CD-Review: Enslaved - E

Besetzung

Grutle Kjellson - Gesang, Bass
Ice Dale - Leadgitarre
Ivar Bjørnson - Gitarre
Cato Bekkevold - Schlagzeug
Håkon Vinje - Keyboard, Klargesang

Gastmusiker:
Einar Selvik - Gesang (Track 6)

Sessionmusiker:
Daniel Måge - Flöte (Track 5)
Kjetil Møster - Saxophon (Track 6)

Tracklist

1. Storm Son
2. The River's Mouth
3. Sacred Horse
4. Axis Of The Worlds
5. Feathers Of Eolh
6. Hiindsiight


“Wir trennen uns von der Vergangenheit. 2016 war das 25-jährige Bandjubiläum von ENSLAVED und das stellte einen wirklich wichtigen Punkt für uns und die Fans dar. Aber jetzt steuern wir neue Horizonte an…“

Mit diesen Worten beginnen ENSLAVED ihr Promoschreiben, das ihr Label Nuclear Blast im Rahmen der Veröffentlichung ihres 14. Studioalbums mit dem Namen „E“ (beziehungsweise der lateinischen Darstellung der titelgebenden Rune „Ehwaz“) an die Presse herausgibt. Doch so oft man derartige Sätze schon gehört hat – in diesem Fall ist da durchaus was dran. Ende 2016 gab Herbrand Larsen, Keyboarder und vor allem Clean-Sänger der Band, plötzlich seinen Ausstieg bekannt. Mit ihm fiel eines von ENSLAVEDs markantesten Hauptmerkmalen weg. Eine Neuausrichtung, welcher Art auch immer, konnte nur die logische Konsequenz sein. Zur Überraschung vieler kam dann die Ankündigung, dass erneut ein Keyboardspieler mit Klargesang der Band beigetreten war: der mit 25 Jahren bemerkenswert junge und vollkommen unbekannte Håkon Vinje.

Hätte dieser Wechsel tatsächlich die Chance geboten, eine ganz andere Richtung einzuschlagen, haben die Norweger sich also entschieden, einen direkten 1:1-Ersatz für Larsen in die Band aufzunehmen. Tatsächlich, so skeptisch diese Idee zunächst machen mag, erfüllt Vinje seine Rolle ausgezeichnet: Zwar wird es sicherlich einige Zeit dauern, bis langjährige Fans sich an die neue Stimme gewöhnt haben, den Gesangsstil Larsens kann Vinje jedoch bestens imitieren. Im Keyboardspiel zeigt sich der junge Musiker sogar noch ein Stück experimenteller in Sachen Soundauswahl, auch wenn so manches Solo noch etwas planlos klingt.

Ansonsten wird aber auf „E“ sehr schnell klar, was die Band mit „neue Horizonte“ meint. Bereits das Intro des Openers „Storm Son“ fasst den Post-Rock-orientierten Stil der Platte gut zusammen und demonstriert dabei auch gleichzeitig deren größtes Problem: Alles auf „E“ fühlt sich so furchtbar unnötig langgestreckt an. Viel zu oft wiederholt die Band bei fast jedem Stück ihre Riffideen, ohne dass es dafür eine wirkliche musikalische Rechtfertigung gibt. Im Gegensatz zu vielen anderen Post-Rock-Bands komponieren ENSLAVED keine hypnotischen, meditativen Riffs, bei denen sich solche stumpfen Wiederholungen positiv auf die Hörerfahrung auswirken. Sie werden dadurch lediglich langweiliger.

Womit auch gleich der zweite große Makel der Scheibe angesprochen wäre. Es ist nicht so, dass die Riffs, die Melodien, die Ideen auf „E“ schlecht wären. Was ENSLAVED hier zusammengestellt haben, ist aus kompositorischer Sicht immer noch große Klasse. Und doch: Für einer Band, die seit über 15 Jahren ausnahmslos absolut hervorragende Stücke abliefert, ist nur „gut“ statt „herausragend“ dann eben doch ein wenig enttäuschend. Am stärksten zeigt sich die Formation beim kürzesten Song des Albums: „The River’s Mouth“ erinnert mit seiner einfachen Struktur und dem eingängigen Refrain erfreulicherweise an den Midtempo-Hit „Building With Fire“ vom Vorgängerwerk „In Times“.

Auch das abschließende „Hiindsiight“ kann mit melancholischen Riffs, einem schönen Saxophonpart und dem Gastauftritt Einar Selviks (Wardruna-Mastermind und Gitarrist Ivar Bjørnsons Bandkollege bei Skuggsjá) einige Punkte sammeln. „Feathers Of Eolh“ dagegen ist mit seinen vielen stimmigen Klargesängen quasi das Vorzeigestück für das neue Bandmitglied. Doch bei all dem bleibt eben trotzdem der Eindruck, dass viele der musikalischen Ideen wie zurückgestellte B-Side-Konzepte wirken, die für „E“ nun relativ wahllos zusammengebaut wurden. „Storm Son“ klebt viele einzeln betrachtet tolle, groovige und atmosphärische Riffs recht kontextbefreit zusammen, das bluesige „Axis Of The World“ will dagegen von Grund auf nicht richtig zünden. Das ist schade, weil man weiß, dass ENSLAVED das besser können.

Ist „E“ deshalb nur mittelmäßig oder sogar gänzlich misslungen? Keinesfalls. Wie bereits beschrieben, sind die komponierten Segmente immer noch von so hoher Qualität was Kreativität, handwerkliche Umsetzung und Wiedererkennungswert angeht, dass kein Fan der Truppe hierbei die Flucht ergreifen dürfte. Das alles klingt immer noch zu 100 Prozent nach ENSLAVED, die nun seit etlichen Jahren zu den besten Bands im Progressive Black Metal gehören. Aber wer so einen Status hat, der schürt gewisse Erwartungen, die weit über denen anderer Bands liegen. Diese kann „E“ leider nicht, oder zumindest nur in Teilen erfüllen. Wirklich vom Kauf abraten möchte man trotz allem nicht, denn auch Werk Nummer 14 hält dann ja letztlich doch viele schöne Momente bereit, die man nicht missen will.

Bewertung: 7.5 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: