Die neue Scheibe von BLOOD INCANTATION braucht Erklärung, denn eigentlich ist schon die Bezeichnung „neu“ nicht ganz richtig. Rückblick: Ende 2024 veröffentlichten BLOOD INCANTATION mit „Absolute Elsewhere“ eines der außergewöhnlichsten Alben der letzten Jahre. Die Mischung aus progressivem Death Metal und Ambient-Synthie-Parts löste schnell einen Hype um das Quartett aus. Neu war die Hinwendung zu Synthie-Sounds aber nicht, war der Vorgänger „Timewave Zero“ doch ein reines Synthie-Album. Teil des Deluxe-Artbooks zu „Absolute Elsewhere“ war die Dokumentation „All Gates Open: In Search Of Absolute Elsewhere“ inklusive Soundtrack und genau dieses Paket erhält nun eine eigenständige Veröffentlichung.
Wie bei einem Film-Soundtrack nicht anders zu erwarten, handelt es sich bei den vier Stücken auf „All Gates Open (Original Motion Picture Soundtrack)“ nicht um Death Metal, sondern BLOOD INCANTATION frönen erneut den Synthesizern. Entstanden ist das Material bereits 2021, also noch vor den Sessions zu „Absolute Elsewhere“, und fungiert laut Bandkopf Paul Riedl als Gegenpol zur düsteren Energie des letzten Studioalbums. Wer nun Ausverkauf und die Suche nach schnellem Geld mit alten B-Seiten-Kompositionen wittert, liegt falsch. Denn auch wenn „All Gates Open (Original Motion Picture Soundtrack)“ eine wirre Veröffentlichungsgeschichte haben mag, ist die Scheibe musikalisch doch erneut außergewöhnlich.
„All Gates Open (Original Motion Picture Soundtrack)“ klingt nicht so, als ob BLOOD INCANTATION mit fertig geschriebenen Stücken ins Studio gegangen wären. Stattdessen wird improvisiert, aufeinander eingegangen, fließende Übergänge geschaffen und so fast schon organische, lebende Stücke aufgenommen. Aber als Hörer muss man sich darauf einlassen. Allein die ersten beiden Songs „Balance“ und „Flight“ knacken jeweils schon die 20-Minuten-Marke.
Die ersten fünf Minuten von „Balance“ bestehen nur aus sich langsam aufbauenden Synthie-Flächen, bevor sich schließlich sanfte Keyboards dazugesellen und der Komposition etwas mehr Textur verleihen. An Geschwindigkeit nimmt der Track aber nicht zu, stattdessen bleibt es ruhig, entspannend und als Hörer wird man hinweggetragen in die unendlichen Weiten des Kosmos. „Flight“ ändert an dieser Formel kaum etwas, klingt aber epischer und größer. Die Synth- und Ambient-Flächen sind ausladender und hätten auch gut zu Filmen wie „Interstellar“ gepasst. Erst gegen Ende wird die Monotonie mit rhythmischen Elementen durchbrochen, das Tempo zieht etwas an, nur um zum Schluss doch wieder in sphärischen Sounds zu enden.
Mit „Dawn“ folgt der kürzeste Song auf „All Gates Open (Original Motion Picture Soundtrack)“, wobei das Songwriting deshalb nicht radiotauglicher wird: Melancholische Harmonien treffen auf fließende Synthies und Orgel-Sounds. Den Abschluss bildet „Rain“, aber auch hier darf man keinen klassischen Album-Höhepunkt erwarten. BLOOD INCANTATION steuern auf keinen Klimax zu, sondern setzen ihre Reise durch kosmische Sphären einfach fort. Ergänzt werden die Synthies durch ein Piano und sanfte Gitarrenklänge und Rhythmus und Instrumentierung wandeln sich leicht im Laufe der 14 Minuten.
Nach gut 65 Minuten zurück in die reale Welt zu kommen, fühlt sich fast schon etwas ernüchternd an. BLOOD INCANTATION haben es mit „All Gates Open (Original Motion Picture Soundtrack)“ geschafft, eine Reise durch faszinierende kosmische Welten zu vertonen und damit mehr als nur einen Film-Soundtrack zu erschaffen. Sicherlich kein Album für jede Gelegenheit, für aufgeschlossene Hörer aber ein weiteres Highlight in der Diskografie der Amerikaner.
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Wertung: 9 / 10


