Interview mit Tom Gabriel Fischer von Triptykon

Er hat der Metalszene das “Ugh” geschenkt und mit seinem Sound und seinen Riffs unzählige Bands geprägt. Mit TRIPTYKON pflegt Tom Warrior nicht nur das Erbe von Celtic Frost und Hellhammer, sondern setzt weiterhin Maßstäbe. Auf dem Dark Easter Metal Meeting in München sprach Tom mit uns nicht nur über das akuelle Album “Melana Chasmata”. In einem sehr persönlichen Interview teilt er mit uns seine Gedanken über die aktuelle Szene, spricht über sein Verhältnis zu seinem langjährigen Weggefährten Martin Ain und erzählt, warum ihm als Jugendlicher das Gitarrespielen fast vergangen wäre.

triptykon-logoTRIPTYKON gibt es inzwischen über fünf Jahre. Was denkst du rückblickend über diese Zeit?
Es ist schon überwältigend. Ich hatte ziemlichen Respekt davor, nach Celtic Frost etwas Neues zu machen, weil Celtic Frost so bekannt waren, als ich ausgestiegen bin. Ich habe nicht als gegeben angesehen, dass ich noch mal was hinbekomme. Ich weiß, wie schwierig die Musikszene ist. Ich bin nicht so gierig und denke, mir ist es hundert Mal vergönnt, irgendwas auf die Beine zu stellen. TRIPTYKON wurden bisher aber sehr sehr gut aufgenommen. Dafür ist man dann auch sehr dankbar, gerade weil man es nicht als selbstverständlich erachtet hat. Wir haben unglaublich viel gearbeitet und auch sehr schwierige Zeiten hinter uns. Im Großen und Ganzen ist das schon echt überwältigend.

Tom Gabriel Fischer 01Sprichst du eigentlich von deiner Band oder eurer Band? Wie viel kreativer Input komm von den anderen?
Ich spreche oft von meiner Band, weil ich sie auch gegründet habe. Aber es geschieht nichts in dieser Band, ohne dass wir das vorher gemeinsam besprechen. Wir haben von Anfang an alles demokratisch entschieden – so klischeemäßig das klingt. Es sollte nicht ein Tom-Warrior-Soloprojekt oder meine Diktatur sein. Ich wurde auch schon ab und zu überstimmt … das ist dann halt so. Ich wäre nichts ohne diese Leute und umgekehrt ist es genauso. Deswegen hat jeder dieselben Rechte und denselben Anteil an allem. Wenn ich von meiner Band spreche, ist das nur informell gemeint, weil ich sie auch gegründet habe.

Lass uns kurz übers neue Album „Melana Chasmata“ reden. Wenn du es jetzt hörst, was ist für dich der wesentliche Unterschied zum Vorgänger „Eparistera Daimones“?
Das ist schwierig zu beurteilen, denn für mich ist es eine normale Weiterentwicklung. Ich schreibe Musik und wir nehmen sie dann auf … und ebenso bei Victor. Es ist nicht so, dass man sich hinsetzt und sagt, das neue Album wird jetzt so und so. Es ist ein absolut organischer Prozess, der immer fortläuft. Wir schreiben immer Musik, machen uns immer Gedanken über Texte und so. Deswegen ist es nicht so, dass das neue Album grundlegend anders ist. Es ist einfach weitere TRIPTYKON-Musik. Was mir aber auffällt: Das neue Album ist viel privater, viel intimer. Und es hat weniger Hass darauf: Das erste Album war von Schmerz, Frustration und Hass getrieben, wegen meines Ausstiegs bei Celtic Frost. Das ist zum Glück jetzt seit Jahren verarbeitet. Das neue Album zeigt uns mehr von unseren privaten Seiten. Das ist vielleicht der Unterschied.

