Konzertbericht: Coppelius /w Shoo Be Doom

16.04.2026 München, Backstage

Nach „Abwärts“ schicken COPPELIUS ihr Publikum dieses Jahr. ins „Moshpit Theater“ – ein Titel, der den Spagat zwischen Anspruch und Live-Energie eigentlich perfekt beschreibt. Im Münchner Backstage versammeln sich an diesem Abend rund 100 Besucher. Keine große Kulisse, aber eine, die erstaunlich gut trägt: Das Publikum ist von Beginn an da, geht mit und sorgt für eine Stimmung, die man bei der Größe so nicht zwingend erwarten durfte. Speziell da sich COPPELIUS beinahe runderneuert präsentieren. 

Zunächst eröffnen die Swing-Metaller SHOO BE DOOM den Abend mit bemerkenswerter Souveränität. Musikalisch auf sehr hohem Niveau, mit sauberem Zusammenspiel und einem klaren Gespür für Dynamik, legt die Band früh die Messlatte hoch. Besonders Frontfrau Eden überzeugt vom ersten Ton an mit einer kraftvollen, sicheren Stimme, die mühelos zwischen Ausdruck und Präzision balancierte. Der eigenwillige Stil-Mix aus Riffs, Schlagzeug und Saxophonon wirkt in Songs wie „Old School Medicine“ oder „Burning Out (What The Funk)“ auf den ersten Blick extravagant, bleibt dabei aber erstaunlich zugänglich und entwickelt schnell einen eigenen Sog, der das Publikum direkt abholt. Bonuspunkte gibt es dabei auch für das eingestreute Cover von „Hit The Road Jack“.

Nach einer kurzen Pause legen COPPELIUS um 21 Uhr mit einer gelungenen Inszenierung der gesamten Band los: Der Einstieg mit „Habgier“ und „Dreaming“ gelingt solide, die Musiker sind schnell im Set, das sich über weite Strecken wie eine kompakte, facettenreiche Werkschau liest. Mit „Nur für Dich“, „Schöne Augen“ und „Viel zu viel“ setzen COPPELIUS früh auf eingängiges Material, während „Der Luftschiffharpunist“ (als überraschender Voting-Sieger des Publikums gegen „Operation“) und „Der Musenkuss“ die komplexeren, verspielteren Seiten bedienen. Auffällig ist dabei allerdings von Anfang an der veränderte Bandsound. Der Ausstieg von Comte Caspar macht sich deutlicher bemerkbar, als es eine reine Positionsbeschreibung vermuten lässt. Die zweite Klarinette und Caspars markante Bass-Stimme fehlen als Gegenstimme, als Reibungsfläche und als charakterprägendes Element. Viele Arrangements wirken dadurch gestrafft, teilweise fast entschlackt. Das sorgt für mehr Direktheit, kostet den Songs aber einen Teil ihrer früheren Alleinstellungsmerkmale und der gesamten Band auch Live-Energie. So verliert auch „Contenance“ ohne die vierte Stimme viel von der Magie der letzten Darbietung im Jahr 2023. Speziell Max Copella wird als Klarinettist, Sänger, Keyboarder und Bühnendarsteller jetzt deutlich mehr beansprucht als früher, was sich u. a. gesanglich bemerkbar macht.

Ähnlich einschneidend wirkt sich die aktuelle Situation bei Sissy Voss aus, der nach einem Unfall statt Kontrabass aktuell Bass spielt. Technisch gibt es daran nichts auszusetzen, musikalisch verändert sich aber die Statik der Songs. Der typische, warme Druck des Kontrabasses, der COPPELIUS sonst von klassischen Metal-Setups abhebt, weicht einem konventionelleren Fundament. Das nimmt dem Gesamtbild ein Stück Eigenständigkeit, ohne dass die Performance an sich darunter leidet. Die Setlist selbst ist klug gebaut und abwechslungsreich, wenngleich mit über zwei Stunden vielleicht auch zu lang für diese Form der Musik. Glücklicherweise lockert besonders Bastille das Konzert immer wieder durch witzige Einlagen auf, indem er mit Merch posiert oder Sekt an die Zuschauer ausschenkt.

Mit „Es fiel ein Himmelstaue“ und „Kein Land so schön“ wird die opereske Seite von COPPELIUS ausgespielt, während die Covers für bewusste Brüche sorgen. „Maria“ von SUBWAY TO SALLY fügt sich noch organisch ein, bei „Aerials“ und „Chop Suey!“ von SYSTEM OF A DOWN zeigt sich dagegen ein kleiner Knackpunkt: Die Interpretationen funktionieren live, bleiben aber näher am Original, als man es von COPPELIUS früher gewohnt war.  Im letzten Drittel ziehen COPPELIUS das Tempo und die Intensität nochmals an. Besonders „Time-Zeit“ und „Risiko“ funktionieren live stark, „Spieldose“ und „Die Glocke“ setzen die theatralischen Akzente, die das Konzept der Band weiterhin tragen. Das Publikum honoriert das durchgehend, die Anwesenden holen hörbar das Maximum aus der Situation heraus. Die letzte Zugabe „Bitten Danken Petitieren“ bringt schließlich noch einmal genau das auf die Bühne, was COPPELIUS ausmacht: eine Mischung aus Pathos, Humor und inszenierter Eigenart. Und genau hier liegt auch die Krux des Abends.

COPPELIUS liefern im Rahmen der „Moshpit Theater“-Tour in München ein gutes, unterhaltsames Konzert, das von einer engagierten Crowd und einer nach wie vor starken Songbasis lebt. Gleichzeitig ist nicht zu überhören, dass der Wegfall von Comte Caspar und die erzwungene Umstellung beim Instrumentarium Spuren hinterlassen. Der Sound ist direkter, zugänglicher, aber auch weniger eigenständig. Es bleibt spannend, ob und wie die Band diese Lücken künftig wieder schließt.

Sigi Maier

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