Konzertbericht: ZSK w/ Sibbi Hier, Elfmorgen

08.05.2022 München, Backstage (Werk)

Dreimal mussten ZSK ihre „Ende der Welt“-Tour neu ansetzen – und als es dann endlich losging, vereitelte auch noch ein Corona-Fall in der Band drei Konzerte. Nach zwei ausverkauften Shows in ihrer Heimat Berlin geht es für ZSK nun endlich „normal“ weiter: Die erste Konzertreise nach der Zwangspause führt die Streetpunker zusammen mit ELFMORGEN und SIBBI HIER nach München, wo sie ein zwar nicht ausverkauftes, aber mit bestens aufgelegten Fans besetztes Backstage Werk erwartet.

Elfmorgen in MünchenZunächst jedoch dürfen sich ELFMORGEN daran versuchen, sich den Sonntagsblues durch die Feierlaune des Münchner Publikums vertreiben zu lassen. Das haben die sympathischen Hanauer auch bitternötig: Nicht nur, dass sie (O-Ton) ihr Schlagzeug „vergessen“ haben und nun auf dem von Sibbi Hier spielen müssen – auch wirkt Bandkopf Andy Schmaus merklich angefasst vom Zustand der Welt im Allgemeinen: Rassismus, Männer mit Oberlippenbärten und Liebe, die einen sogar Samstags zu Ikea (mit-)gehen lässt, haben den kompakten Fronter früh ergrauen lassen. Umso schöner, dass das bereits zahlreich vertretene Münchner Publikum der Band und ihrem schlechtegelaunten Gutelaunepunk mit viel Empathie begegnet. Ein unterhaltsamer Einstieg!

Sibbi Hier in MünchenNur wenige Minuten länger als der Auftritt des Openers, und doch ungleich langatmiger fällt die Show von SIBBI HIER aus. Das Trio um Bandleader Sibbi spielt in dieser Konstellation erst die zweite gemeinsame Show und überhaupt erst das fünfte Mal zusammen – das Problem ist aber nicht musikalischer Natur, sondern liegt eher zwischen den Songs: Hier redet sich Sibbi in seinen Ansagen um Kopf und Kragen. Auch die Songtexte lassen den Hörer etwas ratlos zurück: So beschreibt „Alles ganz normal“ das bürgerliche Spießerleben – was dabei auf der Strecke bleibt (oder gar nicht beabsichtigt ist?), ist die Ironie: Der Song endet mit den Versen „Im Mittelwert am besten – Bin ich durchschnittlich egal“. Nun ja, besser kann man diese Band kaum zusammenfassen. Dass SIBBI HIER und das Publikum nicht ganz auf einer Wellenlänge sind, könnte auch ZSK-Fronter Joshi aufgefallen sein – jedenfalls lässt sich der sympathische Igelkopf während der Show kurz auf der Bühne blicken, um überschwänglich die Nehmerqualitäten von Sibbi und Konsorten in Sachen Alkoholkonsum zu loben. Danach ist die Stimmung im Werk jedenfalls etwas gelöster und auch SIBBI HIER bekommen ihren Pogo vor der Bühne. „Banal, formal, neutral, sozial, legal, trivial, eher nicht spezial …“

ZSK 2022 in MünchenUm 21:45 Uhr ist es schließlich Zeit für die Band, auf die hier und heute, eigentlich aber schon seit Jahren alle warten: ZSK. Und die fahren ordentlich auf: Im Intro gibt der Kapitän der ZSK-Airlines die Verhaltensregeln an Bord bekannt, ehe sich der Absturz anbahnt – dann fällt der Vorhang und ZSK verbreiten mit „Alles steht still“ die größte Lüge des heutigen Abends. Denn still steht im Backstage Werk schon zu diesem frühen Zeitpunkt niemand mehr. Mit einem ausgewogenen Mix aus Party („Punkverrat“), Pathos („Es wird Zeit“) und natürlich Politik („Kein Mensch ist illegal“) holen ZSK ihre Fans auf ganzer Linie ab: Sonntag hin, Sonntag her – der Pogo tobt und das Bier fließt in Strömen. Warum auch nicht – immerhin bietet sich Joshi, sichtlich angetan von so viel Enthusiasmus, direkt an, allen für den Montag eine Krankmeldung zu schreiben. Nettes Angebot, aber wie heißt es so schön: Wer feiert, kann auch arbeiten.

