Interview mit Tom Gabriel Fischer von Triumph Of Death (Teil 2/2)

Mit TRIUMPH OF DEATH hat Tom Gabriel Fischer 2018 ein Tribute-Projekt für HELLHAMMER angekündigt – nun stehen bald die ersten Auftritte ins Haus. Warum er sich des Erfolgs von TRIUMPH OF DEATH keineswegs sicher ist und was ihn trotz aller Zweifel dazu bewogen hat, das Projekt ins Leben zu rufen, verrät er in diesem zweiten Teil unseres großen Interviews.

Teil 1 des Interviews dreht sich um die einzigartige Roadburn-Show, TRIPTYKON und, wenngleich es dem stets bescheidenen Fischer kaum recht ist: seine Verdienste um die Szene.

2018 hast du bekanntgegeben, dass du das Material von HELLHAMMER mit dem Tribute-Projekt TRIUMPH OF DEATH auf die Bühne bringen wirst. Gab es zuvor noch Pläne, Martin zu involvieren, oder ist das erst nach seinem Tod aufgekommen?
Ich weiß nicht, ob Martin mitgemacht hätte, aber ich habe es ihm erzählt, als ich diese Idee hatte – das war glaube ich 2013, als wir am zweiten TRIPTYKON-Album gearbeitet haben. Damals habe ich das erste Mal mit Michael Zech darüber gesprochen. Martin und ich haben uns damals alle paar Monate getroffen, ich habe es ihm erzählt und er hatte keine Einwände. Du musst aber auch sehen, dass Martin ja erst in den letzten Monaten von HELLHAMMER bei uns eingestiegen ist. HELLHAMMER war ja eigentlich schon eine existierende Band mit Demos und allem. Das meine ich überhaupt nicht respektlos Martin gegenüber, aber wenn ich jemanden eingeladen hätte, wäre es Steve Warrior gewesen, mit dem ich die Band gegründet hatte.

Aber Steve Warrior hatte ein extrem schwieriges Leben, das sieht man ihm jetzt auch an, und gemäß seinen eigenen Aussagen kann er unmöglich Bass spielen. Ich will da nicht zu viel sagen, aber er ist schon sehr abgestürzt. Wenn ich ihn sehe, tut es mir sehr weh. Deswegen ist es wahrscheinlich unmöglich. Ich werde ihn fragen, ob er bei gewissen Festivals einen Song singen möchte, aber ich weiß nicht einmal, ob er das fertigkriegt. Aber Steve Warrior, der damals der einzige war in unseren Käffern, der mit mir mitgezogen ist, und genauso radikal und fanatisch war und mit mir HELLHAMMER gegründet hat, als niemand mit mir spielen wollte – ihm verdanke ich eigentlich, dass ich heute hier bin, und dass du oder Gunnar solche Worte wie Legende in den Mund nehmt. Das verdanke ich eigentlich alles Steve Warrior. Martin hatte die gleiche Rolle bei CELTIC FROST. Aber bei HELLHAMMER war Martin halt erst zum Schluss dabei. Wenn ich an HELLHAMMER denke, sind es schon primär ich und Steve Warrior. Dass ich Steve nicht wirklich daran beteiligen kann, tut mir schon weh. Aber das ist seinen eigenen Aussagen gemäß kaum möglich.

„HELLHAMMER kann man nicht wieder einfach hier herstellen

und so tun, als wäre keine Zeit vergangen.“

Aber du hast ihn auch gefragt, wie er zu dem Projekt steht?
Ich habe ihm gesagt, dass ich es machen will – ich habe es auch Bruce Day [alias Denial Fiend – A. d. Red.] gesagt, dem damaligen Schlagzeuger. Der hat nur gesagt: Machs aber authentisch, und so weiter. Der hat eine Tauchschule in Indonesien und spielt auch kein Instrument mehr. Es geht ja auch nicht um eine Reunion. HELLHAMMER kann man nicht wieder einfach hier herstellen und so tun, als wäre keine Zeit vergangen. HELLHAMMER waren so ein Produkt ihrer Zeit. Aber ich hätte diese Leute sicher als Gäste auf die Bühne gebeten. Ich habe das den Leuten und Martin gesagt, und ich hätte es sicher nicht gemacht, wenn jemand gesagt hätte: Tom, ich finde das aus diesem und diesem Grund keine gute Idee. Das wäre mir schon schwer gefallen, das gegen den Widerstand eines damaligen Mitglieds zu tun.

