CD-Review: Eisregen - Leblos

Besetzung

Blutkehle Roth – Gesang
Yantit – Gitarre, Schlagzeug, Programmierung

Session-Musiker:
Markus Stock – Bass, Leadgitarren
Frau N. Feind – Geige

Tracklist

01. Ruhet sanft
02. Pechschwarz
03. Erstschlag
04. 1000 Jahre Nacht
05. Leblos
06. Schlachtraum
07. Atme Asche
08. Mein Leichenwerk
09. Wangenrot
10. Mutter schneidet
11. Drauß' vom Häuten komm' ich her

Bonus-CD – Die Räudigen Rennsteigrebellen
01. Deutsches Bierlied
02. Grünes Herz
03. Wenn es draußen dunkel wird
04. Zeit zu saufen


Darüber, dass andere Bands für ihre Alben zwei, drei oder vier Jahre brauchen, können EISREGEN wohl nur lachen: Anderthalb Jahre pro CD sind der stramme Takt, den M. Roth und Yantit seit drei Alben vorgeben. Doch während in den Songs nach wie vor am Fließband gemeuchelt und gemordet wird, klingt die Musik des Duos auch nach einem Vierteljahrhundert nicht nach stumpfer Serienproduktion. Im Gegenteil: Das 14. EISREGEN-Album wartet einmal mehr mit einigen Überraschungen auf – und dazu zählen nicht nur die DIE RÄUDIGEN RENNSTEIGREBELLEN.

Überraschten „Fleischfilm“ (2017) durch den konzeptionell bedingten Bruch mit dem bekannten Stil der Band und „Fegefeuer“ (2018) durch seine teils beachtliche (musikalische) Härte, reichen EISREGEN ihren Fans zur Feier des 25. Bandjubiläums mit überraschend vertrauten Klängen die Hand: Nach dem tatsächlich sehr sanften Opener „Ruhet sanft“ punkten EISREGEN stilistisch mit allem, was die Band in den frühen Nuller-Jahren ausgemacht hat – mit zarten Geigen und verspielten Pianos, harschem Riffing und barschen Texten.

Zwischen packende Stücke wie „Pechschwarz“, „1000 Jahre Nacht“ oder „Mein Leichenwerk“ haben sich zwar auch ein paar allzu typische EISREGEN-Nummern eingeschlichen – „Schlachtraum“ etwa, mit Rammstein-Gedächtnis-Keyboard (vgl. „Spiel mit mir“) oder „Mutter schneidet“. Auf der anderen Seite sorgen stilistische Ausflüge in ganz verschiedene Richtungen für Vielfalt: Das rabiate „Erstschlag“ etwa, das melancholische „Atme Asche“, das bethlehemeske „Drauß‘ vom Häuten komm‘ ich her“ oder der fast schon kitschige Titeltrack mit seiner fröhlich-paganen Geigenmelodie zu einem fiesen Foltertext.

Vielfältig ist auch das Textwerk: Ob Massenmörder („Schlachtraum“) oder Gewalt im häuslichen Kontext („Mutter schneidet“), Nekrophilie („Wangenrot“) oder das klassische Dr.-Frankenstein-Motiv („Mein Leichenwerk“) – M. Roth macht seinem Ruf als Deutschlands größtem Splatter- und Snuff-Texter einmal mehr alle Ehre. Dass er weit mehr als bloß unverhohlen makaber kann, zeigt „1000 Jahre Nacht“: Der subtile Abgesang auf unstillbare Gier, verbildlicht durch einen von moralischen Zweifeln in den Freitod getriebenen Vampir, gehört fraglos zu den stärksten Texten aus 25 Jahren EISREGEN. Als Sänger bleibt die „Blutkehle“ zumindest in einem Punkt streitbar: Während der fies gegurgelte Gesang einmal mehr so unverkennbar wie stimmungsvoll geraten ist, ist der Klargesang in „Wangenrot“ von eher zweifelhafter Qualität.

Seine Stärken hat „Leblos“ dennoch in den melodischen Passagen – wenn etwa „Mein Leichenwerk“ oder „Atme Asche“ mit anrührenden Piano- beziehungsweise Geigenmelodien aufwarten, die erst im krassen Kontrast zum rohen Riffing und den makabren Texten richtig zur Geltung kommen. Reine „Filler“ finden sich diesmal hingegen keine: Dass nicht jeder der elf Songs musikalisch und textlich restlos zu überzeugen weiß, wird durch die Vielseitigkeit des Songmaterials locker kompensiert. So vereinen EISREGEN auf „Leblos“ tatsächlich die stärksten Elemente aus 25 Jahren Bandgeschichte, und das in bester Soundqualität. Was will man mehr von einem Jubiläumsalbum?

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… und DIE RÄUDIGEN RENNSTEIGREBELLEN?

Unter diesem Projektnamen leben EISREGEN diesmal ihre humorige Seite aus. „Wem die Songs nicht gefallen, der schmeißt die Bonus-CD einfach weg“, erklärt M. Roth das Konzept. Die hier versammelten Stücke zu separieren erweist sich tatsächlich als gute Entscheidung. Nicht nur, weil EISREGEN auf ihren Alben spürbar ernster geworden sind, sondern auch, weil die vier Tracks leider nicht auf die gewohnte Art unterhaltsam sind. Zu fast schon schlagerhaften Klängen huldigen DIE RÄUDIGEN RENNSTEIGREBELLEN Alkohol und Suff. M. Roths Klargesang bleibt dabei so schwach wie das Textwerk selbst, das in seiner platten Stumpfsinnigkeit Onkel Tom und Tankard gleichermaßen vor Neid ernüchtern lassen dürfte. Das Prädikat hörenswert verdient hier allenfalls der auch nicht unbedingt geistreich, aber immerhin konsequent umgedichtete „Leichenlager“-Klassiker „Zeit zu spielen“ (jetzt: „Zeit zu saufen“).

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Bewertung: 8.5 / 10

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