?
Es geht darum, jedes Mal etwas Anderes zu machen. Bei dem Debütalbum wollte ich, dass jedes Lied seinen eigenen Stil und Klang hat und wie eine kleine Welt in sich selbst ist. Jedes Lied hatte seinen eigenen kompositorischen Ansatz, eine einzigartige Klangpalette und so weiter. Diesmal wollte ich etwas schaffen, das fokussiert und einheitlich ist und in einem Zug erlebt werden sollte. Ich wollte auch, dass es sich mehr „bandähnlich“ anfühlt, indem die grundlegenden Instrumentenklänge das ganze Album über gleich klingen sollten.
Ich mochte schon immer Platten, die nur auf eine Sache abzielten, das aber wirklich überzeugend. Alle Alben, an denen ich bisher mitgewirkt habe, haben versucht, eine Menge Variation zu vermitteln. Man mischte das Schnelle mit dem Langsamen, die langen Lieder mit den kürzeren und so weiter – alles mit der Idee, ein dynamisches und angenehmes Hörerlebnis zu schaffen, bei dem ständig genügend Dinge passieren, um den Hörer bei Laune zu halten. Diesmal suchte ich eher nach einem gezielten Schwerpunkt, bei dem alle Tracks in die gleiche Richtung gehen und die Musik schonungslos und überwältigend anstatt angenehm sein kann. Abgesehen davon gibt es immer noch viele Melodien, die ziemlich eingängig sind.

Nun könnten einige das Album aus diesem Grund für zu monoton halten oder ein konkret angestrebtes Ziel vermissen. Wie denkst du über solche potentiellen Reaktionen?
Das ist eine Reaktion, die ich erwarte – es ist eintönig und das ist beabsichtigt. Hätte es zwei bis drei langsamere Lieder, regelmäßigen Gesang und weniger Wiederholungen gegeben, hätte das Album ein breiteres Publikum angesprochen. Allerdings wäre es dann etwas völlig Anderes und – meiner Meinung nach – weniger interessant.
Ein Teil der Inspiration für die hypnotischen und sich wiederholenden Anlehnungen kam von alten Krautrock-Bands, die fünf Minuten lang denselben Akkord und denselben Beat spielen konnten – man taucht völlig in die Musik ein – und wenn dann endlich eine Veränderung eintritt, schlägt es einen wie eine Tonne Backsteine. Zum Beispiel hat „Pulsar 1“ eine Endsequenz, in der die gleichen Akkorde über einen langen Zeitraum immer wieder wiederholt werden, mit nur minimalen Änderungen im Hintergrund. Als Zuhörer erwartet man, dass nach jeder Runde etwas Neues passiert, was ein etwas unbehagliches und klaustrophobisches Gefühl erzeugt, wenn es nicht geschieht. Wenn die „Auflösung“ schließlich in Form der Sci-Fi-Melodie gegen Ende kommt, fühlt sie sich triumphal und euphorisch an, wie eine große Entladung. Das ist die Empfindung, die ich ergründen wollte – ein Wechselspiel zwischen hypnotischer Wiederholung, unangenehmer Spannung und kulminierender Befreiung. Für mich ist das im Moment interessanter, als regelmäßige Strophen-Bridge-Refrain-Songs zu machen (obwohl ich auch einfache und eingängige Musik liebe). Es ist auch das erste Mal, dass ich Moll- und Dur-Töne in diesem Umfang gemischt habe, was dazu geführt hat, dass einige Riffs ein seltsam erhebendes Gefühl und eine ungewöhnliche Tonalität haben. Aber für einige Leute klingt es definitiv „falsch“, dies mit heftigen Drums und viel Verzerrung zu kombinieren.
Mit all dem im Hinterkopf ist es offensichtlich, dass das Album nicht jedermanns Sache sein wird und das ist völlig in Ordnung. Für diejenigen, deren Geschmack dem meinen ähnelt und die eine gewisse Schrulligkeit in der Musik mögen, denke ich, dass es ein großartiges Album ist.