© unbekannt

In unserem letzten Interview 2014, als ihr wieder angefangen habt, mit TRIPTYKON Songs von HELLHAMMER live zu spielen, hast du gesagt: Wir machen das nicht inflationär oder für Geld. Sondern wir machen’s, wenn es uns richtig erscheint. Deshalb haben wir das bisher auch selten gemacht und werden das auch selten halten. Was hat sich seitdem geändert, dass du dich für dieses Tribute-Projekt entschieden hast?
Wir machen es ja auch nicht inflationär: Es gibt keine gigantische Tour wie bei CELTIC FROST. Wir machen es genau dann, wenn es uns richtig erscheint. Wir spielen zum Beispiel ein winziges Festival in Italien. Weil die Leute, die das machen, uns einfach richtig true eingefahren sind. Die zahlen fast nichts, aber das ist das richtige Event für diese Musik. Es geht nicht darum, das jetzt in jeden Club zu bringen. Und mir war auch wichtig, das mit den richtigen Leuten zu machen. Ich will keine Söldner, die das machen, weil sie dafür Publicity bekommen oder eine Gage. Die Leute, die in TRIUMPH OF DEATH involviert sind, sind alle Freunde, die ich seit Jahren kenne. Denen traue ich auch, dass sie das ehrlich meinen. Es geht wirklich nicht darum, das inflationär zu machen. Wir haben uns den Grundsatz gesetzt, nur Konzertangebote anzunehmen, wo wir denken, dass wir Spaß haben. Wir haben inzwischen auch ich weiß nicht wie viele Vorschläge für Konzerte abgelehnt: Wenn ich merke, dass es quasi für den Scheck wäre … ich meine, klar, ich muss auch meine Rechnungen zahlen, wie jeder andere, aber HELLHAMMER würde da dann nicht reinpassen. HELLHAMMER war genau nicht Geld. Es gibt Realitäten in der Industrie, aber ich habe meinen Beruf in TRIPTYKON. Ich bin nicht darauf angewiesen, HELLHAMMER-Songs verschachern zu müssen. Ich habe den Luxus, diese Musik dann zu spielen, wenn wir vier das Gefühl haben, es ist das Richtige. Auf dieser Seite habe ich noch das Projekt NIRYTH, und TRIPTYKON, was ja ein sehr großes Projekt ist … also ich bin wirklich nicht in einer Zwangssituation.

© Jozo Palkovits

„Niemand wollte uns die Bühne geben.

Mit derselben Musik spielen wir jetzt vor Zehntausenden.“

Du hast ja schon angesprochen, dass HELLHAMMER für euch in den Anfangstagen von CELTIC FROST fast eine Belastung war, weil ihr damals nicht ernst genommen wurdet. Bereitet es dir aus heutiger Sicht Genugtuung, dass du mit den Songs jetzt solchen Erfolg hast?
Oh absolut! Absolut! Natürlich. Ich würde lügen … Ich meine, wir haben damals mit HELLHAMMER beispielsweise versucht, in der Nähe von Zürich ein Konzert zu spielen. Niemand wollte das für uns veranstalten, niemand wollte uns die Bühne geben. Deswegen hat HELLHAMMER nie live gespielt. Und hätten wir gespielt, wären wahrscheinlich zehn Leute gekommen – die auch sonst in den Proberaum gekommen sind. Und jetzt spielen wir allein in Wacken vor einem Publikum, das X-mal größer ist als das größte Stadion, das Zürich hat – wo Led Zeppelin und solche Bands gespielt haben. Mit genau denselben Songs. Es hat sich überhaupt nichts geändert, es gibt kein Musikvideo, nichts. Mit derselben Musik spielen wir jetzt vor Zehntausenden. Natürlich ist das eine Befriedigung. Das ist quasi der Stinkefinger an all die Leute, die uns damals verlacht haben. Aber das ist nicht der antreibende Punkt. Das ist einfach ein netter Nebeneffekt.

