Interview mit M. „Blutkehle“ Roth von Eisregen

Für 2020 hatten EISREGEN viel geplant: ein Geburtstagsfestival zum Bandjubiläum, ein neues Album sowie eine Tour im Herbst. Aufgrund von Corona muss das Jubiläum – ausführlich thematisiert in unserem Geburtstagsinterview zu 25 Jahren EISREGEN und 20 Jahren „Leichenlager“ – nun erst einmal ungefeiert bleiben. Zumindest das neue Studiowerk „Leblos“ erscheint jedoch wie geplant. M. „Blutkehle“ Roth über Sauflieder, depressive Vampire und sein neues Hobby in der Corona-Krise.

Hallo und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles gut bei dir, trotz Corona-Krise?
Ja, alles soweit in Ordnung. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und passt sich an.

Ihr musstet euer Jubiläums-Konzert (Heimatfest) verschieben, die Tour im Herbst ist in Gefahr, Festivals wird es 2020 nicht geben … wie sehr trifft dich das alles emotional, wie gehst du damit um?
Man muss es nehmen, wie es kommt, man kann da ohnehin nichts dran ändern und rumheulen bringt überhaupt nichts. Klar, es ist schade – aber bislang steht in Aussicht, alle bislang betroffenen Shows 2021 nachzuholen, auch das Heimatfest. Ob und in welchem Rahmen die Herbst-Tour stattfinden kann, muss man noch abwarten. Aber jeder hat seine Probleme in und mit der Corona-Krise und wir sind nicht die, die am schlimmsten getroffen wurden.Aber immerhin verdienst du – anders als viele andere Musiker – mit der Band deinen Lebensunterhalt. Wie hart trifft dich die Krise da finanziell?
Wir haben vom Land Thüringen immerhin eine kleine Förderung bekommen, jene für Kleinstunternehmen. Finanziell ist es natürlich derzeit nicht allzu rosig bestellt, aber man kommt klar. GEMA-Gelder fließen weiterhin und wir haben unseren Online-Shop reaktiviert, um ein wenig Geld in die Kassen zu bekommen. Auf absehbare Zeit ist es natürlich wichtig, dass wir wieder Konzerte spielen können – aber da müssen wir durch, nützt ja nix.

Für 2021 sind jetzt ja – so dann möglich – sogar zwei „Heimatfeste“ geplant. Ihr habt dazu eure Fans befragt, das Feedback war wohl deutlich. Was bedeutet dir das in Zeiten wie diesen, solche Fans hinter euch zu wissen?
Wir wissen, dass unsere Fans hinter uns stehen. Das ist nicht selbstverständlich und wir wissen das auch wirklich zu schätzen. Wir leben in extrem schnelllebigen Zeiten, da ist es immer wichtig, wenn man sich auf gewisse Faktoren verlassen kann. Und unsere Fans gehören eindeutig dazu.

Viele Bands/Labels haben Album-Releases verschoben, ihr veröffentlicht euer Album „Leblos“ trotzdem in Kürze. Stand eine Verschiebung für euch zur Debatte?
Es stand natürlich auf der Schneide – unser Label musste schauen, ob die Presswerke termingerecht liefern können und auch die Mediabooks gefertigt werden konnten – als das geklärt war, stand eine Verschiebung nicht mehr zur Debatte. Massacre hat alles Menschenmögliche getan und auch viele befreundete Firmen haben ihren Teil dazu beigetragen, dass „Leblos“ erscheinen kann. Wir als Band standen ohnehin immer zu dem Termin, wir haben das Master bereits Anfang des Jahres fertiggestellt, was letzten Endes auch gut so war.

In den letzten Wochen sind mit Bands wie Naglfar, Secrets Of The Moon oder Triptykon dafür so viele extreme Bands wie lange nicht in den Charts gelandet, weil Metalheads einfach treuere Musikkäufer sind als Mainstream-Hörer. Denkst du, die Krise wird großen Einfluss auf die Verkaufszahlen von „Leblos“ haben und würde dir ein Chart-Einstieg etwas bedeuten?
Sagen wir es mal so: Es würde mich irritieren, wenn „Leblos“ nicht in die Charts einsteigen würde. Wir haben seit 2004, als das alles noch nicht so selbstverständlich war, mit jedem Album eine Chart-Notierung verbucht, sogar mit vielen EPs. „Marschmusik“ hatte bislang mit Platz 11 die beste Positionierung – von allen Massacre-Records-Veröffentlichungen über all die Jahre überhaupt! Es wäre schön, wenn wir das mit „Leblos“ toppen könnten, auch fürs Label natürlich. Und ganz klar: Es ist schon eine nette Sache und man freut sich darüber. Aber es wäre auch kein Beinbruch, wenn es nicht hinhaut. Man nimmt, was kommt.

