Bokassa Molotiv Rocktail

Review Bokassa – Molotov Rocktail

BOKASSA sind hierzulande womöglich auch nicht bekannter als der zentralafrikanische Diktator aus dem 20. Jahrhundert, nach dem sich die Norweger benannt haben. Zumindest in der Szene dürften sie jedoch im Jahr 2019 einen außerplanmäßigen Popularitätsschub erfahren haben: Lars Ulrich hatte das Trondheimer Trio für sich entdeckt und sie vor lauter Begeisterung als Opener für die Metallica-Tour eingeladen. Seitdem wurden BOKASSA nicht nur für den Spellemann-Preis nominiert, sondern legen nun via Napalm Records auch ihr drittes Album „Molotov Rocktail“ vor.

Seinen Stil bezeichnet der Dreier selbst als „Stoner Punk“, und in der Tat lässt sich die Musik von BOKASSA grob an der Schnittstelle zwischen Hardcore Punk und Stoner Rock einordnen. Das zeigen die drei Skandinavier bereits nach dem erhaben, aber nicht schwülstig wirkenden Intro „Freelude“ mit dem Quasi-Opener „So Long, Idiots!“: ein flotter Rocker, dessen Strophen Drummer Olav Dowkes mit zackigem Punkbeat durchpeitscht und Sänger Jørn Kaarstad mit heiserer Hardcore-Röhre würzt. Im Refrain hingegen geben sich BOKASSA zarter: Klarer Gesang, eine melodische Leadgitarre und Backing-Chöre sorgen für harmonisch-hymnische Momente. In der Schlussvariante nach dem stonigen Wah-Gitarrensolo kommt mit den Oi-/Streetpunk-Gesängen sogar ein wenig Fußballstadion-, äh, Live-Atmosphäre auf. Dass „Stoner Punk“ dennoch zu kurz greift, beweisen in der Folge „Pitchforks ’R’ Us“ und „Hereticules“, die mit deutlichen Metal-Anleihen aufwarten. Während ersterer Track aggressives Tremolo-Picking als Signature-Riff bietet, faucht Kaarstad in letzterem fast schon schwarzmetallisch, ehe der Song in einem Doublebass-Finale endet – von den tonnenschweren, groovenden Gitarren-Parts ganz zu schweigen.

Was nun BOKASSA von der Nullachtfünfzehn-Stoner-Punk-/Metal-Band unterscheidet, ist der Variantenreichtum, den das Trio auf „Molotov Rocktail“ untergebracht hat und mit dem es Genre-Schubladendenkern Kopfschmerzen bereitet. So setzt die Combo zum einen neckische Frauenchöre ein (z. B. Titeltrack, „Careless …“), die zuweilen wie Cheerleaderinnen in Erscheinung treten („Pitchforks ’R’ Us“), lassen Bläser in den Refrains spielen (z. B. „Hereticules“, „Burn It All …“), ihre Refrains vom Piano begleiten („Code Red“) oder nur wenige Sekunden währende Parts einfließen, in der die Akustik- statt die E-Gitarre zu den Drums herangezogen wird. Auch im perkussiven Bereich beweist die Gruppe Freude an der Vielfalt und lässt neben rhythmischem Händeklatschen die Kuhglocke, das Vibraslap oder die Ratschgurke ertönen. Zum anderen wissen BOKASSA die Hörer*innen mit sehr kurzen Einschüben – oft nur akzentartig – aus der routinehaften Erwartungshaltung herauszureißen: Das mag, wie eben erwähnt, ein kleiner Akustikpart sein, wo man eigentlich ein donnerndes Riff erwartet, kann aber auch eine winzige Breakdown-Passage sein – wie ein einzeln gesetztes Ausrufungszeichen –, mit dem die Band ihr Songwriting auflockert.

Auf diese Weise rotzen die drei Norweger punkig wie die Murderdolls oder die Backyard Babies. Sie wirbeln Wüstensand auf wie Kyuss („Code Red“) oder Fu Manchu und stampfen wie Mustasch („Low (And Behold)“). Sie geben sich mal bluesig-psychedelisch wie Monster Magnet, mal säuseln sie wie Josh Homme von den Queens Of The Stone Age („Godless“). Und auch Assoziationen an ihre Landsmänner von Gluecifer, Turbonegro und Kvelertak oder die Amis von Red Fang weckt das Trio. Das Kunststück dabei ist, dass sie trotzdem – oder gerade wegen der Mischung? – wie BOKASSA klingen und nicht wie ein müder Abklatsch dieser Bands. Das gelingt der Combo nicht zuletzt mit ihrer Geheimwaffe: Über die Hälfte der Songs sind mit ohrwurmverdächtigen Hooks ausgestattet, die sich im Gehörgang festsetzen. Selbst der knackige Titeltrack, der mit seinen gut zwei Minuten gar nicht erst mit einer Strophe-Refrain-Struktur daherkommt, bleibt im Kopf. Einzig für den Rauschmeißer, den achtminütigen Doom-Brocken „Immortal Space Pirate 3: Too Old For This Sith“ muss man etwas Geduld mitbringen.

Auf ihrem dritten Album haben BOKASSA Stilelemente eingeführt, die über die Genregrenzen hinausgehen, die von den ersten beiden Platten abgesteckt wurden. Ob sich damit eine schleichende „Volbeatisierung“ der Band – also eine Öffnung hin zu einem breiteren Publikum bei gleichzeitigem Vergraulen alter Fans – ankündigt, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch: Bislang geht die Rechnung auf. Mit „Molotov Rocktail“ bietet das norwegische Trio einen gelungenen, eigenständigen Mix aus rotzigem Hardcore Punk, stampfenden Stoner-Riffs, metallischer Härte und eingängigen Singalong-Refrains. Manchmal hat eben auch Lars Ulrich recht.

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Wertung: 8 / 10

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