Wie erklärst du dir denn dieses Interesse, das heute an solchen Reunion- oder Tribute-Projekten besteht, wo es doch so viele junge, neue Bands gibt?
Das muss ich ganz anders beantworten: Ich weiß gar nicht, ob Interesse da ist. Ich meine, dieses Projekt TRIUMPH OF DEATH macht uns Spaß, aber ich weiß nicht, ob sich das auch auf’s Publikum überträgt. Ich war beispielsweise schockiert: Ich hatte HELLHAMMER immer als Extreme-Metal-Band im Hinterkopf. Zwar als primitive Band, als Frühversion, quasi ein Prototyp – aber schon als Metal-Band. Jetzt, wo wir die Songs regelmäßig spielen, fällt uns allen auf, dass die eigentlich viel, viel punkiger sind als „metal“. Die sind schon sehr primitiv: Es gibt da Songs, die bestehen aus zwei Riffs über fünf Minuten. Das Gegenteil dessen, was heute angesagt ist, Death Metal und all das Zeug.

Ich habe da schon gewisse Bedenken: Ist das noch zeitgemäß, wenn wir da zwischen all diesen Bands auf dem Hellfest auf die Bühne gehen? Oder fallen wir damit gravierend auf die Schnauze? Ich kann dir das noch nicht sagen, ob das wirklich funktioniert – ich kann dir die Frage nicht beantworten. Ich weiß nicht, ob das Interesse, weil du danach fragst, überhaupt existiert. Nach der Warm-Up-Show in Frankfurt werden wir einen ersten Eindruck haben, ob wir uns gleich grausam blamieren und riesige Schulden einfahren, weil wir uns einen Tourbus geleistet haben und ich das nachher aus eigener Tasche bezahlen muss, oder ob andere Leute genauso Spaß daran haben, einfach unkompliziert mal wieder Musik aus den frühen 80er-Jahren zu hören, wie sie damals eben war.

Hätten sie Interesse, wäre für mich auch schwer, zu definieren, woher das käme. Ich kann nur von mir sprechen, als ich Metal-Fan wurde, Anfang der 70er-Jahre, hat mich die Vorgeschichte von all diesen Bands, die ich da entdeckt habe – U.F.O., Rainbow und all das Zeug – extrem fasziniert. Ich bin dann graben gegangen, das war noch schwieriger damals, ohne Wikipedia, aber ich habe die ganzen frühen Alben auch gehört, die ersten, wo die Bands noch völlig anders geklungen haben – vielleicht geht es den Fans heute auch so. Es gibt ja sogar unzählige Bands, die diesen Stil gerade auch neu definieren, wie etwa Stallion. Ich finde das super. Es muss ja nicht alles in die komplizierte Richtung gehen.

„Wir spielen heute diese Songs und sie kommen mir
heute anders vor als damals.“

Macht es dir aber auch etwas Angst, dass die alten Fans von damals vielleicht sehr kritisch sind?
Angst nicht, aber das Bewusstsein habe ich natürlich. Es gibt einen Freund von mir, der ist sehr dogmatisch. Das ist effektiv einer derer, die damals in den HELLHAMMER-Proberaum kamen und das noch richtig erlebt haben. Und für mich war es irgendwie wichtig, quasi seinen Segen dafür zu kriegen. Ich wusste nicht, ob er mir den gibt – überraschenderweise hat er mir den gegeben, aber er war auch sehr kritisch und meinte: Du musst das schon richtig machen, das muss absolut true sein. Das ist nicht Angst, aber schon eine Verpflichtung – ich weiß nicht, ob ich dem so gerecht werde, wie er sich das vorstellt. Ich kann das auch verstehen, das ist ja auch eine verklärte Erinnerung. Wie gesagt, ich hatte selbst eine andere Erinnerung, wir spielen heute diese Songs und sie kommen mir heute anders vor als damals. Wahrscheinlich wird das bei ihm genauso sein, jeder hat da seine subjektiven Erfahrungen. Ritchie Blackmore sieht das erste Deep-Purple-Album vermutlich auch anders als ich das sehe und so weiter.