Wie bereits angedeutet, findet sich auf dem Album mit „Noll Och Intet“ aber auch ein Stück, das aus dem Rahmen fällt und fast wie ein Überbleibsel des ersten Albums wirkt. Was hat es damit auf sich?
Nach sieben Tracks voller Chaos dachte ich mir, dass dieses Stück eine Möglichkeit ist, die Sinne ein wenig zu beruhigen. Ich war mir eigentlich nicht sicher, ob ich es aufnehmen sollte oder nicht, da es in gewisser Weise der Idee eines kurzen und zu 100 % intensiven Albums widerspricht, aber letztendlich schien es einfach zu passen. Die Musik selbst basiert auf einigen der Melodien in den vorherigen Stücken, die in umgekehrter Reihenfolge gespielt werden, aber es ist wahrscheinlich unmöglich, sie zu hören, da der Klang so stark nachbearbeitet und luftig ist.

In unserem letzten Interview erwähntest du, dass du geplant hast, noch in diesem Jahr ein zweites und drittes Album zu veröffentlichen, wobei eines wie das Debüt und das andere ganz anders klingen sollte. Kannst du uns schon etwas Genaueres über das kommende dritte Album verraten?
Das „ganz andere“ Album entwickelte sich zu „Sju Pulsarer“. Was das andere Material betrifft, so ändere ich ständig meine Meinung, da ich mir nicht sicher bin, wie ich es genau präsentieren soll. Es könnte zwei bis drei EPs statt eines Albums in voller Länge geben, da die Lieder extrem unterschiedlich sind (von eingängiger Easy-Listening-Electronica bis hin zu dem, was man am besten als Industrial Noise beschreiben kann), sodass es vielleicht nicht optimal ist, sie auf ein und derselben Veröffentlichung zusammenzustellen. Wie dem auch sei, die Musik ist mehr oder weniger fertig und sollte auf jeden Fall im nächsten Jahr in irgendeiner Form veröffentlicht werden.

Zum Abschluss noch ein kurzes Brainstorming. Was assoziierst du mit den folgenden Dingen?
Musikgenres: Wahrscheinlich heute weniger relevant als früher. Wenn sich jeder in Sekundenschnelle alles anhören kann, braucht es weniger Genredefinitionen, damit die Leute im Voraus wissen, was sie bekommen.
Konzeptalbum: Normalerweise hit or miss. Sabbats „Dreamweaver“ ist mein Favorit, obwohl es sich sehr eng an das Buch anlehnt, auf dem es basiert (im Gegensatz zu abstrakteren Konzeptalben).
US-Präsidentschaftswahl: Normalerweise gebe ich in Interviews keine gesellschaftspolitischen Kommentare ab, da es bereits genug Musiker gibt, die genau das tun, aber meine Antwort würde lauten, dass das Land unabhängig vom Ausgang sehr gespalten bleibt. Ich hoffe auf das Beste, aber ich bin Zyniker genug, um keine Wunder zu erwarten.
„Never change a running system“: Für einige Bands oder Projekte ist das großartig. Viele meiner Lieblingsbands haben einen ganz eigenen Stil, der sich nicht viel ändert, während andere jedes Mal etwas Neues schaffen.
Abstrakte Kunst: Einige meiner Lieblingsbilder würden in die Kategorie „abstrakt“ eingeordnet werden, aber ich gebe zu, dass ich mich in jüngeren Jahren mehr dazu hingezogen gefühlt habe.
Derzeitiges Lieblingsalbum: Es wechselt wöchentlich, aber „Rex“ von Vampire wäre meine aktuelle Wahl. Davor war es Romes „The Lone Furrow“.

Dann sage ich zum Abschluss vielen Dank für dieses Interview. Wenn du noch ein paar Worte an die Leser richten möchtest, kannst du das nun gerne machen:
Herzlichen Dank für das Interview! Eure Leserinnen und Leser sind natürlich herzlich eingeladen, sich das neue Album zu Gemüte zu führen.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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