Schreibt ihr kontinuierlich Musik? Oder habt ihr kreative Phasen, in denen ihr euch einen Zeitrahmen gebt, in dem ihr das neue Album fertig bekommen wollt?
Victor und ich schreiben kontinuierlich Musik. Die konzentrierten Phasen sind dann, wenn wir diese Songs einproben und sie auf Albumlevel bringen. Das ist eine Zeit, in der wir uns treffen, um nur am Album zu arbeiten. Das eigentliche Songwriting findet sowieso fortwährend statt. Ich mache mir immer Gedanken, wie das nächste Album bezüglich Produktion, Textwriting und so weiter aussehen könnte. Das hört ja nicht auf, wenn du aus dem Studio läufst. Ich bin immer Musiker.01

Auf eurem Album habt ihr mal wieder Wert auf einem organischen und echten Schlagzeugsound gelegt. Bist du ein Gegner von Pro Tools und Trigger?
Es wird oft gesagt, wir hätten analog aufgenommen, was natürlich nicht stimmt. Ich bin auch kein Gegner davon. Aber ich finde, wenn ein Schlagzeuger nicht hinkriegt, heavy zu drummen ohne tonnenweise Trigger zu verwenden, dann stimmt was nicht. Es ist immerhin Heavy Metal. Aber ich bin kein Gegner, ich bin für alles offen. Wir nehmen auf dem Computer auf, wir nützen die moderne Technologie bis zum Gehtnichtmehr. Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Ich habe in den 80ern analog Alben aufgenommen und ich war begeistert, als die neue Technologie kam und man millionen Möglichkeiten mehr im Studio hatte. Auf das hab ich nur gewartet. Ich lebe überhaupt nicht in der Vergangenheit, aber ich habe einen bestimmten Drumsound im Kopf, den ich umgesetzt haben will. Auf dem neuen Album ist mir der Schlagzeugsound fast schon zu sauber. Ich möchte es eigentlich dreckiger, „hellhammeriger“ haben. Das war auch eine endlose Diskussion zwischen mir und Victor. Er findet’s super, weil er eben eine andere Generation ist. Für mich müsste es eigentlich mehr so 70s-, 80s-Dreck haben. Mal schauen wie wir nächstes Mal hinkommen. Für mich ist der Sound immer noch zu sauber. Für andere wirkt es wahrscheinlich unglaublich dreckig, eben weil es nicht getriggert ist.

Was hältst du von Band, die bewusst den alten Sound der 80er aufgreifen und ihre Produktion low level halten?
Schwierige Frage. Grundsätzlich denke ich, dass man so etwas nicht künstlich machen kann. Aber es kann geil sein, weil’s früher eben auch geile Musik gab. Wenn man das ehrlich und aufrichtig hinkriegt, kann es ganz gut sein. Orchid sind so ein Beispiel. Die versuchen den alten Sound aufleben zu lassen. Es ist zwar alles ein bisschen geklaut, aber irgendwie funktioniert es halt doch. Das ist eine zweischneidige Sache, denn es gibt leider auch sehr viele negative Beispiele, wo man merkt, dass es künstlich ist … wo du merkst, dass es eine Formel ist. Diese Bands haben die Musik genauestens studiert. Für jemanden wie mich, der in den 70er und 80ern schon diese Musik gehört hat, wirkt es dann halt schon künstlich. Es ist schwierig das in einem Satz abschließend zu beantworten.

