Review Khôrada – Salt

  • Label: Prophecy
  • Veröffentlicht: 2018
  • Spielart: Doom Metal

So schmerzhaft der unvorhergesehene Verlust von Agalloch auch war, die meisten Fans konnten sich mit Pillorian, John Haughms neuem Black-Metal-Projekt, schon kurz darauf einigermaßen gut darüber hinwegtrösten. Als einige Zeit später auch die übrigen Mitglieder der einstigen Folk-Black-Metal-Institution zusammen mit Aaron John Gregory (ehem. Giant Squid) mit einer neuen Band erneut die Bildfläche betraten, fielen die ersten Reaktionen deutlich kontroverser aus. Schon ihr erstes Lebenszeichen, das beinahe zwölfminütige „Ossify“, stellte vorab in Aussicht, dass sich KHÔRADA auf ihrem Debüt „Salt“ um ein Vielfaches sperriger präsentieren würden als der andere Agalloch-Abkömmling, dessen Ursprung von Anfang an wesentlich offensichtlicher war.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man die Behauptung aufstellen, Pillorian hätten Agallochs Black-Metal-Wurzeln vollends ausgegraben und ins Zentrum ihrer Musik gestellt, wohingegen sich KHÔRADA schlicht auf die übrig gebliebenen Doom-Metal-Reste gestürzt hätten. Damit täte man jedoch vor allem letzteren gehörig unrecht. Im Gegensatz zu „Obsidian Arc“, mit dem Pillorian ein zwar echt starkes, aber alles andere als unkonventionelles Debüt vorlegten, fordert „Salt“ die Hörerschaft in mancherlei Hinsicht heraus. Einfach zu erschließende Hitsongs oder auf Anhieb beeindruckende Extreme-Metal-Tracks wird man hier nicht vorfinden, denn das Erstlingswerk der Amerikaner ist eine jener Veröffentlichungen, die als Ganzes gehört und verinnerlicht werden wollen.

Ganz so, wie das von Cedric Wentworth kreierte, bizarre Artwork den Betrachter ohne den lyrischen und klanglichen Kontext eher ratlos zurücklassen würde, laufen KHÔRADA auch in musikalischer Hinsicht erst durch das Zusammenspiel der jeweils für sich betrachtet unscheinbaren Stilmittel zu Höchstform auf. Anstatt sich ausschließlich auf schleppend-dröhnende, spröde Gitarrensounds, kauzige Post-Rock-Einsprengsel, unbändiges Tremolo-Picking und Blasting („Seasons Of Salt“) oder wutentbrannten Schreigesang zu konzentrieren, zeigt das Quartett den Mut, die unterschiedlichsten Schattierungen zwischen diesen Extremen abzubilden.

Dass KHÔRADA es bewerkstelligen, die gegensätzlichsten Metal-Stilmittel sowie schwermütige Streicher („Glacial Gold“) und Bläser („Wave State“) unter einen wie angegossen sitzenden Hut zu bringen, spricht Bände über das Können und die Kreativität der dahinterstehenden Musiker. Besonders hervorzuheben ist außerdem der etwas gewöhnungsbedürftige, wehklagende und facettenreiche Gesang, der die pessimistisch-realistischen Texte, die den Umgang des Menschen mit der Natur skizzieren, auf erschütternde Weise nachfühlbar werden lässt („Water Rights“).

In Zeiten, in denen die USA einem ohnehin schon mäßig effektiven Klimaschutzabkommen den Rücken kehren und ein CO2-Emissionsskandal den nächsten jagt, sind es gerade Kunstwerke wie „Salt“, die das Potential haben, die allzu gleichgültige Allgemeinheit in ihrem Treiben aufzurütteln und zu sensibilisieren – sofern man mit offenen Ohren zuhört. Doch selbst, wenn man die unbequeme Wahrheit, die KHÔRADA auf ihrem Debüt predigen, außer Acht lässt, beeindrucken die experimentierfreudigen Doom-Metaller mit ihrem Einstiegswerk in sämtlichen Belangen. „Salt“ ist aufgrund seiner ungewöhnlichen Klangmalerei, seiner mitleiderregenden Vocals und seiner elendigen Grundstimmung alles andere als leichte Kost, doch gerade dadurch gelingt es KHÔRADA, ihrem Textkonzept gerecht zu werden und sich als einzigartiges Musikprojekt zu profilieren.

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Wertung: 9 / 10

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