Du selbst hast in all den Jahren seitdem wahnsinnig viel Musik gemacht, viel dazugelernt, als Musiker und Komponist – wenn du dir heute diese Songs wieder drauf schaffst: Juckt es da nicht in den Fingern, da etwas dran zu feilen, sie etwas aufzupolieren?
Nein, zu dieser Fraktion gehöre ich gar nicht. Ich stehe dem extrem kritisch gegenüber. So gewisse kultige Thrash-Metal- oder frühe Black-Metal-Bands, die jetzt ihre Alben neu aufnehmen – das finde ich ganz furchtbar. Auch Manowar zum Beispiel. Jeder kann natürlich machen, was er will, aber du kannst einen Klassiker, der zwar technisch unperfekt ist, aber der von einem Feeling lebt, das man eben nicht rekreieren kann. Du kannst den nicht einfach perfekt aufnehmen gehen, mit der aktuellen Studiotechnik. Das halte ich für einen absoluten Leerlauf und es ist auch ein kreativer Bankrott. Ich möchte jetzt relevant sein, und nicht meine Sachen von 1982 im Studio nochmal aufwärmen, als wäre es neue Musik.

„HELLHAMMER-Songs neu aufzunehmen wäre ein Frevel, Blasphemie.
Eine künstlerische Bankrotterklärung.“

Also wird da auch nichts kommen von TRIUMPH OF DEATH?
Nein. Deswegen habe ich immer gesagt: Wenn TRIUMPH OF DEATH etwas rausbringt, dann eine Live-Aufnahme. Aber wir werden jetzt sicher nicht anfangen, HELLHAMMER-Songs neu aufzunehmen. Nein, das wäre ein Frevel, Blasphemie. Eine künstlerische Bankrotterklärung.

Heute schreiben die meisten Bands ihre Songs ja in Tabulatur-Tools nieder, haben da alle Spuren exakt aufgeschrieben. Hattet ihr die HELLHAMMER-Sachen damals auch exakt ausnotiert, oder wie seid ihr da rangegangen?
Null. Ich würde mal sagen, ein Viertel oder Drittel hatten wir noch im Gedächtnis, einen großen Teil mussten wir wie jeder andere Fan von den Aufnahmen transkribieren. Dabei war mir Mia, die Bassistin, eine riesige Hilfe. Überhaupt war sie die treibende Kraft hinter dem Projekt. Ich hatte ihr das erzählt, weil wir uns ja sehr oft sehen, weil wir bei NIRYTH zusammenarbeiten, und sie mir auch hinter den Kulissen bei TRIYPTYKON viel hilft. Ich hatte ihr das irgendwann erzählt und sie fand das genial und meinte: Du musst das machen. Irgendwann habe ich sie dann gefragt: Wenn ich das jetzt wirklich mache – spielst du Bass? Weil ich wusste, dass sie die Richtige ist. Sie hatte genau diese attitude. Und sie hat sich darin dann auch nicht gesonnt, sondern sie hat dann sofort angefangen, zu Hause diese Songs zu transkribieren, hat mir die Noten geschickt, gefragt, ob das so stimmt – und mir damit zu einer Zeit, als ich total tief im Requiem steckte, extrem viel Arbeit von den Schultern genommen. Sie hat dann zusammen mit dem Schlagzeuger einen Proberaum in Mailand gemietet und die Songs nur mit Bass und Schlagzeug geprobt, damit ich nicht so viel Zeit investieren muss. Also ohne sie hätte ich das gar nicht machen können. Aber wir hatten genau diese Arbeit wie jeder andere, um diese Songs wieder von den Toten zu erwecken.

Du hast auch mal gesagt, dass dir HELLHAMMER zwar immer wichtig war, aber weniger musikalisch als persönlich …
Musikalisch gibt das ja nicht so viel her – und ich meine das nicht respektlos. „Sweet Torment“, das sind zwei Riffs! Ich wusste damals offenbar gar nicht, wie man einen Song arrangiert.

Aber würde dich eine Band, die so etwas heute macht, noch mitreißen, oder ist das eine Sache aus der Zeit?
Ja, natürlich. Wie gesagt, ich bin kein technischer Musiker. Ich bin kein erlauchter, studierter Musiker. Ich höre Musik nach dem Bauchgefühl, nach dem Instinkt, nach der Intuition. Für mich ist extrem wichtig, die Leidenschaft in der Musik zu hören. Und das kann sowohl etwas Kompliziertes sein wie etwas Primitives. Ich finde Discharge ist immer noch eine der geilsten Bands, und die haben genauso nur ein bis zwei Riffs pro Song benutzt damals. Das ist für mich davon völlig unabhängig. Ja, HELLHAMMER ist musikalisch extrem primitiv, aber wenn ich bestimmte Songs spiele – „Blood Insanity“ beispielsweise, oder „Maniac“ oder „Triumph Of Death“ –, spüre ich schon den Drang oder Fanatismus von damals, der ist noch voll drin. Und die klingen dann auch magisch. Unserer Meinung nach leben die auch wirklich. Das muss nicht alles auf technischer Basis sein.

