Eisregen w/ Nachtblut, Sintech, Ritual Killing

  • Hellraiser, Leipzig
  • 14. Januar 2012

19 Uhr sollte Einlass sein. War es nicht. Das Hellraiser machte in diesem Punkt seinem Namen wieder alle Ehre und ließ die versammelte Schar, die sich langsam aber sicher dicht gedrängt über den Vorhof hinaus ergoss, noch ganze 20 Minuten zappeln, bis es endlich reinging.
Aufgewärmt wurde die um 20 Uhr schon gut volle Halle mit brachialen Death-Thrash Ergüssen von RITUAL KILLING. Ein wenig erinnerte die Prüpgelfraktion an alte Sepulturazeiten. Allerdings, so ansehnlich Gebotenes auch war, fiel die Band stiltechnisch an diesem Abend etwas aus der Reihe, was vielleicht auch der Grund war, warum sie an den Meisten eher vorbeigeplätschert ist.

Weiter ging\’s mit SINTECH. Die ebenfalls aus (Nähe) Coburg stammenden Jungs haben wohl ebenso viele Mitgliederwechsel wie Musikwandeleien zu verzeichnen. Auch wenn der Hype um die Band, sicherlich bedingt durch den großen Erfolg Vargs, erst so richtig Anfang diesen Jahres startete, gibt es die Formation immerhin schon seit über einer Dekade. Live-Shows waren die letzten Jahre allerdings aufgrund Besetzungsmangels nicht möglich. Doch mit der Veröffentlichung des neuen, mittlerweile vierten Longplayers mit dem provokativen Titel „Schlampenfeuer“ sind die Jungs seit ihrem Release-Gig zurück, um der Musikwelt ordentlich einzuheizen. Mit imperalen Intro warf man sich in die Show. Nur um sogleich schnurstracks zumTitelsong des aktuellen Albums überzugehen, der vergleichsweise Death-Metal-lastig auf die Tube drückt. Mit „Avantgarde“, „Narbenacker“ und „Geistesgeschwür“ schlugen sie versammelter Masse einen schlampenfeurigen Track nach dem nächsten um die Ohren und spätestens bei „Jünger Des Nichts“ dürften SINTECH einige Fans dazu gewonnen haben. Melodisch eingängige Riffs, jede Menge Doublebass, und eine Vielfältigkeit, die musikalisch wie texltlich von Rammstein über Eisbrecher und Eisregen bis hin zu thematisch Bands wie Nocte Obducta reichen könnte. Somit bleibt eine eindeutige Zuordnung schwer, am Besten zitiert man bzgl. des Genres wohl Bandleader Timo selbst: „Wenn Rammstein auf Speed mit Dimmu Borgir vögeln würden“.
Jedoch muss man konstatieren, dass SINTECH live nicht ansatzweise an die Schlagkraft der CD heran reichten. Einmal kam durch den stellenweise arg suboptimalen Sound die Vielfältigkeit wie Wucht nicht rüber. Zum anderen lag es wohl an der relativen Bewegungslosigkeit und den etwas schlaffen Ansagen der Band selber, was aber wahrscheinlich eher der Konzentration des zweiten Auftritts seit Langem zu verschulden ist. Da ist auf jeden Fall definitiv deutlich mehr rauszuholen und Leute, die sich von dem Auftritt haben nicht umhauen lassen, sollten gerade deswegen vielleicht einmal in „Schlampenfeuer“ auf Scheibe reinhören.

