Review Mitochondrial Sun – Mitochondrial Sun

  • Label: Argonauta
  • Veröffentlicht: 2020
  • Spielart: Electronic

Spätestens seit ihrem im Jahr 1999 veröffentlichten, vierten Album „Projector“ spielen die schwedischen Melodic-Death-Metal-Vorreiter Dark Tranquillity in ihren Songs immer wieder gern mit elektronischen Elementen. Dass sich inzwischen eines ihrer Mitglieder mit einem (beinahe) gänzlich den synthetischen Klängen gewidmeten Musikprojekt selbstständig gemacht hat, kommt daher nicht allzu überraschend. Was jedoch wohl nicht jeder kommen gesehen haben dürfte, ist, dass hinter ebenjenem Electronic-Outlet mit dem Namen MITOCHONDRIAL SUN nicht etwa Keyboarder Martin Brändström, sondern Gitarrist Niklas Sundin steckt, der das Projekt gründete, um während einer Auszeit von seiner Hauptband kreativ zu bleiben und sich in neue Sound-Gefilde vorzuwagen.

Wie von einem Künstler seines Kalibers zu erwarten, handelt es sich bei dem selbstbetitelten Album, das bei Sundins Solotrip herausgekommen ist, um weit mehr als ein halbgares Experiment zum Zeitvertreib. Vielmehr ist jedes Stück, das der Einzelmusiker für MITOCHONDRIAL SUN kreiert hat, ein sowohl in sich als auch im Kontext des Albums absolut schlüssiges, gut durchdachtes Klangkunstwerk – und das, obwohl die Stilistik von Track zu Track und manchmal auch innerhalb der vollkommen gesanglosen Stücke in ungeahnte Richtungen umschwenkt.

So fängt das Album mit einem schwermütigen Pianoarrangement („Ur Tehom“) an, das bereits seit 1992 ungenutzt in Sundins Archiv auf seinen Einsatz gewartet hatte, und wartet in weiterer Folge mit tristem Cello („Chronotopes“) und sogar urtümlicher Tribal-Perkussion auf („Arkadia“). Ist die organische Instrumentierung auch keineswegs als bloßes Beiwerk, sondern sehr wohl als integraler Bestandteil der jeweiligen Songs anzusehen, so ist MITOCHONDRIAL SUN in seinem Kern doch ein Ausfluss elektronischer Musik, sodass sich Sundin vor allem in der Soundgestaltung des Albums überaus einfallsreich zeigt.

So klingt etwa „Braying Cells“ durch seine unheilvollen Synthesizer tatsächlich wie die Vertonung des im Titel angedeuteten Zellensterbens, wohingegen „Nyaga“ den Hörer mit quirligen Beats und Electro-Sounds in Beschlag nimmt und sanftere Nummern wie das verträumte „The Void Begets“ und das spacig-friedliche „Entropy‘s Gift“ durch die Weiten des Ambient-Kosmos driften. Auf dem harsch dröhnenden, ehrfurchtgebietenden und unheilvollen „The Great Filter“ verschiebt MITOCHONDRIAL SUN seinen Standpunkt im Ambient zuletzt gekonnt in Richtung Industrial und bringt das überdies hervorragend abgemischte, detailorientiert produzierte Album auf wahrhaft eindrucksvolle Weise zu Ende.

Mit „Mitochondrial Sun“ ist Niklas Sundin eine einmalige Kombination aus althergebrachter Instrumentierung und futuristischem Sounddesign gelungen, die berührt, erschüttert und fasziniert. Selbst die wenigen vergleichsweise unscheinbaren Stücke („The Void Begets“) tragen nicht unwesentlich zu dem breit gefächerten Stimmungsspektrum der Platte bei, sodass man sich im Zuge der dreiviertelstündigen Laufzeit nicht ein einziges Mal langweilt. Man kann also nur hoffen, dass Sundin neben seiner Tätigkeit als Leadgitarrist bei Dark Tranquillity auch in Zukunft noch Zeit finden wird, sich MITOCHONDRIAL SUN zu widmen und die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung weiter auszuloten. Ein solches Album verdient einen Nachfolger!

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Wertung: 8 / 10

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