Du hast das Projekt dann auch TRIUMPH OF DEATH genannt – wie kam es dazu?
Ich hatte diesen Namen natürlich seit Jahren im Kopf, seit ich diese Idee hatte. Ich nenne das sicher nicht HELLHAMMER und belüge die Fans und tu so, als wenn es eine Reunion wäre, obwohl es keine ist. Wir haben das sogar in unserem Konzertvertrag stehen, dass wir aussteigen, wenn ein Konzertveranstalter das missbräuchlich verwendet und nur HELLHAMMER schreibt. Das ist zweimal geschehen, zum Beispiel beim Brutal Assault haben wir gesagt: Okay, wir ziehen uns zurück, weil die zuerst geschrieben haben: HELLHAMMER. Das hat mich maßlos geärgert, weil ich verarsche meine Fans nicht.

Im aktuellen Billing steht ihr aber noch – spielt ihr dann da gar nicht?
Doch, wir spielen. Weil sie mir eine sehr lange E-Mail geschrieben haben, sich in aller Form entschuldigt haben, das sofort korrigiert und sogar einen Press-Release gemacht haben. Da haben wir gesagt: Wenn ihr so zu eurem Fehler steht und euch entschuldigt, kommen wir zurück. Aber ich habe diese Klausel erwirkt, weil ich ehrlich sein will – es geht nicht darum, die Fans zu verarschen und ewig Kohle zu machen, sondern wenn ich etwas mache, muss es schon ehrlich sein. Zum Namen: Wie willst du es sonst nennen …

„Künstlerisch ist TRIPTYKON natürlich erfüllender.
TRIPTYKON ist mein Leben.“

Heute seid ihr hier mit TRIPTYKON – wie schwierig ist es für dich, da zu switchen? Die enorme Belastung mit dem Requiem, daneben das HELLHAMMER-Tribute-Projekt – wäre es da nicht einfacher gewesen, heute mit TRIUMPH OF DEATH hier aufzutreten?
Das geht gar nicht, weil die Mia dieser Tage in Erfurt und Nürnberg als Bassistin von Kirlian Camera spielt. Es würde also gar nicht gehen, selbst wenn ich es wollte. Aber TRIPTYKON ist natürlich schon meine Leidenschaft. Ich habe enormen Spaß mit TRIUMPH OF DEATH, diese Leute sind eine richtige Familie, diese kleine Band, und ich genieße es unendlich, diese Musik einfach nur zum Spaß zu spielen, ohne Druck, mit diesen extrem genialen Leuten. Aber künstlerisch ist TRIPTYKON natürlich erfüllender, auch wenn es ernster ist und darauf ein viel größerer Druck lastet. Sonst hätte ich die Band nicht gegründet. TRIPTYKON ist mein Leben. Ich spiele extrem gerne hier im Backstage, ich spiele extrem gerne hier mit TRIPTYKON. Zudem ist es noch das Bundesland, aus dem unser Gitarrist und unser Schlagzeuger kommen – das ist schon speziell für mich.

Triptykon beim Dark Easter Metal Meeting 2019. © Christoph Emmrich / Metal1.info

Das switchen ist nicht so schwierig – die TRITPYKON-Musik kommt direkt von HELLHAMMER. Bei gewissen Sachen glaube ich hat TRIPTYKON noch eine engere Beziehung zu HELLHAMMER als CELTIC FROST das hatte. Wenn man zum Beispiel „Altar Of Deceit“ hört, der hat sehr viel HELLHAMMER-Flair drin. Wo ich lachen musste, wegen dem Switch, war beim Soundcheck zum Requiem: Wir haben auf dieser Bühne im leeren Saal das ganze Requiem durchgespielt, und dann habe ich zu meiner Band gesagt: Es ist schon absurd – auf der einen Seite spiele ich quasi die Musik von 1982, die ja eben aus zwei Riffs besteht, andererseits spielen wir hier mit dem Requiem das absolute Gegenteil – und das quasi in der gleichen Woche. Das ist schon freaky.