Du hast sehr lange Zeit keine Hellhammer-Songs gespielt. Warum hast du dich mit TRIPTYKON dazu entschieden, diese Songs aus deiner frühesten Jugend wieder auf die Bühne zu bringen? Was bedeutet dir das?
Es bedeutet mir heute sehr viel. Wir haben in den Anfangstagen von Celtic Frost auch oft Hellhammer-Stücke gespielt. Aber Martin und ich empfanden das damals fast als einen Stolperstein. Es war unheimlich schwierig für uns, drüber hinwegzusehen, dass Hellhammer damals nichts Positives für die Öffentlichkeit waren. Die Leute haben Celtic Frost früher nie eine Chance geben, weil sie gesagt haben: Hey, da sind die Hellhammer Typen. Die können nicht spielen, die können nich produzieren, die können keine Musik schreiben. Das weiß heute kaum jemand, weil Hellhammer dann in den 90er Jahren von den Black-Metal-Bands zum Hype gemacht wurde. Aber das hatte mit der damaligen Realität nichts zu tun.
halloDer Name Hellhammer war für uns eine unglaubliche Belastung auf unserem Weg mit Celtic Frost. Und deshalb haben wir das irgendwann hinter uns gelassen und nur noch vorwärts geschaut. Je älter wir dann geworden sind, desto mehr haben wir gemerkt, wie wichtig uns Hellhammer ist. Persönlich, nicht unbedingt musikalisch. Wir haben dann auch versucht, bei der Reunion Hellhammer-Songs zu spielen, aber das hat im Proberaum einfach aufgesetzt getönt. Es hat getönt als wären wir Hellhammer-Schauspieler. Deswegen habe ich damit abgeschlossen, bevor wir es auf die Bühne brachten. Ich hab’s dann bei TRIPTYKON noch mal versucht. Erstaunlicherweise, obwohl TRIPTYKON theoretisch noch einen Schritt weiter von Hellhammer entfernt ist, hat es da dann richtig, organisch, getönt. Da haben wir dann beschlossen, dass wir es machen. Allerdings respektvoll. Wir machen das nicht inflationär oder für Geld. Sondern wir machen’s, wenn es uns richtig erscheint. Deshalb haben wir das bisher auch selten gemacht und werden das auch selten halten. Triptykon soll auch keine Hellhammer-Coverband werden. Aber heute zum Beispiel spielen wir wieder ein Hellhammer-Stück.

Wenn ihr noch mehr eigenes Material habt, werdet ihr dann irgendwann die Celtic-Frost- und Hellhammer-Songs komplett aus dem Set streichen?
Vielleicht nicht generell. Aber es stand schon beim Roadburn zur Debatte, ob wir nur TRIPTYKON spielen. Das wird sicher auch geschehen. Wir denken das TRIPTYKON-Material ist gut genug. Aber einer der Gründe, warum ich die Band überhaupt gegründet habe, war ja das Celtic-Frost-Erbe weiter zu pflegen.  Also soll es auch weiterhin geschehen, das ist die Wurzel der Band.

Tom Gabriel Fischer 02Wie wichtig ist dir, dass die Leute TRIPTYKON weiterhin mit Celtic Frost in Verbindung bringen? Oder stört es dich, dass viele TRIPTYKON nie gesondert von Celtic Frost und Hellhammer sehen?
Um das geht’s gar nicht. Wie die Leute uns wahrnehmen ist mir egal. Mir gefallen einfach diese Songs. Wenn ich einen Song wie „Visions Of Mortality“ oder „Dawn Of Megiddo“ spiele, hat das eine tiefe Bedeutung für mich. Nach meinem Ausstieg bei Celtic Frost habe ich mir gedacht: Was passiert, wenn ich diese Songs nie mehr live spielen kann. Das war ein unerträglicher Gedanke. Darum geht’s. Das ist was ganz Persönliches. Ich habe diese Band gegründet, um unter anderem eben diese Songs weiterhin live spielen zu können. Das ist nicht gedacht, um die Leute die ganze Zeit darauf hinzuweisen: Hey, ich war übrigens in Celtic Frost. Das wäre mir superpeinlich. Ich persönlich finde die Songs einfach geil. Und deswegen werden sie immer ein Teil von uns sein, aber es wir auch immer schwieriger, je mehr eigenes Material wir haben. Wenn du dann zwischen 60 und 90 Minuten spielst, bist du unheimlich beschränkt.

Es gab dieses lukrative Angebot aus Wacken, wenn du mit Martin zusammen wieder als Celtic Frost auf der Bühne stehen würdest. Wie eng ist denn dein Kontakt zu Martin heute?
Wir sehen uns ab und zu. Und wie verstehen uns auch und reden ganz normal miteinander. Aber wir leben natürlich auf ganz unterschiedlichen Planeten. Unsere Gemeinsamkeit war Celtic Frost, und seit es die Band nicht mehr gibt, ist diese Brücke zwischen uns weggefallen. Wir leben in der selben Stadt, da trifft man sich unweigerlich mal. Aber Martin hat ein ganz anderes Leben gewählt. Er ist halt jetzt Unternehmer und verdient ich weiß nicht wie viel Geld mit seinen Clubs und so. Das ist völlig okay, das ist sein Recht. Aber die Welt, in die er sich da begeben hat … da sind für mich fast schon die Feinde. Diese ganzen Hipsterclubs. Wir reden nicht über Metalclubs oder so … sondern die total angesagten Clubs, in denen die ganzen Bänker ihr Kokain und Ecstasy vertanzen und ihr schweizer Salär liegen lassen (lacht). Martin verdient ganz gut damit, das ist seine Karriere. Das versteh ich nicht, muss ich aber auch nicht. Das ist seine Freiheit, genauso wie TRIPTYKON meine Freiheit ist. Das ist halt jetzt so.

Du hast deinen Teil der Geschichte ja in deinem Buch „Only Death Is Real“ biographisch aufgearbeitet – wird es hier einen Nachfolger geben?
Natürlich. Das Buch endet nach „Morbid Tales“, beim Wechsel des Drummers. Da möcht ich die Geschichte aufgreifen. Also das heißt ich bin schon am Arbeiten daran. Es ist mit dem Verlag auch schon alles abgesprochen. Das Buch wird entstehen. Und eigentlich war es gedacht, dass der Inhalt bis zur Gegenwart geht. Aber vielleicht wird es sogar zwei Bücher geben. Langsam ist es soviel Material, dass daraus eine Bibel würde. Der Vorschlag des Labels war, ein Buch bis zum Ende von Celtic Frost zu machen und ein weiteres über TRIPTYKON. Das Buch wird wieder gefüllt sein mit unveröffentlichtem Material, Artworks und so weiter. Wenn ein Fan schon Geld für ein Buch ausgibt, soll er auch was dafür kriegen.

Triptykon - Melana kleinApropos Artwork: Ihr habt für „Melana Chasmata“ einmal mehr Kunst von H.R. Giger verwendet. Wie ist deine persönliche Beziehung zu ihm und was bedeuted dir seine Kunst?
Seine Kunst bedeutet mir alles, ich verehre ihn, seit ich ein junger Teenager bin. Ich halte ihn für den größten lebenden Surrealisten. Man kann seine Kunst gar nicht adäquat beschreiben.
UnbenanntErst wenn man sich mit seinem Gesamtwerk auseinandegesetzt hat, merkt man, was für ein Genie er ist. Mit ihm zu arbeiten ist eine unendliche Ehre für mich. Das war für mich nie selbstverständlich. Unser Verhältnis ist extrem herzig und im Moment wahrscheinlich enger als es jemals war. Aber ich hab das niemals ausgenutzt. Ich war sehr dankbar, dass er das erste TRIPTYKON-Album gemacht hat.
Ich wäre von meiner Seite aus nie mehr zu ihm gegangen und hätte ihn gefragt. Ich hätte das als undankbar und zu gierig empfunden. Aber er kam dann auf uns zu. Ich gehe damit sehr respektvoll um und möchte das nicht ausnutzen. Dass es so gekommen ist, ist eine wahnsinnige Ehre.

Arbeitet er auf Basis eurer Musik oder übernehmt ihr alte Werke von ihm?
Er malt seit 1992 nicht mehr. Ab dem Zeitpunkt, an dem er keine Albträume mehr hatte, hat er auch aufgehört zu malen. Er wollte nicht um des Geldes Willen malen. Er wollte sich nicht kopieren und war ehrlich zu sich selbst und hat dann aufgehört. Aber er gewährte uns Zugang zu seinem Gesamtwerk, wir können uns an allem bedienen. Wir haben ihn auf jeder Stufe der Entstehung des Albums einbezogen. Ich hab ihm die Rohkonzepte gezeigt und so weiter. Er war immer dabei. Wir haben die Kunst natürlich so ausgewählt, dass sie zur Musik und zur Stimmung des Albums passen.

Im Gegensatz zu Martin bist du auch nach dem Ende von Celtic Frost der Metal-Szene treu geblieben. Was hältst du von der heutigen Szene? Gehst du selbst noch auf Konzerte?
Das tue ich, aber relativ selten. Das hat verschieden Gründe. Erstens ist es schwierig, wenn ich in Zürich auf ein Konzert gehe, dass ich überhaupt fünf Minuten von der Band mitkriege. Wenn ich da reingehe, wird halt viel gequatscht. Das ist auch völlig okay so, aber ich verpasse halt das Konzert. Zweitens bin ich jetzt 51 Jahre alt. Es fällt mir zunehmend schwerer, dass ich die Aufmerksamkeit das ganze Konzert über beibehalte. Ich hab schon gefühlt zehntausend Konzerte gesehen … da muss es schon richtig geil sein, damit ich von A bis Z dastehe und denke: Wow, ich möchte dableiben. Bei The Wounded Kings war das zum Beispiel so. Das war auf dem Roadburn Festival, da konnte ich unmöglich rausgehen. Das war magisch. Aber leider kommt das nicht so oft vor. Es gibt unzählige Bands. Nicht viele davon sind unbedingt magisch. Ich mein das nicht böse, aber der Markt ist einfach übersättigt. Es gibt mehr Bands als jemals zuvor …

Denkst du, diese Entwicklung hat es eher schwieriger gemacht, als Band erfolgreich zu sein, oder leichter, weil die Szene immer größer wird? Oder anders gefragt: Würde sich eine Band wie Hellhammer oder Celtic Frost heutzutage überhaupt durchsetzen?
Das ist eine gute Frage, aber wahrscheinlich unmöglich zu beantworten. Wenn du als Band etwas zu sagen hast, nicht nur einen Act spielst, sondern echte Emotionen rüberbringst –  dann denke ich, dass du auch heutzutage noch ein Publikum findest. Wenn du siehst, dass es Millionen an neuen Bands gibt, ist es als Musiker natürlich schwierig, überhaupt wahrgenommen zu werden. Andereseits ist es heute an sich viel einfacher: Wir hätten uns damals gewünscht, dass es so etwas wie Facebook gegeben hätte. Wir mussten noch alles von Hand selber drucken. Das ist zwar kultig, aber wieviel Leute erreichst du damit? Hundert? Heute kannst du theoretisch jeden Bürger auf dem Planeten erreichen. Es gibt so viele Bands, die klingen wie eine andere Band. Das ist wahrscheinlich der falsche Weg. Du musst versuchen einen Zugriff auf deine innersten Emotionen zu kriegen. Was ist das Einzige, das du hast, was die andern nicht haben? Das bist du! Kopieren kann jeder, aber deine Emotion, die hast nur du. Wenn du es schafft, deine Gefühle authentisch auf Musik zu übertragen, dann bist du schonmal einzigartig. Wenn du nur versuchst, Kataklysm oder Black Sabbath zu kopieren, dann bist du nicht einzigartig, sondern tausendfach.

Triptykon 2014Stichwort Social Media: Wie wichtig ist dir, dass TRIPTYKON in sozialen Netzwerken aktiv ist? Kümmerst du dich selbst um eure Facebookseite?
Wir sind definitiv der modernen Technik nicht abgeneigt. Das wäre ja lächerlich. Ich bin auch noch nicht tot. Es gibt gewisse Dinge, die sind mir zu amerikanisch. Twitter zum Beispiel … das ist so ein amerikanisches Ding. Ich weiß, wie es funktioniert und ich weiß, warum es wichtig ist. Ich finde aber nicht, dass es sich für eine Band wie TRIPTYKON ziemt. Mit Okkultismus hat das für mich nichts zu tun. Aber Facebook ist für mich wie ein moderner Flyer. Das brauchst du natürlich. Zusätzlich zum Flyer hast du auch noch die Möglichkeit, mit deinen Fans zu kommunizieren – und umgekehrt, was ja auch wichtig ist. Wir wären ja nirgends mit Celtic Frost oder Hellhammer hingekommen, wenn es nicht das Publikum geben würde. Es ist unheimlich arrogant, sich vom Publikum abzusetzen.

