CD-Review: Agrypnie - 16[485]

Januar 2010

Besetzung

Torsten - Gesang, Gitarre, Keyboard
Phil - Bass
René - Schlagzeug

Gastmusiker:
Alboin - Gesang bei "16[485]/Brücke aus Glas"
Mathias Grassow - Musik zu "Figur 109-3" und "Figur 109-1"

Tracklist

01. Figur 109-3
02. Der Tote Trakt
03. Kadavergehorsam
04. Verfall
05. Schlaf
06. Zorn
07. F15.2
08. Morgen
09. 16[485]/Brücke aus Glas
10. Figur 109-1


Ich will dieses Review mal mit einem kurzen persönlichen Statement beginnen, in dem ich folgendes bekannt gebe: AGRYPNIEs zweite CD „Exit“ erwischte mich damals wohl ein Stück weit auf dem falschen Fuß (klingt etwas überraschend/unglaubwürdig angesichts der „zyklopischen“ – danke Lovecraft – Wertung von 9.5 Punkten), da ich sie aufgrund „minimaler Unzulänglichkeiten“ (die bei näherer Betrachtung keine sind) etwas zu niedrig einstufte, und bis zum heutigen Tage ist das gute Stück so ungefähr meine absolute Lieblings-CD überhaupt. Seit der Veröffentlichung im August 2008 vergeht kein Monat, in dem ich das gute Stück nicht mindestens drei oder vier mal durch die Stereoanlage scheuche, so gut ist es. Wie ich dem nominellen Nachfolger jetzt gegenüber stand, das muss jeder für sich selbst entscheiden, ich weiß es nämlich selbst nicht. Stetig schwankte meine Meinung zwischen „‚Exit‘ war so geil, also muss ’16[485]‘ sowieso ein Hammerteil werden“ und „Das krasse Album kann man doch unmöglich toppen“. Je näher der Releasetermin rückte, um so hibbeliger wurde ich, denn das Ding wollte ich einfach in den Fingern halten (und vor allem auch durch die Anlage scheuchen… trotz aller Euphorie kaufte ich aber nur die Jewelcase-Variante und nicht die gute „Kingsize Digipack Version mit scharfer Chillisoße und feurigen Jalapenos“, wie sie in der Redaktion liebevoll genannt wurde, aus Gründen der Kontinuität, weil beide Vorgänger auch nur im Jewelcase im Schrank stehen). Dann kam Verschiebung um Verschiebung, irgendwann erreichte mich eine Mail, dass das Ding endlich per Post auf die Reise ging, danach dauerte es aber immer noch ewige. quälende, unaushaltbare vier Tage, bis „16[485]“ im Briefkasten lag… Der Poststempel bestätigt es: Die deutsche Post ist ein Haufen von elenden Sadisten…

So, genug persönliches Rumgeheule und Gepöbel, „16[485]“, AGRYPNIEs dritter Streich ist also endlich da und will in Ohrenschein genommen werden. Und die Hoffnungen, Erwartungen und sowieso die Skepsis sind groß. Kann Torsten (der Unhold a.D.) seinen ersten Streich „F 51.4“ und sein Meisterwerk „Exit“ übertreffen? Knappe 73 Minuten (die Value for Money, sie ist groß) hat er Zeit um diese Frage zu beantworten, also ran an den Speck.
Und der erste Durchlauf ist wenig ergiebig… Das klingt jetzt erst mal härter als es gemeint ist. Denn „Exit“ wuchs ganz unheimlich. Nach den ersten Durchläufen war ich nämlich zwar schon angetan, aber gar nicht so begeistert von der zweiten CD von AGRYPNIE. Bei „16[485]“ ist das anders. Denn nachdem die knappe Stunde und zehn Minuten zum ersten Mal rum waren fiel mir eigentlich nur ein Wort ein: „Goil“. „16[485]“ ist absolut hammermäßig und gleichzeitig eingängig wie Sau und das macht mich gerade angesichts des saustarken, aber irgendwie etwas sperrigen Vorgänger stutzig. Denn wo „Exit“ erarbeitet werden wollte, da zündet „16[485] schon nach knappen zwei Minuten, nämlich direkt nachdem das Intro „Figur 109-3“ (das mitnichten übel, aber etwas unspektakulär geraten ist) zu Ende geht. Der Opener „Der tote Trakt“ beinhaltet nämlich schon alles, was gut und richtig war an „Exit“: einen perfekten Spannungsaufbau, geniale Riffs die irgendwo zwischen kalter Raserei und absoluter Melancholie schwanken und Torstens vielleicht nicht perfekten aber auf jeden Fall absolut individuellen, einzigartigen und charismatischen Gesang. Dazu durchdachte Lyrics (zum ersten Mal komplett – abgesehen vom Stück „16[485]/Brücke aus Glas“, dessen Text Alboin von Geist schrieb – von Torsten alleine verfasst) und eine Extraportion Gefühl… „Der tote Trakt“ ist ein geiler Song. Kein so patenter Opener wie das ewig unerreichte „Und führet mich nicht in Versuchung“ (besser kann man ein Album ehrlich nicht eröffnen, ich kann’s nur immer wieder sagen… man kann über „F 51.4“ denken was man will, aber der Auftakt der Scheibe ist makellos) aber schon echt stark. AGRYPNIE, ihr (du? Ich schrieb an anderer Stelle ja schon über die Probleme der Ansprache an Soloprojekte) habt’s mal wieder geschafft…
Würde ich jetzt gerne schon sagen, aber nur Anhand des Openers kann man ja schwerlich das ganze Album bewerten. Glücklicherweise deutet „Der tote Trakt“ aber auch schon eine Neuerung im Hause AGRYPNIE an. Wobei ich es gar nicht wirklich „Neuerung“ nennen würde, es ist einfach eine… Veränderung. Evolution. Vor allem im Refrain zeigt der Track sich nämlich nicht wirklich von einer „neuen“ Seite, aber in einer Hinsicht doch schon wesentlich ausgeprägter als noch auf „Exit“: Das Ding ist total episch. Ich weiß, das ist ein objektiv nicht wirklich gut belegbarer Begriff, aber viele Riffs auf „16[485]“ in Verbindung mit Torstens Gesang (allein der Anfang des etwas befremdlich betitelten „Kadavergehorsam“ spricht da schon Bände) enthalten so eine unheimliche Erhabenheit, dass es einfach kein anderes Adjektiv gibt, das diese Musik beschreiben kann. Man sollte das jetzt natürlich nicht mit der Epik von Bands wie Bal-Sagoth, Doomsword oder Fiurach verwechsen, das ist schon noch absolut Black Metal, aber in ihrem Rahmen setzen AGRYPNIE schon schlicht und ergreifend Maßstäbe.