Spielt ihr mit TRIPTYKON dann eigentlich auch noch HELLHAMMER-Songs?
Ja ja, schon, aber wir waren da ja immer sehr vorsichtig und respektvoll – wir spielen ab und zu einen HELLHAMMER-Song, wir spielen zum Beispiel sehr gerne „Messiah“, bei ganz speziellen Gelegenheiten spielen wir auch „Triumph Of Death“, das haben wir bisher zweimal gemacht. Aber TRIPTYKON vertritt schon das Erbe von CELTIC FROST, zu einem sehr großen Teil, wir spielen ungefähr Halb-Halb – aber ich will nicht, dass TRIPTYKON vollkommen zur Coverband verkommt. TRIPTYKON soll durchaus auch eine relevante, kontemporäre Band sein, auch wenn wir das Erbe von CELTIC FROST weiterführen. Deswegen: Alles in Maßen.

„Ich bin nicht der Papst oder ein Politiker.
Ich bin nur Tom.“

Zum Abschluss noch ein Thema abseits der Musik: Über deinen privaten Facebook-Account postest du sehr viel Tierschutz-Content …
Natürlich!

Du bist selbst Veganer?
Ja. Ich bin vor ungefähr zehn Jahren Vegetarier geworden. Das war nicht einfach, aber wenn man mal den Schritt gemacht hat, und bemüht, sein Hirn zu benutzen, habe ich mich danach für jede Sekunde geschämt, die ich das nicht gemacht habe. Da war der nächste Schritt Verpflichtung und auch extrem einfach. Wenn man mal diese Transition gemacht hat, wenn man sich informiert – und das ist heute sehr einfach – und nicht nur blind durchs Leben geht und sagt: Die Gefühle und das Leben von anderen Geschöpfen sind mir scheißegal, solange ich mein Ego füttere … wenn man das nicht will, wird es plötzlich ganz ganz einfach. Und danach lebt es sich auch viel besser. Dann ist es auch keinerlei Verzicht! Das ist es sowieso nicht. Es gibt heute schon so viel mehr Angebote und Produkte und es werden jeden Monat mehr!

Es ist heute eigentlich sowas von einfach, diesen Schritt zu machen. Ich wollte nicht mehr Teil sein von diesem gigantischen Holocaust – von dieser Geschöpf- und gefühlsverachtenden Vernichtungsindustrie, die sich einen Dreck darum schert, wie Tiere durch Europa gekarrt werden oder auf primitivste und brutalste Art und Weise hingerichtet werden … zu Abermillionen, jeden Tag, jede Stunde. Viele von denen sind nicht einmal tot, bevor sie ins Sudbad kommen, oder werden lebendig gehäutet, damit wir schöne Handtaschen haben, werden in Labors für Kosmetik benutzt. Diese Millionen von Lebewesen, die wir als vollkommen normal annehmen.

Meine Mutter hat von sich beispielsweise gesagt, sie sei tierlieb – hat mich aber gleichzeitig als Fleischesser erzogen. Als ich zu denken begonnen habe, konnte ich das nicht mehr vereinbaren. In den Jahren, bevor ich das gemacht habe, habe ich genügend Schuld auf meine Schultern geladen, die ich nie mehr gut machen kann – es war höchste Zeit, zumindest jetzt das zu ändern. Ich nehme von mir in Anspruch, eine Person mit etwas Hirn und Verantwortung zu sein, und ich möchte am Abend in den Spiegel schauen können. Mir sind die Schmerzensschreie von gequälten Tieren nicht egal – ob ich da jetzt persönlich eingreife, wenn jemand ein Tier missbraucht, oder ob ich das im größeren Sinne mache. Das ist mir alles andere als egal. Aber dazu muss ich dann auch stehen und so leben.

