
Erst technischer Death Metal, dann spaciger Ambient – und mit „Absolute Elsewhere“ (2024) dann ein kruder Mix aus beidem: BLOOD INCANTATION haben ihre Hörerschaft und irgendwie auch die Metal-Szene im Ganzen ähnlich durchgewirbelt wie Pestilence Anfang der 1990er-Jahre.
Faszinierender Weise sind BLOOD INCANTATION mit dieser stilistischen Achterbahnfahrt allerdings nicht in einer Nerd-Nische geendet – sondern haben einen regelrechten Hype ausgelöst, der Sogwirkung entfacht: Die „Absolte Elsetour – Europe 2025“ ist in weiten Teilen ausverkauft – und das, obwohl diverse Shows vorab noch in größere Hallen hoch verlegt wurden. So auch in München: Statt im Hansa 39 steigt die Show in der mehr als doppelt so großen Tonhalle – und selbst das ist noch zu klein: Auch hier hängt schon vor Einlass das „Ausverkauft“-Schild an der Tür.
Profiteure sind zunächst einmal MINAMI DEUTSCH, die sich als Vorband um 20:30 Uhr bereits über wohl unerwartet viele Zuhörerinnen und Zuhörer freuen dürfen. Wo wäre das angemessener denn in München – immerhin ist der Bandname der Japaner eine Art „Hommage“ an Süddeutschland („Minami“ (南) bedeutet im Japanischen „Süden“). Was MINAMI DEUTSCH damit zum Ausdruck bringen wollen, wird musikalisch schnell klar – ist die Band doch hörbar Krautrock-beeinflusst. Über 40 Minuten hinweg bieten MINAMI DEUTSCH vornehmlich repetitive Grundstrukturen, die insbesondere die beiden Gitarristen mit furiosen Soli garnieren, für die es nicht nur einmal Szenenapplaus gibt. Dass die Truppe auch optisch so klischeehaft auftritt, als sei sie eigentlich für einen Quentin-Tarantino-Film gescriptet, passt zur japanischen Liebe zum Stereotyp – und in der Summe auch in das heutige Programm. Schließlich spielen auch Blood Incantation gerne und reichlich mit Klischees.
So fällt es schwer, bei den beiden (zugegebenermaßen im genau richtigen Maßstab gebauten) Obelisken am Bühnenrand nicht an „Spinal Tap“ zu denken – und auch, dass später im Set der Klöppel für den gewaltigen Gong in den Händen von Drummer Isaac Faulk in seine Einzelteile zerfällt, entbehrt nicht der Komik. Hinzu kommt der bemüht oldschoolige Look der eigentlich noch gar nicht so alten Jungs aus Colorado, die den Schnauzer so zelebrieren wie die langen Haare trotz eklatantem Haupthaarmangel. Das eigentlich nerdige ist aber – natürlich – die Musik und ihre Darbietung: Gemeinsam mit dem Schweden Nicklas Malmqvist, der die Band wie schon im Studio nun auch live an Keyboard und Synthesizer unterstützt, gelingt BLOOD INCANTATION tatsächlich eine technisch blitzsaubere, vom Sound her kraftvolle und damit atmosphärisch absolut stimmige Darbietung ihres aktuellen Albums – denn darauf läuft es zunächst hinaus.
Auf Interaktion mit dem Publikum verzichten BLOOD INCANTATION weitestgehend – warum, wird deutlich, als Paul Riedl es nach „The Stargate [Tablet III]“ unerwartet mit einem Witz probiert: Die erste Hälfte der Platte sei nun durch, irgendwer müsse sie umdrehen. Dass Riedel dabei todernst bleibt und mit vehementem Fingerzeig einen Fan damit beauftragt, sorgt eher für Verwirrung als für Erheiterung – zumal Riedl nicht aufgibt, ehe der arme Kerl mit Unterstützung aller Umstehenden pantomimisch die zweite Seite aufgelegt hat. Im weiteren Verlauf beschränkt sich Riedl vornehmlich auf Headbangen sowie „Tretminen-Stepptanz“ – denn selbstverständlich tritt eine Band wie BLOOD INCANTATION nicht mit Multieffektboards, sondern einem bunten Sammelsurium aus Einzel-Effekten an. Doch auch ohne viel Auflockerung ist die Darbietung erstaunlich kurzweilig: Ehe man sich versieht, ist „Absolute Elsewhere“ bereits durchgespielt. Es folgen mit „Inner Path (To Outer Space)“ und „Obliquity Of The Ecliptic“ noch je ein Song der beiden Vorgängeralben, verbunden durch ein kurzes Synthesizer-Solo – und noch vor 23:00 Uhr ist nach exakt 65 Minuten Spielzeit Schluss.
- The Stargate [Tablet I]
- The Stargate [Tablet II]
- The Stargate [Tablet III]
- The Message [Tablet I]
- The Message [Tablet II]
- The Message [Tablet III]
- Inner Paths (To Outer Space)
- Obliquity Of The Ecliptic
BLOOD INCANTATION präsentieren sich live als genau die Nerds, die man hinter einem Album wie „Absolute Elsewhere“ erwartet – ob unbedarft oder ironisch, bleibt offen. So oder so werden die Amerikaner den Erwartungen damit wirklich in jeder Hinsicht gerecht, denn neben der Optik gehört dazu natürlich auch eine in jedem Ton hörbare Pedanterie, was Sound und Darbietung angeht. Stimmiger, aber auch besser könnte man dieses Album live kaum inszenieren – der Über-Hype um die Band lässt sich zumindest anhand des Gebotenen aber nicht restlos aufklären.
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