Es ist auf Dauer wirklich faszinierend, alles, was ich an „Exit“ zu bemängeln hatte (was sich auf Dauer einfach „weggehört“ hat, wenn ich das mal so sagen darf) ist auf „16[485]“ ganz einfach verschwunden, die Scheibe macht vom ersten Augenblick an jede Menge Freude (ich weiß, die Texte sind nicht gerade von der Sorte, die jede Menge Frohsinn verbreiten sollten, aber ich meine es eher in dem Sinne, dass es einfach höllisch viel Spaß macht, sich das Ding anzuhören), die Riffs sind gottgleich, für das Geld, das die Scheibe kostet, bekommt man jede Menge Gegenwert (und die CD leidet auch absolut nicht unter einer „aufgeblasenen Spieldauer“, besonders nicht wegen dem letzten Track „“16[485]/Brücke aus Glas“, aber auf den komme ich noch zu sprechen) und und und. Songs wie das heftige „Verfall“ (hier sind sie wieder, die „gläsernen Ruinen“, Torsten scheint diese Wortkombination wirklich gern gewonnen zu haben) oder das stark emotionale „Schlaf“ stehen den Tracks des Vorgängers in nichts nach, die gleichmäßige Verteilung des Gesangs über die Lauflänge des Songs (ein gern angebrachter Kritikpunkt am Vorgänger, der mir persönlich nicht auffiel, aber wenn man mal drauf achtet stimmt es schon… „Der singt ja zwei Minuten seinen Text runter und lässt dann noch mal drei Minuten ausklingen.“) funktioniert auch und wenn Gastsänger Alboin bei „16[485]/Brücke aus Glas“ den Leadgesang übernimmt, dann gibt das dem Material eh den letzten Kick mit auf den Weg (ich halte Alboin nicht gerade für übermäßig talentiert, aber im Kontrast zu Tosten funktioniert seine Stimme wirklich gut). „16[485]“ rockt ohne Ende und hat eine Nominierung für meine CD des Jahres eh schon sicher in der Tasche (letztes Jahr hätte die Scheibe locker das Rennen gemacht).

Ist sie jetzt aber besser als „Exit“? Schwere Frage… Ich liebe und verehre „Exit“ immer noch auf’s Höchste, aber seit „16[485]“ bei mir ankam befindet das Teil sich quasi in Dauerrotation. Kann daran liegen, dass die Songs auf „Exit“ trotz ihrer Klasse doch schon irgendwo „bekannt“ sind und wie gut „16[485]“ noch sein wird, wenn das Material sich erst mal „abgenutzt“ hat (we’ll see ob das überhaupt passiert, bei „Exit“ wuchs es immerhin auch nur), das bleibt abzuwarten. Im Augenblick gibt es aber keine CD, die ich lieber Mal um Mal in den Player schiebe. Und deswegen hier die Bewertung aus der Sicht von jemandem, der „16[485]“ innerhalb von etwa einer Woche „nur“ um die 12 Mal gehört hat:

Bewertung: 10 / 10

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