ZSK 2022 in München ZSK selbst machen genau das vor: Am Vortag noch bis 4 Uhr gefeiert, saß die gesamte Mannschaft um 6 Uhr im Tourbus nach München … oder zumindest fast: Der Tourfotograf musste zurückgelassen werden, im Gegenzug senden ZSK noch zu Beginn der Show ein Bühnenfoto nach Berlin. Nach der Polit-Hymne „Make Racists Afraid Again“, der Drosten-Hommage „Ich habe Besseres zu Tun“, dem Klassiker „Unser Schiff“ und dem Mitsing-Ohrwurm „Mach’s gut“ wagen sich ZSK auf bislang unbekanntes Terrain: Doch selbst den Stimmungsschwenk hin zu einem Moment rührseliger Melancholie mit der Ballade „Stuttgart“ und über das romantische „Bis jetzt ging alles gut“ zurück zur gemeinsam gefeierten Antifa-Solidarität („Alle meine Freunde“) bekommen Joshi und Konsorten spielend hin.

ZSK 2022 in MünchenEin eben noch lachendes Publikum zu Tränen rühren, um es dann fix zurück in Feierlaune zu bringen – das muss man erst einmal schaffen. Und gefeiert wird noch einiges: Das humorige Sauflied „Die besten Lieder“ etwa, das Cover des WIZO-Klassikers „Raum der Zeit“ oder das finale, zum aus voller Kehle Mitschreien geschriebene „Antifascista“. Wer danach noch Luft, eine Stimme oder gar ein trockenes Shit am Leib hat, hat in den vorangegangenen 75 Minuten definitiv etwas falsch gemacht. Schaut man sich im Backstage Werk um, trifft das auf die wenigsten der Anwesenden zu.

  1. Alles steht still
  2. Die Kids sind okay
  3. Punkverrat
  4. Es wird Zeit
  5. Der richtige Weg
  6. Kein Mensch ist illegal
  7. Wenn so viele schweigen
  8. Ende Der Welt
  9. Hamburg
  10. Keine Angst
  11. Es müsste immer Musik da sein
  12. Herz für die Sache
  13. Keine Lust
  14. Kein Talent
  15. Make Racists Afraid Again
  16. Ich habe Besseres zu tun
  17. Unser Schiff
  18. Mach’s gut
  19. Stuttgart
  20. Bis jetzt ging alles gut
  21. Alle Meine Freunde
  22. Unzerstörbar
  23. Die besten Lieder
  24. Hallo Hoffnung
  25. Raum der Zeit (WIZO-Cover)
  26. Antifascista

Sonntage sind in der Regel nicht die beliebtesten aller Tage … das Wochenende war im Idealfall lang und hart, und zu allem Überfluss dreut auch noch der Montag mit Schule, Arbeit und lästigen vier weiteren Werktagen im Schlepptau. Nach zwei Jahren Pandemie und mit den Gute-Laune-Garanten ZSK vor der Nase wirkt es jedoch eher, als sei Sonntag der neue Samstag: Da geht der Punk ab. Oder, wie ZSK-Drummer Matthias es Tags darauf auf Instagram treffend zusammengefasst hat: „Fett, wie München da auf nen Sonntag die Kuh hat fliegen lassen.“ Wohlgemerkt: Dank einer von vorne bis hinten fetten ZSK-Show.

ZSK 2022 in München

 

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