Du hast Okkultismus angesprochen. Denkst du, dass solche Themen für die Fans heute noch diesselbe Bedeutung haben? Früher waren solche Inhalte ja der Kern des Szene-Selbstverständnisses, während heute deutlich klarer die Musik als solche und deren Qualität im Mittelpunkt steht.
Das ist auch besser so. Alles läuft sich tot. Wenn’s jede Dorfband macht, läuft sich alles tot. Egal wie geil es ist. Dazu gehört auch Okkultismus. Was soll ich sagen? Viele Bands benutzen das halt nur als Image. Ich rede jetzt nicht davon, Satanist zu sein, sondern von ehrlichem, tiefem Interesse an diesem Thema. Viele Leute machen’s, weil es cool aussieht oder weil sie dann cooler wirken. Wenn das Millionen von Bands machen, dann ist es genauso wie im Supermarkt. Das ist ein bisschen schade, ist aber mit allen Themen so. Ich denk mir, das Thema hat durchaus noch einen berechtigten Platz, wenn sich eine Band ernsthaft damit beschäftigt und auch was zu sagen hat. Das gilt ganz allgemein, auch für andere Themen: Wenn du was Authentisches machst und etwas aus deinem tiefsten Inneren kommt, dann ist das schon mal per se besser.

Du sagst, dass dich viele Bands langweilen und sich fast alles irgendwann abnutzt. Wieso ist es anders, wenn du selbst auf der Bühne stehst?
Das ist was anderes, weil du natürlich Adrenalin kreierst. Wenn ich den brachialen Gitarrensound, den ich habe, anschlage, überkommt mich eine Welle Adrenalin – das hat fast schon Drogencharakter. Es ist sehr schwierig, dem nicht zu verfallen. Es ist was anderes, wenn ich passiv in einer Halle stehe und konsumiere, als wenn ich auf der Bühne stehe und was generiere. Das ist ein ganz anderes Level. Selbstverständlich kann ich auch Adrenalin ausschütten, wenn ich im Publikum stehe und eine Band spielt, deren Musik ich liebe. Aber wenn du selbst in die Saiten greifst, ist das gleich nochmal ein Level intensiver. Ich liebe Musik, es ist mein Jugendtraum Musik zu kreieren. Absurderweise – entgegen alle Erwartungen – wurde mir das vergönnt. Ich bin nach wie vor sehr ehrlich auf der Bühne, ich bin nach wie vor gern Musiker. Auch nach 32 Jahren. Solange ich das so empfinde, werde ich weitermachen. Wenn es zur Routine wird, ist es Zeit, ehrlich zu sich zu sein und hinter den Kulissen weiterzumachen.

Tom Gabriel Fischer 03 (2)Gab es einen Zeitpunkt, an dem du gemerkt hast, dass du es geschafft hast, dir diesen Jugendtraum zu erfülllen? Wann hast du gemerkt, dass du mit deiner Musik dein Leben füllen kannst?
Gefüllt hat es mein Leben schon immer, weil es meine Leidenschaft ist. Aber die Wahrnehmung, dass wir tatsächlich Musiker sind, kam absurd spät. Wahrscheinlich erst bei der Reunion von Celtic Frost in den 2000er. Da hatte Celtic Frost plötzlich so einen Stellenwert, wo wir uns gedacht haben: Was ist denn passiert? Früher waren wir zwar auch bekannt, aber halt im Untergrund. Wir waren immer damit beschäftigt, uns gegen Plattenfirmen zu wehren. Dann kamen wir irgendwann nach 16 Jahren zurück und plötzlich waren Celtic Frost Musiker. Wir wurden wahrgenommen als eine der Bands, die wir persönlich immer für bekannt gehalten hatten. Das war schon absurd, das plötzlich zu merken.