Musikalisch habt ihr – wie angekündigt – Elemente quasi aller Schaffensphasen einfließen lassen. War das bereits vor Beginn des Songwritings euer Plan oder hat sich das „zufällig“ ergeben?
Das war exakt der Plan und wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir es am sinnvollsten umsetzen können. Die bisherigen Meinungen zu „Leblos“ geben uns aber recht, dass wir unser Ziel erreicht haben.

Bei der Umsetzung hat euch auch instrumental Markus Stock aus der Klangschmiede E ausgeholfen, den Bass und die Leadgitarren eingespielt. Warum lasst ihr da nach wie vor nicht eure Live-Musiker mitwirken?
Das wäre allein aus Zeitgründen schwer zu realisieren – sowohl Hoppel als auch El Loco sind in ihren jeweiligen Jobs extrem stark eingebunden und ihre spärliche Freizeit geht für Konzerte und Proben zu ebendiesen drauf. Yantit und ich sind flexibel, wir arbeiten ständig an neuem Material. Und ehrlich gesagt bevorzugen wir auch genau diese komplett autonome Arbeitsweise. Markus bekommt das fertige Material vorgesetzt und wir besprechen dann, wo und in welcher Form Leads Sinn haben, das ist effektiv und dauert maximal einen Studiotag.

© Afra Gethöffer / Metal1.info

Textlich ist das Album wieder extrem vielseitig. Lass uns hier auf ein paar Details eingehen: Ist Bernd aus „Schlachtraum“ ein fiktiver Mörder oder hat er ein reales Vorbild?
Bernd ist ein fiktiver Schlawiner, der kein wirkliches reales Vorbild hat – allerdings mag er keine Männer, was mir zu Zeiten von „MeToo“ sehr wichtig war.

Der wie ich finde stärkste Text auf dem Album ist der zu „1000 Jahre Nacht“. Was hat dich zu diesem im EISREGEN-Kosmos doch recht „andersartigen“ Text über einen von moralischen Bedenken zerfressenen Vampir, der schlussendlich Selbstmord begeht, bewogen?
Ich habe schon ewig keinen Text mehr über Vampire geschrieben – quasi zum ersten und letzten Mal zu „Herzblut“-Zeiten. Von daher war es einfach mal wieder an der Zeit, genau das zu tun und „1000 Jahre Nacht“ erschien mir in der vorliegenden Form am interessantesten.

Das Album ist durchgehend düster und ernst, den Spaß-Part habt ihr diesmal ausgelagert. Wie seid ihr auf den „Bandnamen“ DIE RÄUDIGEN RENNSTEIGREBELLEN gekommen?
Ich mag Alliterationen und da der Rennsteig quasi ums Eck liegt, war das sehr naheliegend. Da „Leblos“ von Anfang an als ein sehr ernsthaftes Album konzipiert wurde, wollten wir trotzdem ein paar Lieder als Bonus für uns und die Fans, um auf das 25-jährige EISREGEN-Jubiläum anzustoßen. Das war die Geburtsstunde der REBELLEN …

Musikalisch haben die ersten drei Nummern fast einen Schlager-/Volksmusik-Touch, der durch klassische Sauflied-Texte abgerundet wird. Darin unterscheiden sie sich stark von früheren Fun-Liedern wie der „Elektrohexe“, „Schneuz den Kasper“, „Blut saufen“ oder auch dem „Flöten…“/“Tausendschweiner“, die sich eher durch humorige Texte ausgezeichnet hatten. Was hat euch diesmal bewogen, so „bierernst“ dem Alkohol zu huldigen?
Nur mit Saufliedern kann zünftig gefeiert werden. Und da wir dies bislang bewusst aus unserem Schaffen ausgegliedert hatten, war es nun an der Zeit, ein paar solcher Werke abzuliefern. Wird nicht jedem gefallen, aber als Bonus kann keiner meckern.