Setlist:
Intro
Schlampenfeuer
Avantgarde
Narbenacker
Geistesgeschwür
Jünger Des Nichts
Silence

NACHTBLUT was next. Nachdem das Quintett Februar 2011 bei dem österreichischen Top-Label Napalm Records gesigned hatte und man mit der Produktion des Re-Releases von „Antik“ in der zweiten Jahreshälfte 2011 fertig war, stieg man in Sachen Livepräsenz wieder in die Eisen und gedenkt anscheinend diesen Trend bestens fort zu setzen. So begannen die Rasantaufsteiger am Dark Metal-Firmament 2012 gebührend mit einem Auftritt im Hellraisder Leipzig als Interlude von Eisregen. Fans selbiger sollte die Osnabrücker Kombo eigentlich mittlerweile geläufig sein, da NACHTBLUT schon öfters im Vorprogramm jener zu bestaunen waren. Anscheinend erfolgreich, denn sonst würden gerade Eisregen, die DEN Stempel an harter Kritik wohl auf der Stirn tragen, sie nicht zum x-ten Mal dazu holen. Die Show begann – wie auch die letzten Konzerte über – mit „neuem“ Intro, Appetizer der beiden einleitenden Stücke („Ketzter“, „Schreckenschor“) vom ersten Silberling „Das Erste Abendmahl“. Nebenbei war diesen Tages anscheinend das interne Motto: Frontmann in verändertem Look. Was Timo von Sintech mit kurzen Haaren präsentierte, setzte Askeroth mit elegant neuem Bühnenkostüm um.
Am ersten Teil des Sets hatte sich im Allgemeinen bis zum Track „Antik“ im Verglich zu vorangegangenen Konzerten nichts geändert. Vielleicht war das der Grund, warum Askeroth anstatt dessen mit gänzlich neuen Ansagen wie „Trommelpeter, gib mir ’nen a-Moll!“ aufwartete…Als dem von Drummer Skoll prompt nachgekommen wurde, musste man wohl selbst auf der Bühne die Gesichtsmuskeln unter Kontrolle halten.Nach „Mein Gebieter“ und dem Titeltrack des Re-Release „Antik“ waren nicht nur die vorderen Reihen außer Rand und Band. Auf die lautstarken Forderungen nach „Nie Gefragt“ wurde zum Leide der Fans aber nicht reagiert. Stattdessen wartete man mit „Kreuzritter“, zu dem aber mindestens ebenso abgefeiert wurde, als offiziellem Closer der Show auf. Man ist es schon fast gewohnt, dass NACHTBLUT so einfach nicht in den Abend entlassen werden und dieses Klischee wurde gerne von den mit durchdringender Stimme nach Zugabe verlangenden Fans erfüllt. Man ließ sich nicht lange bitten und setze mit „Kreuzigung“ umgehend einen zum Mitsingen prädestinierten Hit von „Antik“ oben drauf. Mit dem folgenden durchdringenden Geklatsche hatte man sich dann auch den neuen Song „Ich Trinke Blut“ des kommenden Albums verdient, der ohne Vorspiel sogleich loswetterte, mit dem prägnanten Refrain schnell in jedermanns Ohr ging und durch die Reihen hinweg sehr guten Anklang fand. Abgeschlossen wurde – wie sollte es v.a. im Osten anders sein – mit dem Prinzencover „Alles Nur Geklaut“; begleitet von einem deutlich hörbaren Nachtblüterchor, gewürdigt mit schallendem Applaus und dutzenden erhobenen Metalgäbelchen. Ob man NACHTBLUT nun mag oder lieber mit Kritik überhäuft, ob der überwältigenden positiven Resonanz muss ihnen wohl definitiv jeder mindestens eine handvoll Respekt zollen. Denn wer hat schon u.a. einen finnischen Fan, der extra, um seine Musikgötter zu sehen, nach Leipzig reist? Und um selbigen zu zitieren: „You sound really grandiose on CD but live it was a great deal better and anything but disappointing!“ In kurz: Wenn es nicht die Dark Metal-Kolosse Eisregen gewesen wären, die an diesem Abend Hauptakt gewesen wären, hätten NACHTBLUT alle Mal Headliner sein können.

