Wie oft haben sich BRING ME THE HORIZON den Vorwurf anhören müssen, sich für ihre Deathcore-Wurzeln zu schämen und ihr Frühwerk deshalb nicht mehr live zu spielen? Zugegeben, zwischen Pop-Songs der Marke „Follow You“ wären Deathcore-Brecher wie „Pray For Plagues“ oder „Black & Blue“ sicherlich ein harter Stilbruch, und doch sind sie Teil der musikalischen Entwicklung der Briten. Laut Band ist das Debüt aber nur deshalb in der Mottenkiste verschwunden, weil sie mit der Produktion und dem klanglichen Endergebnis absolut nicht zufrieden waren. Zum 20. Geburtstag wollen BRING ME THE HORIZON diesen Makel nun beheben und haben ihren Erstling unter dem Titel „Count Your Blessings | Repented“ komplett neu eingespielt.
Am Songmaterial selbst wurde nichts verändert, an den Reglern nahmen diesmal Frontmann Oli Sykes und Gitarrist Lee Malia persönlich gemeinsam mit Buster Odeholm (u. a. ORBIT CULTURE) Platz. Am Ergebnis werden sich die Geister scheiden, denn wer den rohen Sound des ursprünglichen Albums mochte, wird mit „Count Your Blessings | Repented“ nicht viel anfangen können. Die Neueinspielung bewegt sich zwar weit weg vom extrem klinischen Sound aktueller Deathcore-Bands, klingt aber natürlich dennoch viel glatter, wuchtiger und moderner.
Von Überproduktion kann dennoch keine Rede sein, die Gitarren fräsen sich nach wie vor rau in die Gehörgänge, Breakdowns knallen trocken aus den Boxen und der Sound hat immer noch Ecken und Kanten. Stichwort Breakdowns: Erst auf „Count Your Blessings | Repented“ wird einem so richtig bewusst, wie viele Breakdowns BRING ME THE HORIZON wirklich in die Songs gebaut haben. Mit unfassbarer Wucht knallen sie nun gefühlt alle paar Sekunden aus den Boxen und gehen direkt in die Magengrube, wie etwa „For Stevie Wonders Eyes Only (2006 Repented)“ oder der legendäre „Move!“-Break in „Tell Slater Not To Wash His Dick (2006 Repented)“ eindrucksvoll beweisen.
Auch am anderen Ende des Spektrums ist „Count Your Blessings | Repented“ eine deutliche Verbesserung gelungen, denn die filigranen Soli und Schwedentod-Melodien von Lee Malia kommen nun voll zur Geltung. Was im Original-Mix fast vollkommen im Sound-Brei unterging, kann jetzt u. a. in „Black & Blue (2006 Repented)“ glänzen. Ein Album für Ästheten wird „Count Your Blessings | Repented“ aber trotzdem nicht mehr, denn nach wie vor kann man dem Erstling sein chaotisches Songwriting, den monotonen Aufbau und den Drang, zu viel auf einmal zu wollen, zum Vorwurf machen.
Zum Abschluss gibt es mit „Dehumanized“ sogar noch einen brandneuen Track als Zugabe. BRING ME THE HORIZON haben sich dafür spürbar von ihrem Debüt inspirieren lassen, denn statt aktuell so beliebtem Orchester-Pomp oder ultra-technischen Riffs, gibt es klassischen Deathcore. Beeindruckend ist besonders die Leistung von Oli Sykes, der die wohl fiesesten Growls seiner Laufbahn abliefert. Wie man hört, hat es das Quartett immer noch in sich und vielleicht sind die Hoffnungen auf eine ganze EP oder sogar ein Album mit neuen Deathcore-Songs nicht ganz vergeblich.
Über Sinn und Unsinn von Neueinspielungen lässt sich immer streiten. Doch BRING ME THE HORIZON legen mit „Count Your Blessings | Repented“ eine gelungene Neuauflage ihres Debüts vor. Was als schlecht produzierter Erstling sicherlich auch seinen Charme hatte, klingt nun modern, differenziert und wuchtig und damit genau so, wie es sich die Band schon vor 20 Jahren vorgestellt hat. Bleibt abzuwarten, ob damit nun wirklich wieder mehr Deathcore-Songs ihren Weg in die Live-Sets finden werden.
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