CD-Review: Enslaved - In Times

Besetzung

Ivar Bjørnson - Gitarre, Hintergrundgesang, Synthesizers
Arve Isdal - Gitarre
Grutle Kjellson - Bass, Gesang
Herbrand Larsen - Keyboards, Mellotron, Gesang
Cato Bekkevold - Schlagzeug, Percussion

Tracklist

1. Thurisaz Dreaming
2. Building With Fire
3. One Thousand Years Of Rain
4. Nauthir Bleeding
5. In Times
6. Daylight


Ein Querschnitt durch die mittlerweile 13 Scheiben umfassende Diskographie von ENSLAVED befördert die Erkenntnis zu Tage, dass die Norweger vor allem eines können (außer ihre Instrumente astrein beherrschen), nämlich überraschen. Nicht durch eine prinzipielle Genre-Abkehr oder durch außergewöhnlich fremd klingende Töne, wie es ihre Landsleute von Solefald mit ihrer aktuellen Platte wieder erfolgreich zur Schau stellen, sondern durch unterschiedliche Charaktere, welche ENSLAVED ihren Alben geben. Beziehungsweise bisher immer gaben.

So beinhaltet beispielsweise „Ruun“ (2006) kraftvolle wie atmosphärische und ebenso eingängige Songs wie ein „Entroper“ oder „Heir To The Cosmic Seed“, hingegen das zuletzt veröffentlichte „RIITIIR“ (2012) besonders durch Vielschichtigkeit, Abwechslung und ungeahnte Epik wie in „Roots Of The Mountain“ punkten kann. Auf dem aktuellen  Studioalbum des Quintetts findet sich von all dem Genannten auf Anhieb wenig, denn im ersten Durchgang erinnert „In Times“ nur gering an ein vorheriges ENSLAVED-Album, obgleich dennoch klar ist, dass „In Times“ nur aus der Feder von ENSLAVED stammen kann – irritierend.

Der typische Klargesang von Herbrand Larsen bekommt wieder ausreichend Platz, um sich zu entfalten, besonders im sanften „Daylight“. Arve Isdal alias Ice Dale schreddert seine Saiten für seine immer mehr Raum einnehmenden Soli (anscheinend darf er diese nicht mehr nur bei seiner Zweitband Audrey Horne unterbringen) und Ivar Bjørnson grummelt sich so eindrucksvoll durch die sechs Songs, dass Grutle Kjellson (zumindest im musikalischen Sinne) zunehmend an Stimmrecht zu verlieren scheint. Und obwohl die Tracks nicht mit einer verspielten Melodik wie auf „Ruun“ oder der Variation von „RIITIIR“ ausgestattet sind, hört man die ENSLAVED-Trademarks ganz klar heraus. Die werden aber leider so unspannend dargeboten wie das Cover-Artwork, sodass „In Times“ nicht nur musikalisch, sondern auch von der künstlerischen Aufmachung her im Schatten von „RIITIIR“ steht. Obwohl der Opener „Thurisaz Dreaming“ noch den Eindruck vermittelt, dass es sich bei der aktuellen CD um einen idealen Verbund von progressiven Metal mit klarer Black-Metal-Note handelt, wird in den darauffolgenden fünf Songs deutlich, dass ENSLAVED ihre Trademarks schlichtweg ähnlich kombinierten, anstatt damit jonglierten.

„In Times“ verfügt nicht über diesen Charakter, der den älteren Platten der Norweger innewohnt, da sich das Album nicht klar von den bisherigen Veröffentlichungen abgrenzen kann. Es mangelt an Eigenständigkeit und die ENSLAVED zu Beginn der Review zugetragene Fähigkeit zum Überraschen muss ihnen mit „In Times“ aberkannt werden, denn das Album bietet dem Hörer nichts, was er nicht schon vorherigen Alben finden konnte und verleitet eher dazu, mal wieder in den Vorgänger hören zu wollen. ENSLAVED reproduzieren sich zwar auf hohem Niveau, aber eine Nachbildung ist und bleibt eben auch nur eine Nachbildung.

Bewertung: 7 / 10

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6 Kommentare zu “Enslaved – In Times”

  1. Tobias

    Endlich mal Jemand, der nicht in diese ganzen Jubelarien einstimmt. Ich mich schon die ganze Zeit gefragt, ob ich ein anderes Album gehört habe. Ich bin ein Enslaved Fanboy und zutiefst von der Platte enttäuscht. Dem Klargesang fehlt es genauso an Dynamik wie dem gesamten Songwriting der Platte. Der Großteil der Songs plätschert einfach so dahin. Der Sound ist OK, aber den SOngs fehlen die Ecken und Kanten. Die Platte ist harmlos, fast schon ein Stück belanglos. Leider nur 6,5 Punkte.