Alkohol wird in Metal-Songs generell sehr oft verharmlosend dargestellt, obwohl andererseits viele Musiker selbst große Suchtprobleme haben. Natürlich sollte man EISREGEN-Texte generell besser nicht als Leitbild für alle Lebenslagen betrachten – aber ist die bedingungslose Glorifizierung des Vollrauschs im Fun-Part nicht viel gefährlicher als alle Gewalt im Kunst-Part des Albums?
Ach komm, wer  die REBELLEN-Lieder ernst nimmt und ihre „bedingungslose Glorifizierung des Vollrauschs“ anfeindet, dem kann ohnehin nicht mehr geholfen werden.

© Sebastian Spelda

Apropos Gewalt: Ihr habt zu „Leblos“ ein Video gedreht, dass man erst ab 18 (oder wenn man vorgibt, 18 zu sein) anschauen darf. Darin bringt ihr euch beim Glücksspiel der Reihe nach um. Das Video hat eigentlich recht wenig mit dem Text zu tun – wie kam es zu diesem Plot?
Ich fand die Idee und Umsetzung gerade interessant – das eigentliche Lied läuft im Hintergrund von einem uralten Kassettenrekorder ab und die Handlung hat damit nichts zu tun, ist quasi nur Begleitmusik. Massacre haben das Video als „ab 18“ getagt, da YouTube Probleme mit der Suizid-Darstellung hat.

Die Darstellung und Berichterstattung über Selbstmorde von Prominenten ist aufgrund des belegten Nachahmereffekts („Werther-Effekt“) ein Tabu. Warum war euch trotzdem wichtig, dieses Video so zu drehen? Ist das dann die vielbesungene Lust am Tabubruch oder was macht dieses Video aus deiner Sicht dich künstlerisch zur Visualisierung des Songs notwendig?
Niemand wird sich nach Ansicht des „Leblos“-Videos umbringen, außer er ist ein kompletter Volldepp, dessen Mutter ein Haustier ist. Uns war es wichtig, das Video so zu drehen, weil wir es genau so haben wollten. Punkt.

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss unser traditionelles Brainstorming:
Dein aktuelles (nicht-EISREGEN-)Lieblingsalbum:
Eisblut – Schlachtwerk
Dein neues Hobby im Lockdown: Kacken ohne Klopapier
Mary Shelleys „Frankenstein“: Ich mag die Visualisierung der Entstehungsgeschichte – den Film „Gothic“ von Ken Russell – mehr als den eigentlichen Roman und seine Verfilmungen
Der sehenswerteste Vampirfilm: „Nosferatu“ von F. W. Murnau (1922)
Festivals 2021: Hoffentlich ohne Mundschutz und Abstandsregeln
EISREGEN in zehn Jahren: Bleibt abzuwarten. Sprechen wir in zehn Jahren noch mal drüber.

Danke nochmals für deine Zeit und Antworten. Die letzten Worte gehören dir:
Wenn es wieder los geht – kommt zu den Konzerten. Und bleibt gesund!

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1 Kommentar zu “Eisregen”

  1. weather the weather

    „Ach komm, wer die Rebellen-Lieder ernst nimmt und ihre ‚bedingungslose Glorifizierung des Vollrauschs‘ anfeindet, dem kann ohnehin nicht mehr geholfen werden.“

    Was genau soll das denn heißen, und was ist das überhaupt für eine schwache „war doch nur ein Spaß ;-);-);-)“-Ausrede? Sollen wir jetzt irgendwie glauben, dass die Sauflieder nur ironisch gemeint sind und ja eigentlich unter dieser Schicht an Doppelbödigkeit unkontrollierten und destrunktiven Alkoholkonsum kritisch anprangern, oder was? Fat chance.

    An dieser Stelle vielen Dank an Moritz fürs Stellen dieser kritischen – und wichtigen – Frage. Die Unsichtbarkeit des Problems und die Ausmaße derer Unterdrückung werden durch die Antwort alleine schon sehr evident, die wirkliche Rechnung gibt es leider dann aber erst später.

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