Setlist:
Intro
Ketzer
Schreckenschor
Blutgräfin
Augenschein
Des Menschen Kunst Blindheit Zu Säen
Heiliger Krieg
Mein Gebieter
Antik
Kreuzritter
– – – – – – – – – – –
Kreuzigung
Ich Trinke Blut
Alles Nur Geklaut

Wobei wir auch schon fast am Ende des Abends wären: EISREGEN. Wohl wenige Bands polarisieren so arg. Während die einen sie verteufeln und am liebsten den Metaljordan hinabsegeln sehen würden, werden sie auf der anderen Seite von einer stetig wachsenden Fanbase frenetisch abgefeiert. Letzteres sollte sich diesen Abends erneut bestätigen und einmal mehr zeigen, dass die unverwechselbare Symbiose aus Extrem-Metal mit ausgefallenen Melodien, mittlerweile recht vielen tanzbaren Elementen und vor allem M. Roths markantem Klargesang noch längst kein Ablaufdatum trägt. Mit mittlerweile über 15 Jahren auf dem Buckel und seit Dezember 2011 auch mit sage und schreibe neun Alben im Gepäck, brachten die Thüringer Sickos das Hellraiser zum Kochen. Die Bühne war von allem Schnickschnack befreit worden, sodass M. Roth genügend Bewegungsfreiheit für seine Fersengeldperformance hatte.
Im Vorhinein befürchteten viele Fans, der Fokus würde zum Nachteil älterer Stücke zu sehr auf „Rostrot“ gelegt werden. Sollte sich nicht bestätigen. Zwar leitete man mit „Erlösung“ als Intro ein, ging auch gleich zum ebenfalls rostrotneuen „Schakal – Ode An Die Streubombe“ über, sprang danach aber sogleich mit „Das Liebe Beil“ ins Jahr 2008 zurück. „Tod senkt sich herab“ als nochmal neueren Ausflug zur „Schlangensonne“, bevor man sich dankenswerter Weise mit „Blut…gierig“ in ältere Gefilde begab. Die Masse war nicht mehr zu halten und schrie sich mit M. Roth die Seele aus dem Leib und alsbald ließen sich -zu des einen Freud, des anderen Leid- in der Mitte der Meute die ersten Moshanzeichen ausmachen.
Unermüdlich jagte die Blutkehle mit ihrer einnehmenden Ausstrahlung über die Bühne und schmettert nach dem schlangensonnigen Opener „N8verzehr“ das Duo „19 Nägel für Sophie“ und „1000 tote Nutten“ hinterdrein. Natürlich durfte in Anbetracht des gerade zurück liegenden Release bei allen alten Gassenhauern der Titeltrack von „Rostrot“ keinesfalls fehlen. Abgeschlossen wurde das offizielle Set mit dem Dauer-Partybrenner „Elektrohexe“, bei dem der gesamte Saal in Bewegung zu sein schien. Lauter Applaus, Zugabe- gemischt mit „EISREGEN“-Rufe folgten, denn man dachte gar nicht daran, die Show jetzt schon enden zu lassen und zitierte das Quartett somit nochmals auf die Bühne. Schließlich fehlten auch noch einige der besten Schmankerl, die auch sogleich mit „Eine Kleine Schlachtmusik“ plus „Eisenkreuzkrieger“ aus den Boxen ertönen sollten. Fragt sich, ob es einen gab, der den Text nicht laut Silbe für Silbe mitgesungen hat. Nach drei weiteren Tracks – die Zugaberunde war auch hier wieder einmal fast genauso lang wie das eigentliche Konzert – und einem verirrten Crowdsurfer wurde der Nacht mit „Thüringen“ ein würdiger Abschluss verpasst.
Somit bleibt einem gar nichts anderes übrig als den Standardsatz, der am Ende jeden EISREGEN-Konzertes steht, zu repetieren: „Der Tod ist ein Meister aus Thüringen“.

Setlist
Erlösung – Intro
Schakal – Ode An Die Streubombe
Das Liebe Beil
Tod Senkt Sich Herab
Blutgierig
N8verzehr
1000 Tote Nutten
19 Nägel Für Sophie
Rostrot
Elektrohexe
– – – – – – – – – – –
Eine Kleine Schlachtmusik
Eisenkreuzkrieger
Meine Tote Schwedische Freundin
Madenreich
Ripper Von Rostow
Thüringen

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Geschrieben am

Fotos von: Diana Muschiol

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