    Irgendwann musste mal ne schwache Platte kommen. RIITIIR war schon nicht uneingeschränkt geil, hatte aber wenigstens mit “Roots Of The Mountain” noch einen modernen Klassiker an Bord. Enslaved, nehmt euch mehr Zeit und einen externen Produzenten. Songs sollten nur dann die acht Minuten Grenze überschreiten, wenn auch was passiert.

  2. Sarah Punke Post Author

    Viele wahre Sätze, Tobias, besonders die bezüglich der Dynamik und der Harmlosigkeit dieser Scheibe. Ich persönlich habe die Befürchtung, dass eine Platte wie „In Times“ leider kein Ausrutscher war, keine Momentaufnahme. Im schlimmsten Fall deutet es das zukünftige musikalische Nonplusultra der Band an.

  3. Moritz Grütz

    Muss leider mit einstimmen – habe bis dato kein langweiligeres, generischeres ENSLAVED-Album gehört. Aller Charakter fehlt, alle Individualität – klingt wirklich wie aus dem ENSLAVED-Songbaukasten. Dass sie ein „Ruun“ nicht mehr erreichen werden, war mir schon länger klar, aber dass die „Verweichlichung“ der Musik auch in diesem Fall über die Jahre in die Belanglosigkeit führt, hätte ich bei ENSLAVED noch zu „Vertebrae“-Zeiten nicht gedacht. Schade :(

  4. Simon Bodesheim

    Der Release ist ja jetzt schon länger her, aber ich muss jetzt doch noch was dazu sagen, da hier ja große Einigkeit bei der Kritik herrscht: Ich stimme kein Stück zu. Das Album stellt die perfekte, ausbalancierte Mitte zwischen dem straighten (und meiner Meinung nach besten) Album „Axioma Ethica Odini“ und dem zweifellos tollen, aber auch etwas zu verschwurbelten „RIITIIR“ dar. Mit „Building With Fire“, „Thurizas Dreaming“ und vor allem „One Thousand Years Of Rain“, dessen Mainriff mit zum Besten gehört, was Enslaved je geschrieben haben, sind absolute Instantklassiker dabei und auch die anderen Songs können einiges. Ansonsten ist die Scheibe super ausgeglichen zwischen Prog-Ausflügen und geradlinigem, gefälligem Songwriting mit supereingängigen Cleangesangpassagen, bei denen Herbrand sicherer und besser klingt als je zuvor. Fantastisches Teil und für mich eines ihrer besten Alben. Würde 8.5/10 vergeben.
    Ach ja, was alle an „Vertebrae“ so toll finden, verstehe ich bis heute nicht. Mieser Sound, keine Hits, wenig Wiedererkennungswert. Meh… „Ruun“ und „Isa“ sind aber natürlich zweifellos auch sehr, sehr starke Alben.

  5. Sarah Punke Post Author

    Mensch, da rumorte es über ein Jahr lang in dir, hm? :)

    Intereesant, was du so schreibst; ich möchte kaum glauben, dass das deine Wahrnehmung dieser Platte sein soll, denn auch mit dem zeitlichen Abstand finde ich nach wie vor nicht besser in die Platte als zu der Zeit, als ich die Rezension schrieb.

    Aber hey, die nächste Platte könnte glatt ein positives wie negatives Review zur Folge haben, oder? ;)

  6. Simon Bodesheim

    Hehe^^ Nicht ganz, ich habe deinen Text besucht, um ihn im aktuellen Konzertbericht zu verlinken, bei der Gelegenheit noch mal durchgelesen und dann die Kommentare darunter gesehen. Also ich meine, 7 Punkte sind ja auch echt nicht wenig und dass jeder die Alben etwas anders wertet ist ja eh klar, mich wundert nur die Einigkeit darüber, dass das hier ein eher schwächeres Album darstellt. Auch gestern beim Konzert haben die Songs von „In Times“ live wieder bestens funktioniert und die Leute haben sie (zu Recht) ebenso gefeiert wie die anderen. :D Aber naja, dafür geht’s mir ja wie gesagt bei der „Vertebrae“ so ;)

    Mal sehen, aber wenn der Unterschied auch wieder nur 1-2 Punkte sind, wird sich’s ja kaum lohnen. Ich glaube bei KEEP OF KALESSIN wäre das wahrscheinlicher, da stehe ich ja wirklich größtenteils alleine mit meiner Begeisterung da und da wäre der Unterschied dann vermutlich auch groß genug. ;)

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