Den Beruf des Musikers verbindet man intuitiv mit stundenlangem Üben, Ehrgeiz und Disziplin. Wie stehst du zu deinem Instrument?
Heut ist im Publikum jemand anwesend, ein Freund von mir aus der Schweiz, der in einer Death-Metal-Band Gitarrist ist. Der spielt phänomenal und ist eine Gitarrenkoryphäe. Und ich weiß von ihm, dass er jeden Tag zwei Stunden dasitzt und nur Fingerübungen macht. Das kann ich nicht. Ich denke, ich hab weder das Talent dazu, noch habe ich die Geduld dafür: Ich würde durchdrehen vor Langeweile. Das sag ich ganz offen. Es gibt einfach zwei Schulen von Gitarristen. Und ich sage nicht, das eine ist besser als das andere. Ich benutze die Gitarre wie einen Pinsel: Wenn ich ein Gefühl habe, nehme ich die Gitarre und versuche das umzusetzen und etwas daraus zu kreieren. Nur dann greife ich zu Gitarre. Du wirst niemals sehen, dass ich irgendeine Technik probe. Das heißt aber auch, dass ich mit meinen Fähigkeiten nicht bei einer anderen Band einsteigen könnte. Das alles funktioniert in meiner Band mit meinem Sound. Aber das bin halt ich, das bin einhundert Prozent ich. Ich hatte auch nie die Ambitionen auf dem Griffbrett rumzumasturbieren. Ich hatte nie das Gefühl, ich müsste mich jetzt als Mann bestätigen, indem ich möglichst schnell ein Solo runterwichse. Für mich war das immer ein ganz ein anderer Approach: Ich war getrieben von irgendwelchen Gefühlen, für die ich kein Ventil hatte. Musik wurde dann irgendwann zu diesem Ventil. Zuerst als Konsument, wo ich versuchte die Frustration auf Konzerten rauszubangen. Später habe ich mühsam versucht, das selbst umzusetzen. Und das kann ich mit meinem Stil. Dazu muss ich keine zehntausend Stunden Fingerübungen machen.

Hast du dir das Gitarrespielen selbst beigebracht oder wie bist du dazu gekommen?
Meine Mutter hat gefunden, ich müsse ein Instrument lernen und hat mich mit zwölf gezwungen, in der Schule in ganz üble Gitarrenstunden zu gehen, wo sie dir dann Volkslieder gelehrt haben. „Am Brunnen vor dem Tore“ und so Zeug. Das ist kein Witz. Das hat mich so angekotzt, dass ich fast ein Jahr lang nie geübt habe und deswegen auch im hohen Bogen rausgeschmissen wurde. Ich habe die anderen immer aufgehalten.
Diese Erfahrung war für mich so negativ, dass ich dann fünf oder sechs Jahre keine Gitarre mehr angerührt habe, obwohl ich Musiker werden wollte. Ich hab dann selbst noch mal autodidaktisch mit Black-Sabbath-Alben angefangen und versucht die Riffs nachzuspielen. So habe ich dann Gitarrespielen gelernt – mit Bands wie Rush und Motörhead. Wahrscheinlich ist es so, dass ich aus dieser Gitarrenstunde der Einzige bin, der professioneller Musiker wurde. Da bin ich ziemlich sicher (lacht). Fick die alle.

Ein schönes Schlusswort – Tom, wir bedanken uns für das Gespräch!

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3 Kommentare zu “Triptykon”

  1. Tobi

    Ich kann zwar nichts mit Celtic Frost oder Triptykon anfangen, aber trotzdem ein tolles Interview und (zumindest dem Interview nach) ein ziemlich sympathischer Mensch :)

  2. Ulle

    Gutes Interview, muss ich mal zugeben. Eben keine agedroschenen Fragen resp. Antworten. Das gefällt mir halt einfach mehr als, wieso den Produzenten, wieso das Artwork. Selbst auf die Frage mit Celtic Frost hat er nicht mal genervt reagiert oder mit schmutzige Wäsche um sich geworfen.

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