Käme für dich dann auch in Frage, dass du deinen Bekanntheitsgrad dafür einsetzt?
Das tue ich, natürlich. Ich spende auch viel zu viel Geld. Ich bin nicht reich, habe auch meine Rechnungen, gerade in der Schweiz, und zahle Alimente und so weiter. Trotzdem spende ich viel zu viel Geld an diese ganzen Rettungsorganisationen. Aber weißt du, das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich will auch kein Missionar sein. Ich war genauso: Ich habe es immer gehasst, wenn mir Leute gesagt haben, was ich zu tun habe. Da hat sich bei mir gleich der Widerstand geregt, der Anarchist in mir. Ich habe das nie gemocht. Deswegen sage ich den Leuten auch nicht, was zu tun ist. Ich bin nicht der Papst oder ein Politiker. Ich bin nur Tom. Ich sage den Leuten nicht, was sie tun sollen. Aber wenn man mich fragt, so wie du jetzt, oder mit mir, mit meinem privaten Profil auf Facebook befreundet sein will, das ja nicht die Band repräsentiert, sondern mich – ja, dann bekommt man das mit, und dann gibt es vielleicht auch ab und zu einen Denkanstoß. Aber nicht, weil ich dir sage, was du zu tun hast. Sondern ich poste einfach, was ich denke. Wenn man sich damit beschäftigen möchte, ist alles klar. Aber ich hüte mich davor, ein besserwisserischer Missionar zu sein – ich würde damit nur das Gegenteil anrichten. Aber unsere Fans sind intelligent genug, dass sie Informationen finden, wenn sie sie suchen – sie finden die Links bei mir oder bei ihren Freunden oder bei anderen Leuten. Und dann geht das sehr easy heute.

Weißt du, ich mache das ja auch nicht, weil ich mich besser fühle ans andere. Ich mache das nur wegen der Tiere. Ich habe Fleisch, den Geschmack von Fleisch geliebt. Aber ab einem gewissen Punkt konnte ich, wenn ich im Restaurant saß und das Fleisch kam, das nicht mehr anschauen. Ich konnte es nicht mehr von der Realität trennen. Deswegen fiel es mir dann auch immer leichter, drauf zu verzichten – ich habe dann immer nur noch die Kartoffeln gegessen. Ich habe das erste Stück Fleisch abgeschnitten, hatte das im Mund und mir wurde übel, weil ich einfach zu viel wusste. Und dann ist das gar nicht mehr so eine große Sache. Und plötzlich fühlst du dich viel besser. Der schwierige Punkt ist nur, dich dazu zu bewegen, diesen Schritt zu machen. Das ist das Schwierige, wenn du ein Leben gewohnt warst. Aber es lebt sich danach viel ehrlicher und unbeschränkter. Auch wenn du dir bewusst bist, dass jede Sekunde dieses Unrecht geschieht.

Wir Menschen kamen quasi als letzte in der Evolutionsgeschichte auf diesen Planeten und haben uns einfach erlaubt, uns diesen ganzen Planeten zu unterwerfen, und tun dies nicht einmal in einer humanen Art und Weise, sondern in der absolut brutalsten, egoistischsten, selbstzentriertesten Art und Weise. Uns einen Dreck darum scheren, dass diese Tiere auch Gefühle haben, auch Familie haben, auch Kinder haben. Gerade jetzt [an Ostern, A. d. Red.] werden abermillionen Tierkinder gefressen, in blinder Gier, getrennt von ihren Muttertieren – an diesem Pogrom will ich nicht teilhaben. Wir ereifern uns – berechtigterweise! – über den Holocaust, oder was die ISIS da veranstalten und so weiter. Und gleichzeitig tun wir alle das auch. Pausenlos. Jeden Tag. Das ist aber kein Geschöpf, das Respekt verdient – fuck that. Nicht mit mir!

Ein schönes Schlusswort – ich danke dir vielmals für deine Zeit!
Das soll dich lehren, mich nie danach zu fragen! (lacht)

Teil 1 des Interviews dreht sich um die einzigartige Roadburn-Show, TRIPTYKON und, wenngleich es dem stets bescheidenen Fischer kaum recht ist: seine Verdienste um die Szene.

Dieses Interview wurde persönlich geführt.

Geschrieben am

Fotos von: Afra Gethöffer

1 Kommentar zu “Triumph Of Death (Teil 2/2)”

  1. thomas

    insgesamt sehr aufregende und spannende geschichte rund um t.g. fischer.
    ich wünscht dem interessiertem leser und fan würde seine frage beantwortet werden,
    in wie weit triumph of death den kult über die paar gigs hinaus auf die bühne bringt.
    ist danach schluss? gibts mehr?
    das ist doch der stoff mit dem man ( also tom ) seinen legendenstatus festigt …
    in diesem sinne – only death is real

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