Gaerea Loss Coverartwork

Review Gaerea – Loss

Hype und Hate liegen nah beisammen – das haben im Internet schon viele zu spüren bekommen, auch in der Musik. GAEREA erleben derzeit beides: Mit ihrem Stilwechsel im Sauseschritt, von den Spitzenreitern des Strumpfmasken-Black-Metal hin zur angeschwärzten SLEEP-TOKEN-Version, unterstützt von herausragenden Visuals, hat sich die Band eine große Anhängerschaft erspielt. Zugleich haben die Portugiesen schon mit ihrem vierten Album „Coma“ (2024) ihre in kürzester Zeit erspielte „erste Fanbase“ vor den Kopf gestoßen und zum Teil wieder verloren. Mit „Loss“ machen GAEREA mit allem weiter: mit den herausragenden Visuals, mit dem Stilwechsel und damit auch mit dem Vor-den-Kopf-Stoßen.

Bereits der Opener „Luminary“ ist ein gelungener Mix aus Groove Metal, catchy Klargesang und einem ruhigen Akustik-Part mit geflüsterten Vocals. Das Stück ist ein Kleinod – allerdings eben des modernen Metal, in einer Kategorie mit Bands wie ORBIT CULTURE und Konsorten. Unter Black-Metallern dürfte dieser Track nur noch für Kopfschütteln sorgen. Und das ist erst der Anfang: „Submerged“ führt das Konzept weiter: Die harten Parts sind allesamt mit extrem viel Melodie ausgeschmückt, dazwischen gibt es pathetische Cleangitarren-Einschübe mit gesäuseltem Gesang, Keyboard und Elektronica – spätestens hier ist der SLEEP-TOKEN-Vergleich unausweichlich. Durch die zusätzliche Härte erschaffen sich GAEREA dennoch ihre eigene Nische.

Wer Melodik generell abgeneigt ist, den oder die haben GAEREA an dieser Stelle wohl eh schon verloren – umso überraschender ist, dass die Band sich ausgerechnet jetzt darauf zu besinnen scheint, dass ein kompletter Stilwechsel riskant sein könnte: Mit „Hellbound“ und „Uncontrolled“ bieten GAEREA jedenfalls Fans der härteren Gangart Futter – wenn man ehrlich ist, hätte man sich das aber an dieser Stelle auch schon sparen können. Insbesondere „Uncontrolled“ lässt die Spannungskurve doch gefährlich abflachen, und so richtig ändert daran auch „Phoenix“ nichts: Das Intro mit Piano ist schön und der IN-FLAMES-ige Refrain krallt sich ins Ohr, ansonsten hat der Song aber wenig zu sagen.

Im Kontrast dazu ist ausgerechnet das einschüchternd „Cyclone“ betitelte Stück so ruhig und modern wie kein Song zuvor: Sphärische Cleangitarre und modern gemixter Klargesang eröffnen das Stück, ehe nach knapp anderthalb Minuten ein GAEREA-typisch melodisches Riff einsetzt und sich der für „Loss“ typische, extrem stimmreiche Screaming-Gesang hinzugesellt. Wäre das Album ein Song, wäre es wohl dieser – auch weil er zwar stark ist, zugleich aber nicht ganz erfüllt, was er verspricht und streckenweise vor sich hin plätschert.

Warum GAEREA ausgerechnet an dieser Stelle eine Art Interlude mit Trap-/Electro-Vibe einfügen, das selbst basierend auf dem bisher Gehörten nicht an GAEREA denken lässt, ist nicht selbsterklärend. Wenn, dann hätte dieses vor das finale „Stardust“ gepasst. Denn „Nomad“ ist wieder ein sehr schöner Song nach dem nunmehr bekannten Muster (melodischer Extreme Metal plus catchy Klargesang, dazu der vielleicht schönste Refrain des Albums). Mit „Stardust“ hingegen verlassen GAEREA mit Gesang im Autotune-als-Effekt-Stil den noch halbwegs sicheren Hafen ihres bisherigen Schaffens für zweieinhalb Minuten komplett, bevor es abrupt zurück zum Extreme Metal geht und die Band schlussendlich beides meisterhaft verpaart. Wer diesen Song mag, ist für eine Zukunft als GAEREA-Fan gut gerüstet. Wer sich an diesem Stück stößt, wird sich mit der Gruppe künftig schwertun – und auch „Loss“ nur in Teilen etwas abgewinnen können.

Dass sich GAEREA trotz ihres unaufhaltsamen Strebens zu neuen Ufern selbst nochmal eingebremst haben, ist bei dem Tempo, das die Band vorlegt, überraschend – vor allem aber schade. Denn dort, wo GAEREA versuchen, ihre alten Fans nicht ganz zu verlieren, ist „Loss“ eher langweilig. Was dagegen funktioniert und die Band weiter nach oben spülen wird, sind die Songs, die so gar nichts mehr mit ihren Black-Metal-Wurzeln zu tun haben. Dass GAEREA in den Tracks, die wohl die Zukunft der Band anklingen lassen, nicht mehr nur in Richtung SLEEP TOKEN schielen, sondern sehr offensiv starren, kann man ihnen vorwerfen. Oder man erkennt an, dass GAEREA die Stimmung in der Szene aufgenommen und geliefert haben, wonach es grade den Nachwuchsfans gelüstet.

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Wertung: 8 / 10

Moritz Grütz

Publiziert am von

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