Review Haken – L-1VE

Die ersten Töne erklingen, die Freude im Publikum schwillt langsam an, die Zurufe werden lauter. Backstage formiert sich das Sextett um Sänger Ross Jennings, die Blicke konzentriert. Die Instrumentalfraktion von HAKEN betritt nun die Bühne und der Schlagzeuger trommelt sich in den Beginn des Konzertes, welches Jennings, eingetaucht in grasgrünes Licht, mit glasklarer Stimme zu „affinity.exe/ Initiate“ eröffnet. Es ist das Jahr 2017, wir befinden uns in Amsterdam im legendären Melkweg am letzten Abend von HAKENs Jubiläumstour anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens und dank „L-1VE“ können wir live dabei sein.

Auf dem heutigen Programm steht eine knapp zweistündige Setlist, deren Fokus auf den zwei umjubelten letzten Alben „Affinity“ (2016) und „The Mountain“ (2013) liegt. Dazwischen streuen die spielfreudigen Engländer den Titeltrack ihres 2011er Albums „Visions“ sowie ein Medley ihres Debüts „Aquarius“ (2010). Besonders dieses „Aquamedley“ getaufte Stück ist eine kleine Sensation, schließlich haben HAKEN hier sechs der auf dem Debüt befindlichen sieben Tracks zu einem Song zusammengefügt. Ihnen gelingt es, sechs Kompositionen zu einem 23-minütigen Guss zu formen. Für jeden Fan, der die Briten bei dieser Tour nicht live erleben konnte, sollte allein dieses Medley den Kauf von „L-1VE“ Wert sein!

Liebe zum Detail wird erstmalig beim dritten Track „1985“ deutlich, der das Videomaterial ab dem Keyboard-Intermezzo von Diego Tejeida in die Qualität bringt, die für Videomaterial der 1980er Jahre nur allzu bezeichnend war: alles andere als hochauflösend und schummerig. Ein gelungener Gag!

Bei „Red Giant“ macht sich die brilliante Tonabnahme der Songs bezahlt, denn die sich aufbauende Atmosphäre bis hin zum ausbrechenden Finale gelingt vor allem durch all die fein herausstechenden Zwischentöne. Gleiches gilt für Jennings‘ Gesang, der auf „L-1VE“ durchweg überzeugt: Jeder Ton sitzt, hebt sich von den Instrumenten ab und beweist einmal mehr, dass HAKEN sowohl instrumental als auch gesanglich mit Talenten aufwarten. Besonders das ruhige „As Death Embraces“ erzeugt Gänsehaut, obgleich es sich bei „L-1VE“ lediglich um ein Sofa-Konzert handelt.

Mit „Atlas Stone“ und „Cockroach King“ präsentieren die Engländer dann zwei Nummern, die sich als HAKEN-Hits etablieren konnten und auf dem Live-Album ebenso treibend und gefühlvoll aus den Boxen schallen, wie sie es auf „The Mountain“ erstmalig taten. Schade allerdings ist, dass die ersten Reihen des vollgefüllten Melkweg eher verhalten auf „Atlas Stone“ reagieren und sich nur vereinzelt bewegende Köpfe ausmachen lassen. Für den Genuss des Zuschauers vor dem Bildschirm ist das allerdings nicht weiter hinderlich, im Gegenteil: Nun heißt es die Anlage bis zum Anschlag aufzudrehen, sobald die ersten Töne des genialen „Cockroach King“ ertönen!

Im letzten Viertel des Konzertes trauen sich die Zuschauer nun auch endlich aus ihren Schneckenhäusern, sodass die Performance von „The Architect“ ebenso passend bejubelt wird wie das quirlige „The Endless Knot“. Im Anschluss folgen Backstage-Aufnahmen von den Augenblicken, in denen sich HAKEN auf den finalen Track des Abends, den Encore von „Visions“, vorbereiten. Das Publikum belohnt die Darbietung mit sichtlich mitgerissenen Gästen, denen dieser würdige Abschluss von „L-1VE“ sichtlich Gefallen bereitet.

Einzig die vereinzelten unscharfen Aufnahmen trüben wortwörtlich das Bild. Dass der Sucher zu lange zum Fokussieren benötigt, ist nicht ungewöhnlich, allerdings ist es fraglich, warum diese Momente nicht geschnitten und durch die Aufnahmen ersetzt wurden, an dem tatsächlich ein scharfes Bild im Kasten war. Da dieser Punkt allerdings das einzige Manko in einem ansonsten rundum gelungen Mitschnitt darstellt, der mit einer gut zusammengestellten Setlist überraschen kann, stellt „L-1VE“ genau das Geschenk dar, welches HAKEN ihren Fans zum Jubiläum machen wollten. Pflichtkauf für Fans und moderne Prog-Hörer!

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Wertung: 9 / 10

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